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Lange verfemt, fast vergessen und jetzt wieder gelesen

Der kretische Schriftsteller Themos Kornaros (1906 - 1970)

In den Dörfern Südkretas sind meistens Bauern, Fischer und Kleinhändler heimisch. Um so erstaunter ist man, wenn man zufällig entdeckt, dass aus einem dieser Orte, die einem schon so lange vertraut sind, ein berühmter Schriftsteller stammt: Themos Kornaros. Zwar hat die Welt ihn offenbar vergessen, aber in Kreta ist sein Name immer noch sehr bekannt. Ich habe mich im Sommer 2012 auf seine Spuren begeben, um mehr über ihn zu erfahren. In seinem Geburtsort Siwas nahe der kretischen Südküste wurde ich fündig. Man hatte mir gesagt, dass auf dem Dorfplatz ein Denkmal für ihn stehe. Ich hatte den Ort schon oft besucht und in den Tavernen an der Platia schon so manches Mal gesessen, aber ein Monument für einen Dichter war mir noch nie aufgefallen.

Auch jetzt konnte ich nirgendwo einen Erinnerungsstein entdecken. Ich wandte mich an drei Männer, die in der Hitze des Mittags im Schatten hoher Bäume Tafli spielten und ihren Kaffee tranken. Bei der Nennung des Namens Themos Kornaros unterbrachen sie sofort überrascht ihr Spiel und Gespräch und zeigten auf ein Mäuerchen. Und in der Tat: Zwischen zentralem Dorfplatz und dem großen Vorhof der mächtigen Kirche liegt - überragt von Baumkronen - eine kleine umzäunte Wiese , auf der etwas abgestellt und einsam zwei viereckige Säulen aufragen, die die bronzenen Köpfe von zwei großen Söhnen des Ortes tragen. Der eine muss ein Bürgermeister gewesen sein, der offenbar Bedeutendes für die Gemeinde geleistet hat. Unter seinem Haupt sind auch Name sowie Geburts- und Sterbedaten eingetragen. Büste und Kopf des anderen sind namenlos, keine Inschrift verrät, um wen es sich handelt. Aber das Gesicht dieses Mannes mit seiner hohen Stirn ist so ausdrucksvoll, von einer so klugen und ernsten Intellektualität durchdrungen, dass gar kein Zweifel möglich ist: Das ist Themos Kornaros. Sein Blick schweift wissend und prophetisch in die Ferne, als hätte er vom Leben der Menschen um ihn herum mehr verstanden als die meisten seiner Zeitgenossen. Aber er schaut auch irgendwie über die Bewohner seines Dorfes hinweg, als habe er Größeres, Schöneres und Wichtigeres im Auge.

Aber merkwürdig, dass man ihn hier hinter den Bäumen auf der kleinen Wiese und mit dem Rücken zur Kirche namenlos versteckt, als dürfe er in der Öffentlichkeit des zentralen Platzes nicht stehen. Ich habe die drei Männer am Tisch gefragt, warum man diesen großen Sohn des Dorfes dort ohne Inschrift auf seinem Sockel so abseits abgestellt hatte. Man sei dabei, die Dinge im Dorf neu zu ordnen. Alles sei noch unfertig und provisorisch. Man sei dabei, vieles neu zu bauen oder umzugestalten, sagten sie. Befriedigt hat mich diese Antwort nicht, aber ich musste sie so hinnehmen, war aber überrascht, mit welcher Hochachtung und welchem Stolz sie von ihm sprachen. Vermutlich hatten sie nie eine Zeile von diesem Autor gelesen, aber sie wussten viel von ihm und seiner Familie hier im Ort zu berichten. Einer der Männer bot sich an, mir sein Grab auf dem Friedhof zu zeigen. So fuhren wir gemeinsam dorthin. Gleich hinter dem Eingang unter hohen Tamarisken liegt die marmorne Ruhestätte dieses kretischen Autors, der in einer bewegten und chaotischen Zeit gelebt und eine entsprechend bewegte Biografie hat. Auf seiner Grabplatte sind nur seine Lebensdaten verzeichnet und dass man seine Gebeine zwei Mal umgebettet hat. Darüber auf einer aufrecht stehenden Platte stehen unter einem Kruzifix die Verse:

Freunde sind an deiner Seite gefallen

und unbestattet geblieben!

Bis die Geschichte ihnen

das notwendige Grab gibt

werden wir sie in unseren Herzen beherbergen

Ich fand auf Kreta noch eine Spur von ihm, die mir bewies, dass sein Werk nicht vergessen ist, dass die Menschen auf der Insel es noch in ihrem Bewusstsein tragen. In dem kleinen Städtchen Arkalahori unweit des Dikti-Gebirges steht auf dem zentralen Platz die Bronzeskulptur eines übergroßen Mannes, der die rechte Faust stolz, siegesgewiss und triumphierend in den Himmel reckt. Es ist ein Monument für Napoleon Sukadzidis, der aus diesem Ort stammt und die authentische Hauptfigur aus dem Hauptwerk von Themos Kornaros ist: „Leben auf Widerruf“. Neben der Statue des Mannes steht eine marmorne Tafel und auf ihr stehen die Sätze:

„Die Aufgabe des wahren Menschen besteht nicht darin, sein Leben irgendwie zu verbringen, sondern zu verstehen, wie er es an der Seite der Anderen leben kann, um in der Lage zu sein, ihnen zu helfen und sie dauerhaft zu unterstützen, und wie er ihnen nützlich sein kann, ohne ihnen zur Last zu fallen oder ein Hindernis zu sein auf ihrem Weg zum Rechten und Guten. Ein Kämpfer ist nicht nur ein wahrer Mensch, sondern er verkörpert auch das erleuchtete und klare Bewusstsein, durch welches man, wann immer es nötig ist, zu einem Führer wird. Wenn es sein muss, hart und unerbittlich dem Feind gegenüber, der ein Feind ist und sich des Unrechts, das er begeht, bewusst ist.“

Grabinschrift und die Zeilen auf dieser Tafel offenbaren Sinn und Hintergrund nur, wenn man die Biografie und das Werk von Kornaros kennt. Er wurde - wie erwähnt - in Siwas (Südkreta) geboren und wuchs in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Er musste früh seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Auf der Suche nach Arbeit war er ständig in ganz Griechenland unterwegs. In Athen fand er einen Job als Elektriker und Heizer im Nationaltheater. Hier lernte er die dort gespielten großen klassischen und modernen Werke der Weltliteratur kennen, begegnete bedeutenden Intellektuellen und veröffentlichte erste Artikel und Prosaarbeiten.

Dann verdingte er sich als Gärtner auf dem „Heiligen Berg Athos“, der Mönchsrepublik. Mehr als ein Jahr arbeitete er dort und hatte Gelegenheit, das Leben der Klosterbrüder zu studieren. Zurück in Athen schrieb er ein Buch über den Athos, das ihn mit einem Schlag berühmt machte: „Der Heilige Berg oder Mönche ohne Maske“. Mit radikaler Offenheit prangerte er den Verfall der othodoxen Kirche an, ihr Ungläubigkeit, ihren Zynismus und ihre Geldgier. Er bezeichnete die „heiligen Männer“ dieser Kirche als „Blutsauger“, „Vampire“ und „Ausbeuter“, die im Reichtum schwelgen und keinerlei Mitleid mit den Nöten des Volkes hätten. Den bei ihnen Beschäftigen zahlten sie nur Hungerlöhne, die zum Leben nicht ausreichten. Und schlimmster Vorwurf gegen die frommen Gottesmänner: sie raubten in den Dörfern kleine Jungen zwischen sechs und acht Jahren, um sie sexuell zu missbrauchen. So kritisch und brisant hatte vor ihm noch niemand über die orthodoxe Kirche geschrieben. Später wird noch ein Werk zu diesem Gegenstand folgen. In dem Buch „Scharlatane und Diebe an der Macht“ schilderte er das äußerst unheilige Leben des Bischofs von Mesolongi.

Als Ioannis Metaxas 1936 seine Diktatur in Griechenland errichtete, war Themos Kornaros einer der ersten Autoren, der verfemt und verhaftet wurde. Seine Bücher wurden öffentlich verbrannt. 1938 kam er wieder in Freiheit, wurde aber weiter bespitzelt. Als 1941 Hitlers Wehrmacht Griechenland besetzte, schloss er sich sofort dem Widerstand an, der EAM - einer Sammlungsbewegung linker und linksliberaler Gruppen. 1943 verfasste er die Widerstandsschrift „Wir werden nicht sterben“. Die Gestapo ergriff ihn und brachte ihn, nachdem er im Folterzentrum der SS in der Athener Merlinstraße furchbaren Qualen ausgesetzt wurde, in das berüchtigte KZ Chaidari, ganz in der Nähe der Hauptstadt. Dieses Lager stand unter dem Kommando von SS-Sturmbannführer Paul Otto Radomsky. Über die Zeit schrecklicher Leiden in diesem Camp schrieb Kornaros später in der Einleitung seines Buches „Leben auf Widerruf“: „Wenn in dir der Wunsch brennt, den Menschen in seiner Bewährung kennenzulernen, dann folge mir. Vielleicht findest Du nicht zurück. Sollte es Dir aber gelingen, wirst du nicht mehr der gleiche sein. Leidenschaftliches Verlangen nach Wahrheit wird dich packen, und du wirst nur noch dem einen Ziel leben: die Angst im Herzen des Menschen zu besiegen und die Wahrheit, die du gewonnen hast, zu sagen, schlicht, furchtlos, ohne ein Lob zu erwarten. Das ist die neue Arena, in der du kämpfen wirst.“

Und weiter: „In der Merlinstraße und in Chaidari wirst Du nichts Neues zu sehen bekommen. Allem bist Du schon einmal begegnet, außer dem eigenen Ich. Diese Begegnung wird dich zu der Feststellung führen: Das alles kenne ich, aber ich fürchte mich, offen darüber zu sprechen. Der Tod ist unser eigenes Ich. Hast Du erst das eigene Ich besiegt, dann hast Du das große Spiel um den Menschen gewonnen.“

Das KZ Chaidari wurde zwar von der SS betrieben, aber Kornaros erwähnt ausdrücklich, dass hinter der Einrichtung dieses Schreckensortes auch mit den Nazis kollaborierende Teile des griechischen Bürgertums standen, die über den breiten Widerstand des Volkes gegen die deutschen Invasoren erschreckt waren und um ihre Macht fürchteten, wenn diese Bewegung nach dem Abzug der Deutschen die Oberhand gewinnen sollte. Chaidari war kein Vernichtungslager, schreibt Koranros, sein Ziel war ein anderes: „Unterwerfung der griechischen Seele, Versklavung unseres Volkes, Ausmerzung des griechischen Selbstbewusstseins - so lautete der Plan. Er forderte die Schaffung des Lagers Chaidari, das Sklaven und Verräter erziehen, das ein Laboratorium zur Züchtung von Spezialbazillen für die Verbreitung der Panikpest unter der griechischen Bevölkerung sein sollte. (...) In Chaidari erwartete dich ein neuer Terror: ein pausenloser, bis ins kleinste durchdachter psychologischer Angriff. Er sollte Kraft und Ausdauer in dir lähmen, deinen Willen brechen und jegliche menschliche Regung in dir töten. Nicht etwa, um dich danach umzubringen, nein, weit gefehlt! Nun warst du wertvoll, ein ausgereifter Bazillus, geeignet, den Menschen draußen die entsetzliche Krankheit zu übertragen.“

Den Lagerkommandanten Radomsky beschreibt er so: „Deine Phantasie sträubt sich, für diese Bestie die Geschichte eines Menschen zu ersinnen. Unmöglich, dass es eine Falte seines Seins gibt, die nicht mit Blut, Verbrechen, Meuchelmord und Sadismus gefüllt ist. Das Gesetz der SS heißt: Mitleid ist unnützer Luxus! Sturmbannführer Radomsky gibt sich damit nicht zufrieden und ergänzt: Mitleid ist Verbrechen! Ist Feigheit!“

Der Aufenthalt im Lager war „Leben auf Widerruf“, denn ein Menschenleben galt nichts an diesem grausamen Ort. Jeden Tag mussten die Gefangenen zum Appell antreten und dann verlas Radomsky persönlich von einer Liste die Namen der Häftlinge, die als Vergeltungs- oder Sühnemaßnahme für von griechischen Widerständlern getötete deutsche Soldaten direkt anschließend durch Erschießen hingerichtet wurden. Kleine Händel im Lager erledigten Radomsky oder seine Schergen an Ort und Stelle: entweder mit furchtbaren Schlägen der „Ochsenpeitsche“ oder durch Ziehen der Pistole.

Der Höhepunkt im Kornaros‘ Beschreibung des teuflischen Treibens im Lager ist eine Episode, in der Napoleon Sukadzidis - also jener Mann, dessen Denkmal mit der daneben aufgestellten Tafel in Arkalahori steht - die Hauptperson ist und die für den Autor zum Heldenepos für die ganze griechische Nation wird.

Wieder mussten Abteilungen der Gefangenen auf dem Hof des Lagers antreten. Diesmal sollten 200 Gefangene zum Erschießen abgeführt werden - als Sühne für die Ermordung des deutschen Generals Molai. 260 Mann waren insgesamt angetreten. 200 sollte es treffen. Radomsky erschien mit der Liste der Todgeweihten und begann, ihre Namen vorzulesen. Aber nun geschah das „Wunder“: Die Häftlinge, die aufgerufen wurden, zeigten keine Anzeichen von Verzweiflung und Todesangst. Mutig und aufrecht traten sie vor und riefen mit lauter und kräftiger Stimmer ihr „Hier!“. In jedem dieser „Hiers!“ habe sich der ganze Zorn, die ganze Wut und der ganze Widerstandsgeist gegen die Besatzer ausgedrückt, schreibt Kornaros. Und jeder der Aufgerufenen drehte sich um und richtete eine kleine Abschiedsansprache an die Kameraden (was ein schwerer Verstoß gegen die Disziplinarordnung war), in der er sie zu Mut und Würde aufrief. Mit einem Hochruf auf Griechenland traten sie zu der Gruppe der Todeskandidaten. Unter den Nicht-Aufgerufenen machte sich Angst breit, aber nicht Angst vor dem nahen Tod: „Die hier sorgen sich nicht, ob sie am Leben bleiben oder nicht. Sie haben Angst vor dem Gedanken, die Ausnahme zu sein, zurückzubleiben.“

Radomsky muss dieses Auftreten der Gefangenen als furchtbare Demütigung und Niederlage erlebt haben. Mit zunehmen nervöser und unsicherer Stimme las er die Namen der zu Erschießenden von der Liste ab. Er hatte gebeugte und gebrochene Elendsgestalten erwartet, die wie Opferlämmer zur Hinrichtung gehen würden. Nun traten aufrechte Männer vor ihn, die den Tod nicht fürchteten. Radomsky las weitere Namen vor - auch den von Napoleon Sukadzidis. Der Kommandant erschrak, als er verstand, wessen Name er da ausgesprochen hatte, korrigierte sich sofort und sagte: „Nein, nicht du! Nicht du, Sukadzidis!“ Nun muss man wissen, wer dieser Mann war: Er arbeitete als Kapo im Lager, also als vermittelnder Verbindungs- und Vertrauensmann zwischen Gefangenen und Kommandantur. Ohne sich bei den SS-Schergen und Radomsky anzubiedern, hatte er diese Aufgabe erfüllt, immer das Wohl seiner Kameraden im Auge, was ihm deren allergrößte Hochachtung verschafft hatte. Und ohne diesen Mann ging nichts im Lager.

Sukadzidis trat Radomsky nach dessen zweimaligen „Nein!“ furchtlos und gefasst gegenüber und sagte zu ihm mit ruhiger Stimme: „Ich willige ein, Herr Kommandant, dass ich das Leben behalte. Doch nur unter der Bedingung, dass ich es nicht einem anderen nehme. Nur wenn mein Platz leer bleibt!“ Die Kameraden klatschten wie elektrisiert Beifall. Kornaros wird an dieser Stelle im höchsten Maße pathetisch, so gewaltig erscheint ihm dieser Augenblick. Er schreibt: „Die Geschichte unseres Landes erlischt. Sie wird neu geschrieben und überprüft. Auf ihrem Proszenium treten die Großen zurück, um Größeren Platz zu machen. Die Jahrhunderte verschmelzen, in der griechischen Geschichte wird eine neue flammende Seite aufgeschlagen: Napoleon Sukadzidis.“

Radomsky versuchte mit „flehender Stimme und unterwürfigem Gesicht“, Sukadzidis umzustimmen und drängte ihn, den Austausch gegen einen anderen Gefangenen anzunehmen, denn er sei im Lager unersetzlich. Dieser antwortet: „Das Leben jedes Griechen ist genauso viel wert wie das meine. Auf ihn wartet ebenso eine Mutter wie auf mich. Ich danke für Ihr Interesse und den Wert, den Sie mir beimessen. Doch wenn ich Ihren Vorschlag annehme, gebe ich mich auf. Ich werde ein Nichts, ja weit schlimmer: ein Mörder und Verräter! Wir wollen nicht vergessen, Herr Kommandant, dass Sie der Eroberer sind und ich für die Befreiung meines Landes kämpfe. Wir sind Feinde!“

Radomsky versuchte ihn dann bei der Soldatenehre zu packen. Der Kapo antwortete ihm ungerührt: „Sind Sie bereit, an meiner Stelle den unfähigsten deutschen Soldaten in den Tod zu schicken? Keinen Griechen. Dann bin ich bereit, Ihr Angebot anzunehmen und Ihre gute Absicht anzuerkennen. Die ritterliche Haltung von Krieger zu Krieger.“ Radomsky klopfte Sukadzidis auf die Schulter und reichte ihm die Hand: „Du bist nie ein Sklave gewesen!“ Kornaros kommentiert die Szene mit den Worten: „So verabschiedet er sich und gesteht seine Niederlage ein und seine Demütigung als Eroberer und Mensch.“ Sukadzidis trat zu der Gruppe der Todgeweihten, für die die Lastwagen, die sie zur Hinrichtung bringen sollten, schon bereitstanden. Die Gefangenen leisteten noch einen letzten Akt des Widerstandes. Eigentlich mussten die Todeskandidaten ihre Bekleidungsstücke und persönlichen Gegenstände abgeben und in Unterwäsche vor das Hinrichtungskommando treten. Sie weigerten sich, diese Anordnung zu befolgen, sie wollten angezogen und in Würde in den Tod gehen...

Als ich vor der Statue dieses Mannes und der neben ihr aufgestellten Tafel in Arkalahori stand, konnte ich ihm meinen tiefen Respekt nicht versagen, auch wenn Kornaros die Episode vielleicht dichterisch ausgeschmückt und ihr zu viel Pathos beigelegt hat. Es sind andere ähnliche Fälle von griechischen Widerständlern bekannt. Und hinter dem Respekt für diesen Mann kommt immer die Scham hoch, was die Generation unserer Väter diesem Volk angetan hat. Die Sätze auf der Tafel (es sind die letzten Worte Sukadzidis‘ vor der Hinrichtung an seine Kameraden) mögen für heutige Ohren zu pathetisch klingen, aber haben sie nicht etwas mit der gewaltigen Differenz zwischen dem Kleinen und dem Großen, dem Eroberten und dem Eroberer, dem Besetzten und dem Besatzer zu tun - eben mit der Asymmetrie zwischen beiden? Und dem Stolz, dem Übermächtigen widerstanden zu haben? Immer wieder muss ich das Geschichtsbewusstsein der Griechen bewundern, die ihre „Helden“ nicht vergessen.

Die Leidensgeschichte des Schriftstellers Themos Kornaros war mit der Entlassung aus dem KZ noch lange nicht zu Ende. Als die Deutschen aus Griechenland abzogen und der Bürgerkrieg zwischen den Linken und Rechten begann, den die Briten mit ihrem Eingreifen auf Seiten der Rechten entschieden, landete er als ehemaliger Widerstandskämpfer in einem britischen Lager. Wieder in Freiheit griff er in einer Schrift hohe Amtsträger wegen „Wirtschaftskollaboration“ an, wurde wegen dieses „Vergehens“ angeklagt und zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Patras absaß. 1949 - Griechenland war inzwischen eine „Demokratie“ geworden, in der unter amerikanischem Patronat die Rechten und der König das Sagen hatten - verfasste er einen Artikel, in dem er die Aufgabe des Schriftstellers so definierte, dass er der Unmenschlichkeit und den Verbrechen entgegenwirken müsse. Er wurde wieder verhaftet und in ein Lager verschleppt. Freunde, die ihn dort aufgesucht haben, berichteten, dass er einen sehr gebrochenen Eindruck gemacht habe. Insgesamt hat er zwanzig Jahre seines Lebens in Lagern und Gefängnissen verbringen müssen.

Ende der fünfziger Jahre brach Kornaros als „Pilger“ zu einer Reise in die Sowjetunion auf. Wie so viele griechische Intellektuelle - unter ihnen auch Nikos Kazantzakis, der Autor des „Alexis Sorbas“ - bewundert er, der immer den Kommunisten nahegestanden hat, kritiklos und mit fast religiösem Pathos das dortig Aufbauwerk für eine neue Gesellschaft. Die Arbeiter hatten für ihn wirklich die Macht ergriffen, Lenin war für ihn ein „Gott“. Stalin erwähnte er nicht, denn dieser war auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 zur „Unperson“ erklärt worden. Immer wieder erinnerte er die Russen daran, dass die Griechen genauso wie sie gegen die deutschen Invasoren gekämpft hätten und dass der griechische Widerstand den Kampf der Russen gegen den Faschismus unterstützt hätte.

Passagen im Werk von Themos Kornaros wirken auf den heutigen Leser, der den weiteren Gang der Geschichte kennt, eher peinlich und abstrus. Aber zu seiner Entschuldigung muss man anführen, dass Kornaros aus einem Land kam, dass keine Demokratie im westlichen Sinn kannte - von sozialer Gerechtigkeit ganz zu schweigen. Griechenland war zur Zeit der deutschen Besatzung in zwei politische Lager - rechts und links - gespalten. Vielleicht ist es von daher verständlich, dass viele griechische Intellektuelle das Heil nur beim „großen Bruder“ in Moskau sahen.

Ein unverzeihlicher historischer Irrtum, wie man heute weiß. Nicht nur weil das Sowjetreich inzwischen von der Weltbühne verschwunden ist, es gibt noch einen anderen Grund. 1944 reichte der britische Premier Winston Churchill Stalin bei einer Konferenz in Moskau den berühmten Zettel (der heute noch in einem Moskauer Archiv liegt), auf dem er aufgezeichnet hatte, wie er sich die Neuaufteilung Europas vorstellte. Danach sollten die Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas in den Herrschaftsbereich der Sowjetunion kommen, Jugoslawien unter Tito sollte „unabhängig“ bleiben, und Griechenland sollte der britischen bzw. amerikanischen Zone zugeschlagen werden. Stalin nickte beim Betrachten des Zettels zustimmend und hatte die griechische Linke damit verraten, der er auch keine Unterstützung im Bürgerkrieg zukommen ließ. Wie auf dem Zettel entworfen, kam es später auch. Hatte Kornaros das gar nicht zur Kenntnis genommen? Kazantzakis hatte seine Hymnen auf die Sowjetunion 1928 geschrieben - in einer Zeit also, als auch westliche Intellektuelle in die Sowjetunion „pilgerten“, um das „Reich des neuen Menschen“ zu bewundern. Kornaros kam aber zu einer Zeit dorthin, als er es schon hätte besser wissen müssen.

Seiner Nähe zum Kommunismus verdankt er es auch, dass er in der jungen Bundesrepublik völlig unbekannt blieb. Sein Hauptwerk „Leben auf Widerruf“ erschien nur in der DDR. Bücher über den Widerstand gegen den Nazi-Terror waren in der Adenauer-Zeit nicht angesagt. Die ZEIT monierte 1967 in einem Artikel (als die Militärjunta in Athen sich gerade anschickte, jeden kritischen Geist aus ihrem Herrschaftsgebiet zu vertreiben bzw. auf den Insel-KZ’s wegzusperren), warum die große Zahl der engagierten und zum Sozialismus tendierenden Dichter Griechenlands dem literarischen Bewusstsein der Bundesrepublik vorenthalten werde. Denn wer sich über diesen Teil der neugriechischen Literatur informieren wolle, werde auf die Buchproduktion der DDR verwiesen. Und direkt auf Themos Kornaros anspielend konstatierte die ZEIT: „Als ob es keine Menschen wären, die sich dagegen die himmelschreienden Zustände im wirtschaftlichen und sozial rückständigsten Land Europas empörten.“ Ressentiment gegen die Griechen sind also keine Erscheinung der Gegenwart, sie haben zur Zeit ja auch gerade wieder Hochkonjunktur.

Nach dem Studium des Lebens und des Werkes von Themos Kornaros (so weit in Deutschland verfügbar, vieles ist gar nicht übersetzt worden) wurde mir klar, warum sein Denkmal nicht auf dem Dorfplatz von Siwas stehen darf, sondern ohne Namen hinter Bäumen auf einem Stück Niemandsland versteckt wird: Ein so fanatischer Kirchenkritiker und ebenso radikaler Gegner des Kapitalismus hat es auch heute noch schwer in diesem Land, in dem diese beiden Mächte über viel Einfluss verfügen. Aber immerhin hat man seine sterblichen Überreste auf dem Friedhof des Dorfes beigesetzt. Vermutlich hat es aber auch hier ein Gerangel zwischen den Autoritäten gegeben, denn seine Gebeine wurden zwei Mal umgebettet, wie auf der Grabplatte vermerkt ist. Über der aufrecht stehenden Grabplatte mit dem Spruch ist ein Kruzifix angebracht. Ob das in seinem Sinn geschah? So gesehen ist ihm aber das Schicksal seines Schriftstellerkollegen Kazantzakis erspart geblieben. Da dieser auch ein entschiedener Gegner der Orthodoxie war, haben die Kirchenoberen ihm die Bestattung auf einem Friedhof verweigert, weshalb er seine letzte - aber wie ich finde königliche - Ruhestätte auf der Bastion Martinengo, einem Teil der Stadtmauer von Heraklion, gefunden hat. Vielleicht hätte Themos Kornaros, dieser für sein Land ewig Unbequeme, nach all den Leiden, die er durchmachen musste, wie Kazantzakis (so steht es auf seiner Grabplatte) am Ende seines Lebens auch hätte sagen können:

 

Ich hoffe nichts,

ich fürchte nichts,

ich bin frei!