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„Äußert Kritik und sagt, was Ihr denkt!“

Der israelische Philosoph Omri Bohm appelliert an die Deutschen: Bekämpft die Situation, in der einen das Aussprechen der Wahrheit zum Antisemiten macht!

Der israelische Philosoph Omri Boehm hat ein neues Buch herausgebracht, das den Titel „Israel – eine Utopie“ trägt. Im Vorwort der deutschen Ausgabe des Buches geht er auf die gegenwärtig in Deutschland herrschende Antisemitismus-Hysterie ein. Seine kritischen Ausführungen zu dieser deutschen Anomalie sind für die Debatte hierzulande so bedeutend, dass sie hier – unabhängig vom restlichen Text – ausführlich dargestellt werden.

Boehm erinnert zu Beginn seines Vorworts an eine Aussage des deutschen Philosophen Jürgen Habermas. Er wurde 2012 bei einem Besuch in Jerusalem von einem Journalisten der Zeitung „Haaretz“ nach seiner Meinung zur israelischen Politik gefragt. Habermas antwortete, dass zwar die gegenwärtige Lage und die Grundsätze der israelischen Regierung eine politische Bewertung erforderten, dies aber nicht Sache eines privaten deutschen Bürgers seiner Generation sei. Boehm hält dem entgegen, dass man Habermas, der eine Philosophie der Diskursethik begründet habe, schwerlich als „deutschen Privatbürger“ bezeichnen könne. Schweigen sei hier selbst ein Sprechakt und zwar ein höchst öffentlicher.

Boehm geht dann auf Immanuel Kants Begriff der Aufklärung zurück. Der Königsberger Philosoph verstand diese geistige Haltung als „Ausgang der Menschen aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit“ – ein Prozess des Erwachsenwerdens, der darin besteht, den „Mut zu finden, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Dieser Gebrauch der eigenen Vernunft ist aber – so Kant – kein privater Monolog mit sich selbst, also kein inneres Zwiegespräch, sondern ist nur im Dialog mit anderen sinnvoll, um zu guten Ergebnissen zu kommen. Der Gebrauch der eigenen Vernunft bedarf also der öffentlichen Sphäre.

Damit ist Boehm wieder bei Habermas angelangt. Er wirft ihm vor, mit seiner Weigerung, über Israels Politik zu sprechen, nicht den Standpunkt der Aufklärung einzunehmen, sobald es um jüdische Angelegenheit gehe. Er weigere sich buchstäblich, selbst zu denken. Boehm hält Habermas und anderen deutschen Intellektuellen deshalb entgegen: „Die Aufgabe der deutschen Intellektuellen besteht wegen und nicht trotz der deutschen Geschichte darin, sich mit Israel im Forum der öffentlichen rationalen Diskussion auseinanderzusetzen, und gerade nicht darin, es in irgendeine metaphysische Sphäre auszulagern, von der man nicht sprechen kann und über die man schweigen muss.“ Mit anderen Worten: Die Rückkehr zu Kant wird – so Boehm – nicht vollendet, wenn die deutschen Intellektuellen nicht den Mut finden, aufrichtig über Israel nachzudenken und zu sprechen.

Boehm geht dann auf den altgriechischen, aber sehr modernen und aktuellen Begriff der Parrhesia ein, der bedeutet: den Mut zu haben, der Macht die Wahrheit zu sagen. Denn deutsche Intellektuelle, die den Mut haben, die israelisch-jüdische Politik zu kritisieren, müssten befürchten, geächtet und zensiert zu werden oder sogar ihre berufliche Existenz zu verlieren. Boehm sieht natürlich die Gefahr für die Betroffenen, hat aber nur die eine Antwort darauf, die ganz im Sinne der Aufklärung ausfällt: „Äußert eure Kritik, sagt, was ihr denkt, kritisiert und lasst euch kritisieren. Lasst das Licht der öffentlichen Debatte dazu beitragen, ein rationales Urteil über den jüdischen Staat zu fällen. Es nicht zu tun, macht den Juden zum gefährlichen Anderen; die Angst, kritisiert zu werden, ist bereits mit dem Mythos der jüdischen Macht behaftet. Nur eine vernünftige Perspektive auf den jüdischen Staat in einer Öffentlichkeit, die diesen Staat als normalen Gegenstand einer Debatte behandelt, kann den Antisemitismus überwinden. Aus dieser Perspektive wäre die einzig akzeptable Antwort, die ein Habermas in ‚Haaretz‘ hätte geben können, diese gewesen: ‚Als deutscher Staatsbürger meiner Generation habe ich Folgendes zu sagen…‘“

Boehm schreibt den deutschen Intellektuellen ins Stammbuch, dass man nicht den Grundsätzen eines universalen Humanismus verpflichtet sein und zugleich zu Israels Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte schweigen könne. Der darin liegende Widerspruch trage dazu bei, dass Europa und speziell Deutschland an der Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Israelkritik „verrückt“ würden. Deutschland entziehe sich seiner Verantwortung, wenn es nicht auf den gleichen humanistischen Grundsätzen bestehe und auch Juden in deren Namen kritisiere. Es konterkariere darüber hinaus auch die politische Bedeutung des Holocaust.

Als Musterbeispiel eines solchen „Verrücktseins“ führt Boehm die Ideologie der Antideutschen an, die beinhaltet, dass die jüdische Politik bedingungslos zu unterstützen sei. Er zitiert den antideutschen Politologen Stephan Grigat, der eine „verdrehte“ kantianische Formel eines „materialistisch zu interpretierenden zionistischen kategorischen Imperativs“ konstruiert hat. Dessen zentrale Maxime verlangt, „alles zu tun, um die Möglichkeiten reagierender und präventiver Selbstverteidigung des Staates der Shoa-Überlebenden aufrecht zu erhalten.“

Boehm nennt diesen zionistischen kategorischen Imperativ eine „widersinnige“ Idee, eine „beschämende Entstellung des humanistischen Denkens, angeblich den Juden zuliebe.“ Boehm schreibt dazu: „Was sich als unbedingte Solidarität mit Juden ausgibt, ist in Wirklichkeit Verrat an ihnen, weil es sie von der Teilhabe an der gemeinsamen Menschlichkeit ausschließt. Wenn Kants kategorischer Imperativ, die Krönung des humanistischen Denkens, bestimmt, dass Menschen an sich immer als ‚Zwecke‘ – nie bloß als ‚Mittel‘ – behandelt werden sollen, dann stellt dieser angebliche ‚zionistische kategorische Imperativ‘ Juden als Wesen dar, die über dem Rest der Menschheit stehen.“

Und weiter: „Nach diesem Grundsatz werden die jüdische Politik und Macht (‚Möglichkeiten reagierender und präventiver Selbstverteidigung‘) zu einem unbedingten, kategorischen Zweck; daraus folgt, dass es in Ordnung sei, Nichtjuden als bloße Mittel zu behandeln – im Dienst des unbedingten Zwecks der jüdischen Politik. Juden sollten einen solchen Grundsatz energisch zurückweisen. Allzu leicht schließt er im Übrigen an die schlimmsten antisemitischen Verschwörungstheorien an.“

Boehm vergleicht die „verrückte“ Situation in Deutschland mit einer Erkenntnis, die Hannah Arendt schon vor Jahrzehnten beschrieben hat: dass öffentlich bekannte Tatsachen als „Geheimnisse“ behandelt werden. Dieselbe Öffentlichkeit, die die Tatsachen kenne, bringe es fertig, dass diese mit dem besten Erfolg und häufig sogar spontan zu Tabus erklärt würden. Auf Deutschland angewandt heißt das: Die Mehrheit der Deutschen weiß sehr genau, was in Israel und den palästinensischen Gebieten geschieht, aber sie schweigt dazu. Zensur und Schweigen aber – so Boehm – machen Israel gleichsam zu einem der Kritik enthobenen Staat, der nicht auf herkömmlicher, legitim zu hinterfragender und zu diskutierender Politik beruhe, sondern auf einem quasi sakralisierten Holocaust-Gedenken. Wenn sich dieser Staat aber durch das Andenken durch den Holocaust in einer Sphäre jenseits des normalen öffentlichen Diskurses verorte, führe das dazu, dass seine Politik sich gegenüber jenen Kräften immunisiere, die den Sieg humanistischer Werte förderten.

Ein demokratischer Humanismus kann sich – so Boehm – nicht durch Schweigen durchsetzen, sondern nur durch politisches Handeln, in dem der öffentliche Diskurs über die Kraft verfügt, gegen Barbarei zu immunisieren. Dazu gehöre der Mut, der Macht die Wahrheit zu sagen – etwa, dass Israel keine liberale Demokratie ist, sondern ein Staat, der nur die Souveränität des jüdischen Volkes und nicht die seiner Bürger/innen darstelle. Boehm ruft zum Kampf gegen eine Situation auf, in der das Aussprechen solcher Wahrheiten die Kritiker zum Radikalen, zum Antisemiten oder Antizionisten mache. Diesen Kampf könnten aber nur Intellektuelle bestehen, die sich eine Sprache bewahrten, in der eine unverfälschte Diskussion über Israel möglich sei. Diesen Kampf hätten wir bisher nicht verloren, sondern noch gar nicht richtig geführt

Der Schlusssatz von Boehms Vorwort lautet: „Heute ist es an der Zeit, dass die Deutschen, die aus Habermas‘ Generation und die jüngeren, sich freimütig in dieser Weise äußern: ‚Das ist es, was ich als Deutscher zu sagen habe.‘“

1.7.2020

Boehm, Omri: Israel – eine Utopie, Propyläen-Verlag Berlin 2020, ISBN 978-3-549-10007-3, 20 Euro