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Was trägt Israel durch seine Politik zum Judenhass bei?

Die deutsche Antisemitismus-Forschung befindet sich in einem großen Dilemma / Mehr Geld vom Staat wird nicht helfen

Corona macht es möglich: Die Bundesregierung legt noch ein paar Millionen Euro für die Antisemitismus-Forschung drauf (insgesamt 12 Millionen Euro). Von dem Geld soll die interdisziplinäre Forschung profitieren und damit der Kampf gegen den Judenhass intensiviert werden. Der Antisemitismus-Beauftrage Felix Klein jubelt. Aber ob das Geld aber wirklich sinnvoll angelegt wird, daran muss man große Zweifel äußern. In einem Punkt muss man der Wissenschaftsministerin Anja Karlizcek aber sogar Recht geben: Die Corona-Krise produziert gerade auf dem Gebiet des Antisemitismus schlimme Blüten, einen unglaublichen und hanebüchenen Irrationalismus. Wer die Erkenntnisse der Virenforscher nicht zur Kenntnis nehmen will, der sucht die Ursache für den Antisemitismus in der jüdischen Weltverschwörung oder bei den „Weisen von Zion“ und glaubt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu sein. Dümmer geht es nicht!

Aber der Antisemitismus ist eine zu ernste Sache, als dass man darüber in Irrationalismus machen sollte. Es gibt den Judenhass leider noch immer in großer Verbreitung. Nur ob gerade die deutsche Forschung, so wie sie hierzulande betrieben wird, da weiterführt, ist wohl kaum anzunehmen. Da stehen als Hindernisse zu große Denkverbote im Wege – vor allem das ganz große Tabu Israel. Es ist ein gesichertes empirisches Faktum, dass die brutale Politik dieses Staates gegenüber den Palästinensern, seine Verachtung des Völkerrechts und der Menschenrechte diesem Volk gegenüber, heute eine der Hauptursachen für Antisemitismus in der Welt ist. Da es für die deutsche Politik und auch die Wissenschaft ein ungeschriebenes Dogma ist, dass Juden nur Opfer sein können und Israel der Staat der Opfer ist, haben sie sich selbst die Hände gebunden, die Realität dieses Staates und seiner Politik zu erkennen.

Woher der heutige Antisemitismus vorrangig kommt, wissen aufgeklärte Geister auch in Israel. So schrieb der Politiker Roman Bronfman von der Meretz-Partei schon vor Jahren in der Tageszeitung Haaretz: „Es ist an der Zeit, den Tatsachen nicht länger auszuweichen und sich die einfache bittere Wahrheit einzugestehen: In den Augen der Welt hat Israel seine Legitimation verloren, und dass es so gekommen ist, haben wir uns selbst zuzuschreiben. War der Antisemitismus bisher ausschließlich unter politischen Extremisten anzutreffen, so sorgt Israel mit seiner fortgesetzten Politik seiner grausamen Besatzung dafür, dass sich die antisemitische Stimmung ausbreitet und dass sie auch noch weiter angefacht wird.“ (Haaretz, 3. 11. 2003)

Israel liefert den echten Antisemiten also selbst die besten Argumente für ihren Judenhass. Sie können die israelische Unterdrückungspolitik zum willkommenen Vorwand nehmen, um Juden zu verteufeln. Würde Israel die Besatzung und die Unterdrückung der Palästinenser beenden, würde es diese Leute ihrer Argumente berauben und ihr wirkliches Weltbild bloßlegen. Israel selbst hat es also in der Hand, etwas gegen den Antisemitismus zu tun, hat aber offenbar gar kein Interesse daran.

Einer, der dieses Interesse Israels schonungslos offengelegt hat, ist der israelische Historiker Daniel Blatman von der Universität Jerusalem, der auch Direktor des Warschauer Ghetto-Museums ist, ein Mann, den man nun wirklich nicht in den Verdacht des Judenhasses bringen kann. Er lehnt den Begriff eines „neuen Antisemitismus“ ab und spricht von einem neuen „funktionalen Antisemitismus“, für den Israel nicht nur verantwortlich ist, sondern den es ganz bewusst selbst produziert: „Der traditionelle, vertraute Antisemitismus war gekennzeichnet durch eine vielfältige Feindseligkeit gegenüber Juden und Judentum, die Dämonisierung der Juden, die Beschäftigung mit ihren kollektiven Eigenschaften und ihren Geschäftsbeziehungen sowie Mythen und Stereotypen, die den Juden als inkarnierten Teufel darstellten. Der neue Antisemitismus der heutigen europäischen nationalistischen Populisten, deren Definition Deutschland übernommen hat, könnte als funktionaler Antisemitismus definiert werden. Er basiert auf dem Prinzip, dass jeder, den bestimmte Juden als antisemitisch definieren wollen, als solcher definiert wird.

Mit anderen Worten, es handelt sich nicht mehr um einen Antisemitismus, der zwischen Juden und Nichtjuden nach Kriterien wie Religion, Kultur, Nationalität oder Rasse unterscheidet, sondern um einen, der zwischen Antisemiten und Nicht-Antisemiten unterscheidet, nach Kriterien, die von der israelischen Regierung und von Juden und Nichtjuden, die ihn unterstützen, in Deutschland und anderen Ländern aufgestellt werden.

Was hier geschieht, ist nicht weniger als eine historische Revolution im Verständnis des Antisemitismus: Antisemitische Deutsche definieren nicht mehr, wer Jude ist, der aus der Gesellschaft verbannt werden muss, sondern bestimmte Juden definieren, wer ein Antisemit oder ein Philosemit ist, und die Deutschen nehmen ihre Meinung an. Funktionaler Antisemitismus definiert Juden und Nichtjuden gleichermaßen als Antisemiten, basierend auf einer Reihe von Eigenschaften, die dem aktuellen Nationalismus Israels entsprechen.“

Blatman spricht von „Hexenjagd“ in Deutschland auf Kritiker der israelischen Politik und schließt seine Ausführungen mit einer wenig schmeichelhaften Feststellung über die deutsche Politik in Bezug auf Israel – aufgehängt an dem BDS-Beschluss des Bundestages: „Es gibt eine bittere historische Ironie, jeden in Deutschland, der die gegenwärtige Politik Israels kritisiert, unterschiedslos als antisemitisch zu bezeichnen. So dient Deutschland dem brutalen rassistischen Konzept des Zionismus im heutigen Israel, so wie Deutschland früher [in der NS-Zeit] den Bedürfnissen des Zionismus diente, um den jüdischen Isolationismus zu fördern und zugleich so weit wie möglich auch die jüdische Auswanderung. [Er meint hier das Ha‘awara-Abkommen, das die Nazis 1933 mit den Zionisten geschlossen haben. Es sah vor, dass Juden, die auswandern wollten, ihr Vermögen zum Teil mitnehmen konnten.] Die Abgeordneten des Bundestages sind offenbar blind für den gewaltigen Unterschied zwischen der verzweifelten Situation der deutschen Juden in den 1930er Jahren und dem heutigen jüdischen Staat Israel.“ (Daniel Blatman: Vielleicht existiert, wenn es um Antisemitismus geht, kein anderes Deutschland? erschienen im Palästina-Portal am 3.07.2019)

Das sind Argumente, die deutsche Antisemitismusforscher (von Ausnahmen abgesehen) nicht einmal zu denken wagen. Sie kommen meistens nur zu dem Ergebnis, „dass die frühere Dämonisierung von Juden jetzt auf den Staat Israel übertragen wird.“ Eine wirkliche Antisemitismusforschung müsste also Tabus und Denkverbote überwinden, was heißt, klar zwischen Judentum, Zionismus und Israel (und in der Umkehrung zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Kritik an Israel) zu unterscheiden. Aber dass sie dazu den Mut aufbringt, ist nicht nur sehr unwahrscheinlich, es ist ganz ausgeschlossen. Man wird also weiter in der Tabu-Dunkelheit herumtappen und Scholastik betreiben. Das Geld für eine solche Forschung wäre an anderer Stelle sicher besser angelegt.

7.4.2020