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Goethes Architekturvorstellungen, Armut und unwirtliches Bauen in Deutschland als Folgen des Neoliberalismus und das Bild vom neuen „flexiblen“ Menschen: Aufforderung zum Ungehorsam gegen eine krankmachende Gesellschaft

Mein guter Freund Axel Groß ist Psychoanalytiker in Lüneburg. Wir kennen uns seit Schulzeiten, wir sind zusammen in Göttingen in derselben Klasse auf das Max-Planck-Gymnasium gegangen und haben 1963 dort das Abitur gemacht. Die Freundschaftsbande sind nie abgerissen. Vor einiger Zeit erzählte er mir, dass er an einem Buch über seine Erfahrungen als Psychotherapeut schreibe. Axel übt darin Kritik an der Schulmedizin, denn in seiner Praxis hat er oft erlebt, dass Patienten eine lange Leidensgeschichte hinter sich hatten, denen eine herkömmliche medizinische Behandlung nicht geholfen hatte. Als Psychotherapeut und Analytiker konnte er ihnen aber helfen. Axel ist deshalb ein leidenschaftlicher Verteidiger der Psychosomatik. Er bedauert es sehr, dass diese Behandlungsmethode in Deutschland wenig Zuspruch findet. Sein Buch ist deshalb ein Plädoyer für eine ganzheitliche leib-seelische Medizin.

In unserem Gespräch wurde die Idee geboren, dass ich als engagierter Beobachter des politischen Zeitgeschehens für sein Buch einen Beitrag darüber schreiben sollte, wie auch ungerechte und unsoziale Zustände in der Gesellschaft und eine inhumane Politik Menschen körperlich und seelisch krank machen können. Ich habe den Essay gern geschrieben. Er ist inzwischen in Axels Buch erschienen. Ich veröffentliche ihn hier. Das Buch: Dr. med. Axel Groß: Heilungswege chronischer Erkrankungen. Theorie und Praxis eines neuen psychosomatischen Behandlungskonzepts, BoD-Verlag Norderstedt, ISBN 13:9783750459472, 18,99 Euro

 

Goethes Architekturvorstellungen, Armut und unwirtliches Bauen in Deutschland als Folgen des Neoliberalismus und das Bild vom neuen „flexiblen“ Menschen:  Aufforderung zum Ungehorsam gegen eine krankmachende Gesellschaft

Arn Strohmeyer

Johann Wolfgang von Goethe hat in seinen Maximen und Reflexionen in Anlehnung an die antike Philosophie und Mythen des alten Hellas die ideale Stadt geschildert, in der die Menschen frei, gesund und glücklich leben können. Natürlich hat es eine solche Stadt nie gegeben und es wird sie vermutlich auch nie geben, aber es ist aufschlussreich, welche Kriterien er an den Bau einer solchen Stadt anlegt – nämlich die musikalische Beziehung zwischen Mensch und Raum.

Es heißt da: „Ein edler Philosoph sprach von der Baukunst als einer erstarrten Musik und musste dagegen manches Kopfschütteln gewahr werden. Wir glauben diesen schönen Gedanken nicht besser nochmals einzuführen, als wenn wir die Architektur eine verstummte Tonkunst nennen. – Man denke sich den Orpheus, der, als ihm ein großer, wüster Bauplatz angewiesen war, sich weislich an den schicklichsten Ort niedersetzte und durch die belebenden Töne seiner Leier den geräumigen Marktplatz um sich bildete! Die von kräftig gebietenden, freundlich lockenden Tönen schnell ergriffenen, aus ihrer massenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mussten, indem sie sich enthusiastisch herbei bewegten, sich kunst- und handwerksgemäß gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten zu Wänden hinzuordnen. Und so mag sich Straße zu Straße anfügen! An wohlschützenden Mauern wirds auch nicht fehlen. – Die Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Bürger einer solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigen Melodien; der Geist kann nicht sinken, die Tätigkeit nicht einschlafen, das Auge übernimmt Funktion, Gebühr und Pflicht des Ohres, und die Bürger am gemeinsten Tage fühlen sich in einem ideellen Zustand: ohne Reflexion, ohne nach dem Ursprung zu fragen, werden sie des höchsten sittlichen und religiösen Genusses teilhaftig. Man gewöhne sich, in Sankt Peter auf und ab zu gehen, und man wird ein Analogon desjenigen empfinden, was wir auszusprechen gewagt.“[1]

Was Goethe hier sagen will, ist, dass der den Menschen umgebende Raum (Architektur als zweite Haut) einen ganz wesentlichen Einfluss auf sein körperliches und seelisches Wohlbefinden ausübt – also letztlich auch über Gesundheit und Krankheit entscheidet. Goethe legt hier das Kriterium der musikalischen Intervalle an: Wenn Architektur gemäß solchen Intervallproportionen harmonisch gestaltet ist, erreicht sie die höchste Vollkommenheit und schafft bei den Menschen das Gefühl erfüllter Behaglichkeit, ja euphorischen Glücks.

Nun kann man Goethes Befund einer harmonischen und deshalb glücklich machenden architektonischen Umwelt auch in sein Gegenteil verkehren und die Frage stellen: Wie wirkt sich eine disharmonische, destruktiv oder sogar chaotisch verformte Raumumwelt auf das körperliche und seelische Befinden von Menschen aus? Man darf die Hypothese aufstellen, dass eine solche Umwelt – ob bewusst oder unbewusst erlebt – im harmlosen Fall unzufrieden, freudlos und unglücklich macht, im Extremfall aber beängstigt, depressiv oder sogar aggressiv stimmt, was dann auch bei länger anhaltender Belastung Krankheiten zur Folge haben kann.

Hier läge dann ein krank machender Auslöser vor, der in der gegenwärtigen Gesellschaft sicher häufig vorkommt und im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, die auch krank machen, im Folgenden untersucht werden soll. Besondere Aufmerksamkeit soll dabei auf den Einfluss von Politik und Wirtschaft gerichtet werden, denn es gibt so gut wie keinen Lebensbereich, der nicht von politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Entwicklungen abhängt, die – wenn sie denn im anthropologischen oder humanbiologischen  Sinne falsche Weichen stellen – verheerende Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit von Menschen haben können. Es ist also zunächst ein Bild von den wichtigsten wirtschaftlichen und sozialen Tendenzen in den westlichen Gesellschaften zu zeichnen.

Es sind die Sozialwissenschaftler und besonders die Psychoanalytiker, die äußerst sensible Antennen für solche Entwicklungen haben. Ein Großer unter den Kennern der menschlichen Seele und Gesellschaft war der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 – 1980). Fromm, der sich an die Gedankensysteme von Karl Marx und Sigmund Freud anlehnte, sie aber weiterentwickelt hat und weit über sie hinausgegangen ist, diagnostizierte die ganze gegenwärtige westliche Gesellschaft als krank, übrigens auch die damals noch existierende kommunistische Gesellschaft der Sowjetunion, weil sie an denselben Symptomen gelitten und keinerlei Fortschritt für die Menschen gebracht habe. Fromm starb vor 40 Jahren, aber seine Erkenntnisse sind für die Gegenwart noch von großer Aktualität.

Er stellt die aktuelle Situation so dar: Die zur Zeit von der Ideologie des Neoliberalismus dominierten Gesellschaften (Fromm benutzte noch den Begriff Kapitalismus) gründen sich einerseits auf das Prinzip der politischen Freiheit und andererseits auf den Markt, der die wirtschaftlichen und damit auch gesellschaftlichen Beziehungen reguliert. Der Markt bestimmt die Bedingungen, unter denen die Gebrauchsgüter ausgetauscht werden. Der Arbeitsmarkt reguliert den An- und Verkauf von Arbeitskraft.

Fromm wörtlich: „Wer über Kapital verfügt, kann Arbeitskraft kaufen und so einsetzen, dass er sein Kapital gewinnbringend anlegt. Wer nur über Arbeitskraft verfügt, muss sie zu den jeweiligen Marktbedingungen an die Kapitalisten verkaufen, wenn er nicht verhungern will. Diese wirtschaftliche Struktur spiegelt sich in der Hierarchie der Werte wider. Das Kapital dirigiert die Arbeitskraft; angesammelte tote Dinge besitzen einen höheren Wert als das Lebendige, die menschliche Arbeitskraft und Energie.“[2]

Der Kapitalismus hat sich insofern verändert, als es einen zunehmenden Prozess der Zentralisierung und Konzentration des Kapitals gibt. Weltumspannende Konzerne, die von gut bezahlten Managern geleitet werden, beherrschen die globalen Märkte. Fromm analysiert, welche Rolle die Menschen in diesem System spielen: „Die weitgehend zentralisierten Unternehmen mit ihrer radikalen Arbeitsteilung führen zu einer Organisation der Arbeit, bei der der einzelne seine Individualität einbüßt und zu einem austauschbaren Rädchen in der Maschine wird: Man kann das menschliche Problem des Kapitalismus folgendermaßen formulieren: Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die in großer Zahl reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen, deren Geschmack standardisiert ist und leicht vorausgesehen und beeinflusst werden kann.“[3]

Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und meinen, für sie gebe es keine Autorität, keine Prinzipien und kein Gewissen – und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einzufügen; Menschen, die sich führen lassen und kein eigentliches Ziel haben außer dem, den Erwartungen zu entsprechen, in Bewegung zu bleiben, zu funktionieren und voranzukommen.“[4]

Diese Wirtschaftsordnung greift also tief in die Charakterstruktur des modernen Menschen ein, schafft sogar einen ganz speziellen Menschentyp, einen sozialen Charakter, den Fromm als „pathogen“ bezeichnet. Da dieser Typ in der gegenwärtigen Gesellschaft vorherrscht, schließt Fromm daraus, dass diese soziale Ordnung den Menschen „krank“ macht. Den Grund dafür sieht er im „Marktcharakter“ des heutigen Menschen. Der einzelne erlebt sich selbst als „Ware“ und den eigenen Wert nur als „Tauschwert“. Der Erfolg des einzelnen hängt weniger von seiner Persönlichkeit ab, als davon, wie gut er sich auf dem Markt „verkauft“. Wenn der Mensch nur noch „Ware“ ist, erlebt er sich gleichzeitig als Verkäufer und zu verkaufende Ware.[5]

Fromm schreibt: „Das oberste Ziel des Marktcharakters ist die vollständige Anpassung, um unter allen Bedingungen des Persönlichkeitsmarktes begehrenswert zu sein. Der Mensch dieses Typus hat nicht einmal ein Ego (…), an dem er festhalten könnte, das ihm gehört, das sich nicht wandelt. Denn er ändert sein Ich ständig nach dem Prinzip: ‚Ich bin so, wie Du mich haben möchtest!‘“[6]

Fromm sieht das gravierendste Krankheitssymptom des gegenwärtigen Menschen im Haben-Modus, der sich historisch aus der Institution des Privatbesitzes entwickelt hat. Dieser Modus konzentriert sich auf materiellen Besitz, auf Gewinnsucht und Macht und hat Gier, Neid, Aggression und Gewalt in seinem Gefolge. Ihm stellt Fromm den Seinsmodus entgegen, der auf der Fähigkeit des Liebens beruht, auf der Lust zu teilen und auf schöpferischer Tätigkeit. Beide idealtypisch verstandenen Prinzipien sind nicht zu vereinbarende Gegensätze, denn der menschliche Seinstypus vertraut allein auf die Tatsache, dass er ist, dass er lebt, dass er fähig, kreativ und mutig ist, Neues zu schaffen, während der Haben-Mensch sich nur auf das verlässt, was er hat. Einzig der Besitz gibt ihm Sicherheit, und jede Bedrohung seines Besitzes versetzt ihn in tiefe Angst.

Das Vorherrschen des Haben-Prinzips hat notwendigerweise dazu geführt, dass das Verhältnis des Menschen zur Natur, von der er selbst ein Teil ist, zutiefst feindselig geworden ist: Raubbau und Zerstörung statt eines liebenden und pflegenden Umgangs mit ihr herrschen vor. Fromm war schon vor mehr als 40 Jahren überzeugt, dass die ökologische Katastrophe unausweichlich ist, wenn nicht sehr bald ein fundamentaler Wandel der menschlichen Grundwerte und Einstellungen im Sinne einer neuen Ethik und eines neuen Verhältnisses zur Natur erfolgt. Mit anderen Worten: Der „Seins-Mensch“ muss den „Haben-Mensch“ ablösen, wenn der globale Kollaps noch abgewendet werden soll und die Menschheit noch eine Zukunft haben will.[7]

Erich Fromm ist hier deswegen so ausführlich zu Wort gekommen, weil er ein sehr scharfer und genauer Analytiker unserer Situation ist. Das für die Gegenwart noch heute vorherrschende Menschenbild hat er treffend beschrieben. Daran hat sich auch in den Jahrzehnten nach seinem Tod nichts geändert. Seine Aussagen werden durch neuere rechtfertigende Arbeiten über den Neoliberalismus voll bestätigt. Die Verteidiger dieser ökonomischen Ideologie sprechen nicht mehr von sozialer Gerechtigkeit, die erstrebenswert sei, sondern von „Leistungsgerechtigkeit“. Wer etwas leistet, soll auch entsprechend dafür entlohnt werden. Und umgekehrt: Wer nichts leistet, dem steht auch nichts zu, der fällt – brutal gesagt – durch den sozialen Rost. Soziale Ungleichheit wird als „evolutionäres“ Naturgesetz dargestellt. Für den Neoliberalismus-Ideologen Friedrich August von Hayek ist soziale Ungleichheit etwas sehr Positives. Hayek bestreitet die Existenz von Gesellschaften überhaupt und spricht bei Kollektiven lediglich von einer Ansammlung von Individuen. Diese bringen durch ihr Streben für ihren persönlichen Nutzen und ihre individuelle Gewinnsucht einem Land Gewinn und Fortschritt.

Hayek geht davon aus, dass alle Individuen einen über den Markt vermittelten Kampf jeder gegen jeden um knappe Güter aller Art führen, bei dem die Schwächeren und weniger Leistungsfähigen auf der Strecke bleiben. Die Menschheit entwickelt sich nur durch das Durchsetzen der Fähigsten und Stärksten weiter. Hayeks Ausführungen sind im Grunde eine Neuauflage des Sozialdarwinismus aus dem 19. Jahrhundert. Diese Ideologie rechtfertigt, ja begrüßt sogar die soziale Ungleichheit und ständig zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich.[8] Das war nicht nur Theorie, sie wurde und wird in die Realität umgesetzt. Die britische Premierministerin Margaret Thatcher realisierte das als eine der ersten – unter dem Leitmotiv: „Die Gesellschaft – das ist niemand, Du bist selbst für Dich verantwortlich!“

Der neoliberale Staat schafft durch Privatisierung, Deregulierung und den Abbau des Sozialstaates die soziale Sicherheit für breite Bevölkerungskreise weitgehend ab und verteilt den gesellschaftlichen Reichtum von unten nach oben. Sozialausgaben werden gekürzt, Löhne gesenkt, die Abgaben für die arbeitende Bevölkerung erhöht, während gleichzeitig der Spitzensteuersatz, die Erbschafts-, Unternehmens- und Vermögenssteuer gesenkt oder ganz abgeschafft werden. „Was nach den Konzepten der neoliberalen Ideologen wie Milton Friedman oder Friedrich August von Hayek als ‚Modernisierung‘ ausgegeben wird, ist teils nur eine ‚neoliberale Konterrevolution‘“, erklärt der Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge von der Universität Köln. Er führt weiter aus: „Hier handelt es sich um die Restauration des Kapitalismus vor John Maynard Keynes durch Rücknahme demokratischer und sozialer Reformen bzw. Regulierungsmaßnahmen, mit denen die Wohlfahrtsstaaten das Großkapital zeitweilig einer gewissen Kontrolle unterzogen haben.“

Es versteht sich von selbst, dass unter solchen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen die Demokratie eher eingeschränkt wird, denn der Staat hat in erster Linie die Aufgabe, die besten Bedingungen für den „Markt“ zu schaffen. So ordnet sich der neoliberale Staat ganz dem Kapital unter, Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt das „marktkonforme Demokratie“.[9]

Da nun die neue Gesellschaft mit „Seins“-Charakter im Frommschen Sinne in naher Zukunft (wenn überhaupt) nicht zu erwarten ist, muss man sich realistischerweise am Zustand der gegenwärtigen Gesellschaften orientieren und die wesentlichsten krankmachende Faktoren in ihnen aufzeigen. Der Fokus wird dabei vor allem auf die westlichen Staaten gelegt. Da muss zuerst der Faktor Stress genannt werden. Denn in einer Gesellschaft, in der nur die Leistung zählt, die in einem erbitterten Konkurrenzkampf jeder gegen jeden und unter der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes sowie dem dann folgenden sozialen Abstieg erbracht werden muss, sind die Arbeitnehmer enormen Belastungen ausgesetzt, der durch den Druck des internationalen Wettbewerbs noch gesteigert wird. Dieser Stress hat vielerlei Ursachen und resultiert nicht allein aus der Situation am Arbeitsplatz. Verstärkend können andere Faktoren hinzukommen: etwa Krankheit, Armut, eine schlechte Wohnsituation und familiäre Probleme, um nur die wichtigsten zu nennen. Wobei sich alle diese Faktoren gegenseitig bedingen und potenzieren können. Zu nennen ist aber auch die Politik als möglicher krankmachender Faktor auch und gerade in Demokratien, wenn sie (wie oben schon angesprochen) sozial ungerechte, klassenmäßige Verhältnisse schafft oder aufrechterhält bzw. in autoritären Staaten oder Diktaturen unerträgliche, Angst erzeugenden Druck auf die Menschen ausübt oder sogar physische Gewalt gegen sie anwendet.

Ein gutes Beispiel, wie sehr Politik bzw. Politiker Angst in der Bevölkerung auslösen können, ist der derzeitige amerikanische Präsident Donald Trump. Seine irrlichternde Charakterstruktur, die auf einem pathologischen Narzissmus beruht – also auf ungezügelter Selbstbezogenheit, hybrider Siegermentalität, Größenwahnfantasien und völliger Empathielosigkeit – , löst in einem Großteil der amerikanischen, aber auch der Weltbevölkerung höchste Unsicherheit aus. Trump nutzt seine fast unbegrenzte Macht, um Krisen auszulösen, aus internationalen Abkommen auszusteigen, er poltert und hetzt gegen die Schwächsten der Gesellschaft, vor allem Migranten, beleidigt und diffamiert politische Gegner und nimmt auch Frauen von seinen Schmähungen nicht aus. Solche chaotische Unberechenbarkeit hinterlässt Spuren in den Seelen der Menschen, macht Angst, die Menschen fühlen sich verlassen und hilflos. In amerikanischen Psychotherapeutenkreisen kursiert deshalb der Begriff der „Trump-Anxiety Disorder“, also die Trump-Angststörung. Psychoanalytiker diagnostizieren, dass Trump seine Macht dazu benutzt, seine unbewussten  narzisstischen Konflikte auszuagieren und abzuwehren. Das führt zu Machtmissbrauch und bei den Menschen zu Angst.[10]

Wenn ein so mächtiger Mann wie Trump in trautem Konsens mit anderen Staatenlenkern das wohl wichtigste globale Problem – den Umweltschutz und den Klimawandel – völlig ignoriert, ja sich darüber lustig macht, dann ist ein Gipfel der Irrationalität erreicht. Auch diese politische Torheit macht Angst, denn die Prognosen der Experten sind verheerend – für einige von ihnen steht der Uhrzeiger nicht auf fünf Minuten vor zwölf, sondern schon auf einigen Minuten nach zwölf, weil sich die Natur – verschuldet durch den Menschen – in einem „desaströsen“ Zustand befindet. Die Klima-Katastrophe ist offenbar heute schon nicht mehr abzuwenden.

Es geht beim Umweltschutz und dem Klimawandel nicht um ein Randthema, als das viele Politiker es offenbar immer noch ansehen, es geht um die nackte Existenz dieses Planeten, soll er für Menschen weiter bewohnbar bleiben. Und immer klarer wird: Abhilfe ist nicht mit kleinen Schritten zu schaffen, sondern nur mit einem radikalen Wandel. Die kanadische Wirtschaftswissenschaftlerin Naomi Klein appelliert deshalb: Notwendig (im wahrsten Sinne des Wortes) ist die Abkehr von einem Wirtschaftssystem, das Wachstum als einzigen Maßstab für Erfolg ansieht, dass also ein System geschaffen werden muss, das vor allem den Verbrauch fossiler Energiequellen drastisch mindert. Aber allein die Abkehr vom Wachstum – so Klein – ist auch nicht die Lösung, es muss darum gehen, einen anderen Maßstab für Erfolg zu entwickeln. Solchen Warnungen und Vorschlägen steht aber die Macht der großen Energiekonzerne entgegen, die wie Trump den Klimawandel leugnen und die Erkenntnisse der Klimaexperten mit allen Mitteln bekämpfen.[11]

Letzten Endes ist also auch das Problem von Umwelt und Klima eine Frage des neoliberalen Wirtschaftssystems (der Haben-Mentalität, wie Erich Fromm sie nennt), das Probleme erst schafft, aber unfähig ist, sie zu beheben. Eine Konsequenz dieses Systems sind auch die im Folgenden aufgeführten Faktoren, die oben schon kurz erwähnt wurden. Sie alle haben beträchtlichen Einfluss auf die körperliche und seelische Gesundheit der Menschen. Da der Neoliberalismus heute das die Welt beherrschende System ist, sind diese problematischen Faktoren global wirksam, werden aber in dieser Betrachtung auf Deutschland fokussiert. Da sie durch die Politik beeinflussbar sind, wären politische Lösungen möglich, werden aber durch den übermächtigen Einfluss der Wirtschaft und durch die Untätigkeit bzw. Unfähigkeit der Politiker verhindert. Als erster Problembereich soll das Wohnen betrachtet werden.

Wohnen ist kein Luxus, es ist eine Notwendigkeit der menschlichen Existenz. Die Wohnung kann unter vier Aspekten gesehen werden: Sie ist ein soziales Gehäuse, in dem die Familie dominiert. Im Kontrast zum Berufsleben ist sie der genuine Ort der Freizeit, außerdem ein Residuum der Privatheit, das Gegenteil der öffentlichen Sphäre, und sie ist schließlich eine gekaufte oder gemietete Ware. Die Wohnbedingungen der deutschen Bevölkerung sind aber äußerst ungleich: Sie sind sozialräumlich nach Klassen und Ethnien aufgeteilt, sie entsprechen also in der Siedlungsstruktur, der Raumnutzung und der Eigentumslage der von Ungleichheit geprägten hierarchischen Sozialstruktur.[12]

Die gestaltete Stadt kann „Heimat“ sein, also ein Ort, mit dem die Bewohner sich identifizieren können, sie kann aber auch ein Agglomerat von Gebäuden sein, das keine Identifizierung zulässt. Die Sünden eines solchen Bauens hat schon in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich in seinem bahnbrechenden Buch Die Unwirtlichkeit der Städte. Anstiftung zum Unfrieden angeprangert. Seine Kritik ist heute noch genauso gültig wie damals.

Mitscherlich schreibt: „Unbestreitbar ist jene Neigung, die einer Stadt entgegengebracht wird, oder einem Quartier, einem entlegenen Winkel in ihr, ein Ergebnis psychologischer, nämlich affektiver Prozesse. Wenn sie in Ordnung ist, wird die Stadt zum Liebesobjekt ihrer Bürger. Sie ist dann ein Ausdruck einer kollektiven, Generationen umspannenden Gestaltungs- und Lebenskraft; sie besitzt eine Jugend, unzerstörbarer als die der Geschlechter, ein Alter, das länger dauert als das der einzelnen, die hier aufwachsen. Die Stadt wird zur tröstenden Umhüllung in Stunden der Verzweiflung und zur strahlenden Szenerie in festlichen Tagen.“[13] Wer hat genau dies bei einem Gang durch Venedig, Rom, Amsterdam oder Paris noch nicht empfunden!

Aber genau diese Kriterien des Bauens gelten heute kaum noch, weil die Stadtplanung von rationaler Schematisierung der Bebauungsweise beherrscht wird. „Städte werden produziert wie Automobile“,[14] schreibt Mitscherlich. An anderer Stelle nennt er den modernen Städtebau einen „Kapitalfall der Selbstzerstörung unserer städtischen Kultur“. Wohnungen würden heute nicht für lebendige Individuen entsprechend ihrer Bedürfnisse gebaut, sondern für Wohnungssuchende „Abstrakta“ – für „Wohnraumverbraucher“.[15]

Ein wichtiges Kriterium für eine menschenfreundliche Architektur ist vor allem die Herstellung eines Systems seelischer affektiver Kommunikationsmöglichkeiten. Anders gesagt: In einer gebauten Umwelt kann sich das Individuum seine Identität nur bewahren, wenn es dort kontinuierliche mitmenschliche Beziehungen pflegen kann. In dieser Beziehung – so Mitscherlich – hat das gegenwärtige Bauen völlig versagt: „In der urbanen Realität, die wir schaffen, wird genau diesem Bedürfnis nicht Rechnung getragen.“ Zu dieser Art von Stadtzerstörung zählt Mitscherlich auch die schier unendlichen Reihen von Einfamilienhäusern in den Vororten.[16]

Als Fußnote sei hier eine Episode eingefügt, die belegt, wie wenig nachbarschaftliche Kommunikation in den modernen Wohnsilos funktioniert. In einem Hochhaus in Bremen-Vahr (nach dem Krieg eine viel gerühmte Mustersiedlung in Deutschland!) hatten vor einigen Jahren Jugendliche sich einen netten Streich ausgedacht: Sie schraubten das Klingelbrett mit den Namen der Bewohner ab, lösten dann die Drähte, die den jeweiligen Namen zugeordnet waren, und brachten sie wild durcheinander wieder an. Das Chaos war vollkommen. Klingelte jemand bei der Familie Meier, klingelte es bei der Familie Müller usw. Nun mussten die Bewohner zusammenkommen, um die Ursache dieses Chaos‘ zu erkunden und es dann zu beheben. Bei dieser Gelegenheit begegneten sich die meisten Hausbewohner zum ersten Mal. Es entstanden echte Nachbarschaften und Bekanntschaften, sogar Freundschaften soll der Jungenstreich gestiftet haben.

Eine gebaute Umwelt, die nicht zugleich auch Kommunikation ermöglicht, muss negative affektive Wirkungen auf ihre Bewohner haben – ja, sie macht im Extremfall krank, aggressiv oder eben depressiv. Ein solches Bauen führt in die Sozialpathologie, weil es den biologischen und psychischen Minimalbedingungen menschlicher Existenz widerspricht. Wobei Mitscherlich zugesteht, dass es schwer ist, die Reaktionen der unbewusst bleibenden Einflüsse unüberschaubarer, formloser Gebäudeansammlungen auf die Stimmungen und Verstimmungen der Menschen abzuschätzen, denn quantitativ lassen sie sich nicht messen.

Aber die immer wieder registrierte Aggressivität, wie sie unter Bewohnern beengter, übervölkerter Städte oder Stadtquartiere, aus der Enge des Wohnraums und aus der Ausweglosigkeit in solchen Situationen entsteht, ist ein deutliches Anzeichen für den Einfluss solcher Bebauung auf ihre Bewohner. Die Bauweise solcher Häuser macht Mitscherlich auch für die seelische Verstümmelung der darin lebenden Kinder verantwortlich, weil sie in einer solchen Umgebung keine Räume für das spielende Ausleben ihrer Phantasie haben.[17]

Angesichts der Misere des Bauens in Deutschland spricht Mitscherlich an Goethe erinnernd (ohne seinen Namen zu nennen) mit aus der Musiksprache entnommenen Begriffen von Bauten und Straßen, die sich zu einer „harmonischen Einheit fügen“, von der „Melodie der Straßenfronten“ und der „Stimmigkeit des Ganzen“, womit er zusammenhängende Ensembles meint. Und das Gegenteil sind für ihn „versteinerte Alpträume“. Für die Misslichkeiten eines verfehlten Bauens, das den Bedürfnissen der Menschen in keiner Weise gerecht wird, macht Mitscherlich auch die gegenwärtige Wirtschaftsordnung verantwortlich (Kapitalismus oder Neoliberalismus), denn eine freiheitliche Städteplanung, die diesen Namen auch verdienen würde, ist unter dem gegenwärtigen Bodenrecht, das auf dem Privatbesitz gründet, nicht möglich.[18]

Schon der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, hatte dieses Problem erkannt. Von ihm ist die Aussage überliefert, „dass die falsche Bodenpolitik die Hauptquelle aller physischen und psychischen Entartungserscheinungen ist, unter denen wir leiden.“ Passiert ist in dieser Hinsicht bis heute nichts. Die Bautätigkeit in den Städten wird weiterhin einer Anarchie der Privatinitiativen überlassen, deren Interesse natürlich in erster Linie kommerziell sind.[19] Städte waren einmal, so Alexander Mitscherlich, der „Raum des denkenden Aufstandes“, das sollten sie wieder werden – in Formen, die es noch zu finden gilt.[20]

Reiche Leute wohnen nicht in beengten, unwirtlichen Wohnungen, sondern zumeist in ihren schönen Villen im Grünen. Deutschland ist eins der reichsten Länder der Welt, aber knapp 20  Prozent der Angehörigen dieses Volkes gelten als arm – und das mit steigender Tendenz, denn die Schere zwischen Besitzenden und Besitzlosen öffnet sich weiter. Als arm gilt jemand, der über weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens verfügt. Die Unterversorgung dieser Gruppen ist nicht nur durch das geringe Einkommen gekennzeichnet, sie betrifft auch das Wohnen, die Arbeit und Arbeitsbedingungen, hohe Verschuldung, soziale Ausgrenzung und unzureichende soziale Hilfen. Besonders bedrückend ist die Lage von Kindern. Im Jahr 2016 lebte etwa jedes fünfte minderjährige Kind in Armut, 2014 gab es demnach 2,5 Millionen arme Kinder hierzulande.[21]

Nach dem Hartz-IV-Satz stehen einem Kind täglich 2,92 Euro für Ernährung zu. Kinder unterliegen zudem einem sogenannten Kausationseffekt, das heißt, wer in Armut aufwächst, hat mit großer Wahrscheinlichkeit als Erwachsener eine schlechte Gesundheit. In Armut lebende Kinder sind besonders anfällig für Infektionskrankheiten, Asthma, Zahnkrankheiten sowie Kopf-, Magen- und Rückenschmerzen.[22]

 

In Deutschland sind die Aufstiegschancen für Kinder aus armen Familien immer noch geringer als in vielen anderen Industrieländern. Hier könne es sechs Generationen oder 180 Jahre dauern, bis Nachkommen einer einkommensschwachen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen, heißt es in einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2018. Der Durchschnitt in 24 untersuchten Mitgliedsländern der OECD liegt demnach bei fünf Generationen. In den meisten OECD-Ländern gebe es praktisch keine „soziale Mobilität“ mehr. „Das Einkommen, der Beruf und das Bildungsniveau werden von einer Generation an die andere weitergegeben.“[23]

 

Auch die finanzielle Lage vieler Rentner ist bedenklich. Etwa 8,6 Millionen Rentner erhielten Ende 2016 eine Altersrente von weniger als 800 Euro monatlich. Das entspricht nach Angaben der Bundesregierung einem Anteil von 48 Prozent aller Rentner; 62 Prozent der Renten liegen demnach unter 1.000 Euro. Von den Renten unter 800 Euro sind 27 Prozent der Männer und 64 Prozent der Frauen betroffen. Die Zahlen beziehen sich dem Regierungsbericht zufolge auf Renten nach Sozialversicherungsbeiträgen vor Abzug von Steuern. Auch wenn die Rente oft nicht das einzige Einkommen ist, liegt damit heute ein großer Teil der gesetzlichen Rentenbezüge unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle und sogar unter der Grundsicherungsschwelle.[24]

Für diese wenig Begüterten gilt die Faustregel: Armut macht krank, Krankheit macht arm. Das heißt: Die Grundrisiken sind in der einkommensschwachen Bevölkerung dreimal größer, in den Unterklassen ist auch die Sterblichkeit zwei- bis dreifach so hoch wie in der Mittel- und Oberklasse. Ein Beispiel: Die Sterblichkeit im eher proletarischen Berlin-Kreuzberg übertrifft um 50 Prozent diejenige im gutbürgerlichen Berlin-Zehlendorf. Die Lebenserwartung ist bei Männern der Oberklasse um elf Jahre, bei Frauen um acht Jahre höher als in der Unterschicht.[25]

 

Der Gesundheitszustand ist stark vom Bildungsniveau und den klassenspezifischen Wertvorstellungen abhängig. So nehmen Angehörige der Unterschicht weniger prophylaktische Maßnahmen (etwa zur Früherkennung von Krebs) in Anspruch. Rauchen und der Genuss von Alkohol sind in dieser Schicht verbreiteter, sportliche Inaktivität überwiegt. Dies ist der Grund, warum Herz- und Kreislauferkrankungen in der Unterschicht sehr viel häufiger als den oberen Klassen auftreten. Psychische Erkrankungen liegen am Sockel der Sozialhierarchie um 40 Prozent über der Rate an der Spitze.[26]

 

Noch schlimmer ist die Lage bei Arbeits- und Langzeitarbeitslosen, ihr Krankheitsrisiko ist noch erheblich größer. Sie leiden besonders an psychosomatischen Beschwerden: Ängste, Schlaflosigkeit und depressive Symptome treten bei ihnen häufig auf, dazu Herz- und Kreislaufkrankheiten, Krebs und Erkrankungen der Verdauungsorgane. Was nicht verwundert, wie Erkenntnisse des Statistischen Bundesamtes mit der Auswertung der EU-Datenbank Silc, einer Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen im Jahr 2017, zeigen. Sie machen besonders deutlich, wie sehr die Gesellschaft in arm und reich gespalten ist. Danach kann jeder dritte Erwerbslose es sich nicht leisten, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit einzunehmen. 433 000 Erwerbslose (15,8 Prozent) leben in einem Haushalt, der Schwierigkeiten hat, die Miete, Hypotheken oder Rechnungen für Versorgungsleistungen rechtzeitig zu bezahlen.[27]

 

Äußerst bedenklich sind in gesundheitlicher Hinsicht auch befristete Arbeitsverhältnisse, die inzwischen weite Teile der Arbeitswelt dominieren. Unter den davon betroffenen Arbeitnehmern/innen nimmt die Kontingenz ständig zu, das heißt: eine von Zufällen bestimmte Lebenssituation, so die ständige Angst, am Ende der Arbeitsverhältnisse eine neue Stelle zu finden; die Unsicherheit, die die Kontingenz für die Familie und das soziale Umfeld schafft – Faktoren, die äußerst negative Auswirkungen für die körperliche und seelische Gesundheit haben. Stresssymptome wie Verspannungen, Kopfschmerzen, Magen- oder Kreislaufprobleme und im Extremfall Burnout sind die Folgen.[28]

 

Aber wer einen sicheren Job innehat, ist keineswegs auf der sicheren Seite, denn zu hohe Arbeitsbelastungen sind in der Berufswelt heute fast die Regel. Einer Forsa-Umfrage zufolge leiden sieben von zehn Berufstätigen in Deutschland unter übermäßigen Stress im Beruf. Die Hauptstressfaktoren sind: schlechte Arbeitsbedingungen, zu wenig Personal, Termindruck, Überstunden, schlechtes Arbeitsklima, Informationsflut, ungerechte Bezahlung, mangelnde Anerkennung sowie schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 61 Prozent der Arbeitnehmer/innen klagen über Erschöpfung, 50 Prozent über eine niedergedrückte Stimmung, 50 Prozent sehen für sich ein Burnout-Risiko, 20 Prozent leiden an Depresssionen. Fast 70 Prozent gaben an, dass sich der Stresslevel in den vergangenen Jahren erhöht habe.[29]

 

Die zunehmende Digitalisierung hat offensichtlich keine Erleichterung in der Arbeitswelt gebracht. Ganz im Gegenteil. Die ständige Erreichbarkeit durch die Handys setzt die Menschen unter Druck. Ein großer Teil der Arbeitnehmer/innen sorgt sich, mit den neuen Techniken nicht umgehen zu können oder den Arbeitsplatz zu verlieren. Man muss zusammenfassend also feststellen: Die Bedingungen der gegenwärtigen Arbeitswelt mit ihrem zunehmenden Stress fördern Krankheiten, diese mindern aber die Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit der Folge von Stigmatisierung und Ausgrenzung, was wiederum zu größerer Armut führt. Ein Teufelskreis ohne Ende.[30]

 

Alle diese Probleme, die hier nicht einmal vollständig erwähnt sind, betreffen die ganze Gesellschaft und fallen nicht in die Verantwortlichkeit der einzelnen, was natürlich von interessierter Seite immer wieder behauptet wird, um so der gesellschaftlichen Verantwortung zu entgehen. Soll heißen: Der Einzelne wird selbst verantwortlich gemacht  für sein Schicksal. Der Ausgangspunkt der hier angestellten Betrachtung war die Beschreibung der von der neoliberalen (kapitalistischen) Wirtschaftsordnung bestimmten Gesellschaft. Erich Fromm hatte den Menschentyp, der in ihr vorherrscht, so charakterisiert: „Der moderne Mensch hat sich in eine Ware verwandelt; er erlebt seine Lebensenergie als Investition, mit der er entsprechend seiner Stellung und seiner Situation auf dem Personalmarkt einen möglichst hohen Profit erzielen möchte. Er ist sich selbst, seinen Mitmenschen und der Welt entfremdet. Sein Hauptziel ist, mit seinen Fertigkeiten, seinem Wissen und sich selbst, kurz mit seiner ‚Persönlichkeit‘ ein möglichst gutes Geschäft zu machen mit Anderen, die genau wie er an einem fairen und gewinnbringenden Tauschhandel interessiert sind. Sein Leben hat kein Ziel außer dem einen: voranzukommen; keinen Grundsatz außer dem einen: ein faires Tauschgeschäft zu machen; er kennt keine Befriedigung außer der einen: zu konsumieren.“[31]

 

Wenn Fromm die jetzige Gesellschaft als „krank“ bezeichnet, setzt das voraus, dass es universal gültige Kriterien für Gesundheit gibt. Er schränkt diese Aussage selbst ein, weil das Wissen über die „menschliche Natur“ noch immer lückenhaft und unvollkommen ist, geht aber davon aus, dass alle Glieder der Spezies Mensch grundlegende psychische Eigenschaften gemeinsam haben, dass es also Gesetze gibt, die in ihrem psychischen und emotionalen Leben herrschen und dass man deshalb Ziele für die befriedigende Lösung des Problems der menschlichen Existenz aufzeigen kann.[32]

 

Es sind oben einige wichtige Symptome der kranken Gesellschaft aufgeführt worden, die Liste ließe sich beträchtlich erweitern. Nicht nur Erich Fromm hat auf diese Symptome hingewiesen. So hat etwa der Soziologe Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld in der unter seiner Leitung erstellten empirischen Studie Deutsche Zustände vor den Konsequenzen einer wachsenden Verrohung und sozialen Kälte gewarnt, die sich in Deutschland immer weiter ausbreiteten. Er hat eine „gewaltförmige Desintegration“ in der Gesellschaft festgestellt. Die sozialpsychologische Grundlage dieser Menschenfeindlichkeit sei eine rohe Bürgerlichkeit, die sich bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiere und somit die Gleichwertigkeit von Menschen sowie ihre psychische und physische Integrität antastbar mache. Heitmeyer zeigt auch, dass Teile des Bürgertums die Solidarität mit der Unterklasse aufgekündigt haben und einen „eisigen Jargon“ der Verachtung pflegen, was belegt, wie weit die Spaltung der Gesellschaft in „oben“ und „unten“ fortgeschritten ist.[33]

 

Diese Spaltung, die die Folge des Neoliberalismus ist, ist dabei, das Bild vom Menschen völlig zu verändern, wenn nicht Gegenkräfte aufkommen und gegensteuern. Erich Fromm hat noch formuliert, dass die psychisch Kranken eigentlich die „Normalen“ sind, weil sie eine hohe Sensibilität besitzen, soziale und gesellschaftliche Missstände sehr früh spüren und wahrnehmen, unter denen sie leiden. Ihre Reaktionen auf kranke und krankmachende Umweltbedingungen sind also sehr „gesund“. Der Menschentyp, den es anzustreben und zu fördern gilt, sollte die von Erich Fromm dargelegten Eigenschaften aufweisen: Die Bereitschaft, alle Formen des Habens aufzugeben, um ganz zu sein. Das Verhältnis zur menschlichen und natürlichen Umwelt soll auf Interesse, Zuwendung, Liebe und Solidarität gegründet sein – und natürlich auf Geben und Teilen.[34]

 

Der Psychoanalytiker Arno Grün sieht die Situation ganz ähnlich. Er schreibt: „Um erfolgreich zu sein, müssen wir von klein an lernen, vom Versagen zu träumen. Was zählt in unserer Kultur, ist nicht, im Gefühl des Lebendigen zu sein, sondern wie wir den Erfolg erreichen. Danach werden wir gemessen und messen uns selbst. Erfolg ist der Maßstab, nicht die Fähigkeit, zu lachen, zu spielen oder zärtlich zu sein. Dieser Erfolg aber gründet auf dem Versagen eines anderen Menschen. Er beinhaltet Gewalt. Diese Lektion fängt im Elternhaus an, wird in der Schule verstärkt, so dass wir schon lange vor dem Erwachsensein von dem internalisierten Alptraum gekennzeichnet sind: Wir träumen von der Angst des anderen, die unsere eigene ist. Sogar wenn wir auf dem Höhepunkt des Erfolges sind, träumen wir von der Angst des Versagens. Das eben ist das Problem: Um ein Selbst auf diesen, den Werten der Gesellschaft entsprechenden Wegen aufzubauen, müssen wir uns maskieren. Wir müssen verneinen, dass das, was wir wirklich tun, ist: einem anderen Wesen Schmerz zuzufügen. Es ist, wie Vaclav Havel es in seinem Essay Versuch, in der Wahrheit zu leben darstellt: ‚Ideologie als scheinbare Art der Sich-Beziehung der Welt bietet dem Menschen die Illusion, er sei eine mit sich identische, würdige und sittliche Persönlichkeit, womit es ihm möglich wird, alles dies nicht zu sein.‘ Sich auf diese Weise zu betrügen, macht es aber unmöglich, den Selbstwert aufzubauen, der einen Menschen in sich ruhen lässt, (und) in dem Verletzlichkeit und Hilflosigkeit zum Ausgangspunkt des Seins werden können.“[35]

 

Man muss befürchten, dass die Analysen dieser großen Humanisten, die zugleich mit ihrem Blick auf die Zukunft Visionen sind, eher ohne Wirkung bleiben, und die „Perversion eines Menschenbildes“ (der Sozialpsychologe Götz Eisenberg) unaufhaltsam auf dem Vormarsch ist. Es ist der „flexible“ Mensch – geprägt von Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit und Zynismus. Dieser Menschentyp wird heute noch als „Psychopath“ bezeichnet, aber der Begriff ändert langsam seine Bedeutung. Gemeint ist damit nicht mehr der durchgeknallte, unberechenbar-brutale Typ, sondern dieser Typ des „Psychopathen“ ist empathielos, aber oberflächlich charmant, anpassungsfähig, zynisch kalt, bindungs- und skrupellos und ausschließlich an privater Nutzenmaximierung interessiert. Eisenberg schreibt: „Das sind genau die Eigenschaften, die die Hasardeure und Gurus der New Economy und der Finanzwelt aufweisen, die uns an den Rand des Abgrunds manövriert haben und weiter manövrieren.“[36]

 

Wenn dieser Typ des „flexiblen“ Menschen sich durchsetzt und die „Norm“ (eben das Normale) wird, wäre das die Umwertung aller Werte mit unabsehbaren Folgen für die ganze Menschheit. Die Erzeugung des Menschlichen als Hauptproduktionsgegenstand einer Ökonomie des Glücks ( Pierre Bordieu)[37] hätte ausgespielt. Wenn wir das nicht wollen, müssen wir zum Widerstand aufrufen. Und für die Psychotherapeuten, die in diesem Buch angesprochen sind, erhebt sich die alles entscheidende Frage, auf welches Menschenbild hin sie ihre „Patienten“ therapieren wollen.

 

 


Hinweise

[1] Goethe, 1998, Bd.12, S. 474f.

[2] Fromm 1983, S. 96f.

[3] ebd. S.146.

[4] ebd. S. 34f, 111, 168.

[5] ebd. S. S. 15f, 21, 169, 171ff, 175ff,178ff.

[6] ebd. S. 145.

[7] Fromm 1978, S. 106.

[8] Lösch/ Ptak 2017, S. 202f.

[9] Butterwegge 2013.

[10] Magazin Jetzt 1.08.2018.

[11] Interview mit Naomi Klein, marx21.de, 17. Juli 2018.

[12] Wehler 2013, S. 129f.

[13] Mitscherlich 1965 S. 31.

[14] ebd. S. 33.

[15] ebd. S. 38.

[16] ebd. S. 26.

[17] ebd. S. 25, 90.

[18] ebd. S. 13, 17, 28, 36.

[19] ebd. S. 19, 21.

[20] ebd. S. 69.

[21] Wehler ebd. S. 129f; Butterwegge 2013 in: Standard; Armutsbericht der Bundesregierung 2017.

[22] Deutsches Ärzteblatt 1999, 96/12.

[23] Wehler ebd. S. 103ff; OECD-Analyse 9.12.2014.

[24] s. die jährlichen Armutsberichte der Bundesregierung.

[25] ebd. S. 125f.

[26] ebd.

[27] Wernicke/Berger 2014; Trabert 1999.

[28] Wernicke/ Berger ebd.; Sander, Florian: Rubikon 2018; DGB-Studie FAZ 3.05.2017.

[29] Paukner, Pascal: Jeder fünfte Deutsche leidet unter Dauerstress, Süddeutsche.online 30.10.2013.

[30] SPIEGEL.ONLINE 14.07.2010.

[31] Fromm 1978, S. 36, 145f, 174; ders. 1983, S. 97ff.

[32] ders. 1981, S. 20f, 27.

[33] Heitmeier in: Rammer 2016.

[34] Fromm 1978 S. 165f.

[35] zit. n. Wernicke/ Berger; Havel 1978.

[36] Eisenberg 2011.

[37] zit.n. Eisenberg.

Literatur

Butterwegge, Christoph/ Lösch, Bettina/ Ptak, Ralf: Kritik des Neoliberalismus, Wiesbaden 2017

Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, Stuttgart 1978

Ders.: Die Kunst des Liebens, Berlin 1983

Ders.: Wege aus einer kranken Gesellschaft. Eine sozialpsychologische Untersuchung, Frankfurt/ Main/ Berlin/ Wien 1982

Goethe, Johann Wolfgang von: Werke, Hamburger Ausgabe 1981

Heitmeyer, Wilhelm: Deutsche Zustände, Frankfurt/ Main 2011

Mitscherlich, Alexander: Die Unwirtlichkeit unserer Städte, Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt/ Main 1965

Wehler, Hans-Ulrich: Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland, München 2013

 

Aufsätze

Butterwegge, Christoph: Marktradikalismus und Rechtsextremismus, NRhZ, Online Flyer Nr. 152, 25.6.2008

Eisenberg, Götz: Die „Psychopathen“ kommen, NachDenkSeiten, 27.09.2011

Havel, Vaclav: Versuch in der Wahrheit zu leben, Reinbek 1978

Klein, Naomi: Um den Klimawandel zu bekämpfen, müssen wir den Kapitalismus bekämpfen, Interview 27.07.2018, marx21.de

Lösch, Bettina/ Ptak, Rolf: Kritik des Neoliberalismus, in: Die neoliberale Hegemonie als Gefahr für die Demokratie, in: Butterwegge, Christoph, Köln 2017

Rammer, Georg: Verrohung. Die unheimliche Schnittmenge von Rassismus und Neoliberalismus, Hinter den Schlagzeilen 28.04.2016

Sander, Florian: Unsicherheit als Arbeits- und Lebensbedingung. Über die psychosozialen Folgen befristeter Arbeitsverhältnisse, Rubikon 2018

SPIEGEL.ONLINE: Dauerstress bei der Arbeit macht depressiv, 14.07.2010

Trabert, Gerhard: Armut und Gesundheit: Soziale Dimension von Krankheit vernachlässigt, Deutsches Ärzteblatt 1999, 96/12

Wernicke, Jens/ Berger, Jens: Armut mach krank – Krankheit macht arm, NachDenkSeiten 16.5.2015