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Zeit des Schreckens. Die deutsche Besatzung auf Kreta 1941 – 1945

Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 16. Januar 2020 in der Villa Ichon (Bremen)

Meine sehr geehrten Damen/ Herren!

Ich möchte Sie sehr herzlich begrüßen. Ich freue mich sehr, dass das Interesse an der Ausstellung „Zeit des Schreckens. Die deutsche Besatzung auf Kreta 1941 – 1945“ so groß ist. Bevor ich aber zum Thema der Ausstellung komme, möchte ich einige Danksagungen loswerden. Ich danke zunächst Barbara Heller für ihre einfühlsamen, aber deutlichen Worte zum deutsch-griechischen Verhältnis, das ja immer noch durch die Ereignisse der deutschen Besatzung des Landes tief gestört ist. Ich danke dann dem Vorstand der Villa Ichon, insbesondere Herrn Prof. Hübotter und Frau Scherf, dass die Ausstellung hier im Haus gezeigt werden kann. Große Verdienste daran hatte auch Herr Lothar Bührmann, der ja für Ausstellungen in der Villa verantwortlich war, aber leider verstorben ist. Danken muss ich auch Frau Thompson und Herrn Barach-Burwitz, die bei der Organisation sehr geholfen haben. Schließlich muss ich auch dem Bremer Friedensforum und der Masch danken, die die Ausstellung und die Veranstaltungen im Rahmenprogramm mittragen.

Ich selbst habe die Ausstellung, die Griechenlandgruppen aus Berlin und Darmstadt unter Mitarbeit von Historikern erarbeitet haben, in Darmstadt gesehen, und ich fand sie so gut, dass ich dachte, es wäre sehr schön, sie nach Bremen zu holen, was ja auch geklappt hat, wofür ich der Villa Ichon wie gesagt sehr dankbar bin. Ich muss hinzufügen, dass es sich eigentlich um zwei Ausstellungen handelt. Denn einmal handelt es sich um die Ausstellung „Zeit des Schreckens. Die deutsche Besatzung auf Kreta“, also um die Kriegszeit. Der zweite Teil der Ausstellung handelt von den Gedenkstätten und Mahnmalen, die die Kreter zur Erinnerung an diese Schreckenszeit und ihre Toten errichtet haben. Dieser Teil heißt: „‘Sagt also der Sonne, dass sie einen neuen Weg finde‘ – Gedenkstätten und Friedensinitiativen auf Kreta.“ Die Texte und Fotos zu diesem Teil sind von Frau Rena Bayer aus Darmstadt, die heute Abend hier anwesend ist und der ich sehr für ihre Mithilfe am Zustandekommen der Ausstellung hier im Haus danke. Frau Bayer ist Fotografin und hat lange auf Kreta gelebt. Sie sehen ihren Teil der Ausstellung in dem Raum im Parterre. Die Ausstellung über den Krieg und die Besatzung beginnt dort in der Ecke, sie ist chronologisch geordnet und geht dann weiter bis in den nächsten Raum.

Meine Damen und Herren, Sie werden vermutlich alle schon einmal auf Kreta gewesen sein. Es ist ja eine der Lieblingsinseln der Deutschen, um dort Sonne, Strände, Landschaften, Kultur und die berühmte kretische Gastfreundschaft zu genießen. Jeder von Ihnen kennt vermutlich auch den Roman oder den Film „Alexis Sorbas“, der nicht nur in Deutschland eine wahre Kreta-Begeisterung ausgelöst hat. Aber nur wenige Deutsche wissen oder wollen wissen, was im deutschen Namen auf dieser Insel in den Jahren 1941 bis 1945 geschehen ist. Der Titel der ab heute hier gezeigten Ausstellung sagt es: Die deutsche Besatzung dort war eine „Zeit des Schreckens“ – sowohl auf Kreta wie auch im übrigen Griechenland. Ich finde, in einer Zeit, in der die Rechtsextremen und Neonazis Morgenluft wittern und die Bundeswehr zu Kämpfen in die ganze Welt geschickt wird, muss man daran erinnern, was Krieg und Besatzung bedeuten.

Ich möchte zum Verständnis der Ausstellung eine kurze historische Darstellung des Krieges in Hellas und auf Kreta geben. Zuvor möchte ich aber noch einige persönliche Anmerkungen zu diesem Thema machen. Ich kenne Griechenland und Kreta seit über 50 Jahren. Ich war 1967 als Student zum ersten Mal dort und habe damals dieses Land, seine Menschen und seine Kultur tief in mein Herz geschlossen und habe Hellas – besonders Kreta – bis heute die Treue gehalten. Und eins ist mir dabei besonders aufgefallen: Obwohl Hitlers Armee dort so furchtbar gewütet hat, habe ich nie – nicht ein einziges Mal – von Griechen oder Kretern einen Vorwurf oder eine Anklage gegen mich als Deutschen gehört. Erst wenn man die Menschen auf den Krieg anspricht – und ich habe das aus historischem Interesse immer wieder getan – erzählen sie von den schlimmen Geschehnissen unter der deutschen Besatzung. Und dann erfährt man, dass es keine Familie gibt, die nicht Opfer oder Verluste zu beklagen hat oder dass Familienangehörige direkt im Widerstand gegen die Deutschen gekämpft haben.

Ich möchte hier ein Beispiel für Widerstand erzählen. Meine Frau und ich wohnen seit vielen Jahren im Sommer für ein paar Wochen in einem sehr schönen kleinen Haus direkt am Meer in einem südkretischen Dorf, das uns inzwischen zur zweiten Heimat geworden ist, so wie der Vermieter dieses Hauses längst zu einem sehr guten Freund geworden ist. Dieser Kreter erzählte uns, dass sein Onkel, der Bruder seiner Mutter, einer der größten Widerstandskämpfer gegen die Deutschen während der Besatzungszeit war. Er hieß Nikos Petrakis. Seine Großtat bestand darin, dass er zusammen mit seinen Leuten eine ganze Staffel von Stukas-Bombern, die in Heraklion zwischengelandet und auf dem Weg nach Nordafrika waren, wo sie Rommels Truppen dort unterstützen sollten, nachts in die Luft gejagt hat – und das Treibstofflager gleich dazu. Es war einer der größten Sabotageakte des Zweiten Weltkrieges. Auf einer Grünanlage vor dem Flughafengebäude haben die Kreter ihm einen Gedenkstein für diese Tat gesetzt.

Das Leben und die Großtat des Nikos Petrakis offenbart aber auch zugleich die ganze Tragik der griechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die vor allem auf der politischen Zerrissenheit dieses Landes beruht. Nikos Petrakis wollte nach dem Krieg wieder in seinen Beruf zurückkehren, er war Lehrer. Aber auf der zuständigen Behörde sagte man ihm: „Du hast gegen die Nazis gekämpft. Du darfst nicht mehr arbeiten!“ In Deutschland nennt man das „Berufsverbot“.

Der Hintergrund war: Der linke Widerstand hatte im Bündnis mit anderen Parteien und Gruppen im Lauf des Krieges weitgehend die Kontrolle über das ganze Land gewonnen, die Rechten hatten aber zum Teil mit den Nazis kollaboriert. Dann kam es nach 1945 zwischen Linken und Rechten zum Bürgerkrieg, der bis 1949 dauerte. Großbritannien griff auf der Seite der Rechten in den Bruderkrieg ein und hat ihn dadurch entschieden. Die Linke wurde geschlagen. Die alten Verhältnisse wurden restauriert. Die Briten setzten den König wieder ein, eine rechte autoritäre Regierung übernahm die Macht. Und deshalb wurden die linken Widerstandskämpfer zu „Verrätern“ erklärt und bekamen Berufsverbot, viele von ihnen wurden verhaftet und kamen auf die berüchtigten Gefangeneninseln Leros oder Makronissos oder mussten ins Ausland fliehen.

Nun möchte ich auf die Kriegsereignisse auf Kreta eingehen. Deutsche Fallschirmjäger haben auf Hitlers Befehl hin Kreta am 20. Mai 1941 aus der Luft angegriffen, stießen dabei aber auf den nicht vorhergesehenen heftigen Widerstand der Einheimischen und der auf der Insel anwesenden britischen und neuseeländischen Truppen. Dieser Angriff der Wehrmacht, der unter dem  mythologischen Titel „Merkur“ durchgeführt wurde, war der Auftakt zur Eroberung der Insel. (Merkur oder Hermes war ja der geflügelte Götterbote der antiken Griechen). Der Angriff der Fallschirmjäger wurde später ganz im Sinne des Mythos verklärt. Von einem „Titanenkampf“ war da die Rede, von einem „Sieg der Kühnsten“. Zu diesem Mythos hat nicht zuletzt auch der Schriftsteller Erhart Kästner beigetragen, der als Soldat während der Besatzungszeit in Griechenland Dienst tat und im Auftrag der Wehrmacht Bücher über Griechenland und Kreta geschrieben hat. Ich möchte Ihnen nicht vorenthalten, was er da über die Invasion auf Kreta verfasst hat – und zwar, als er am Fuße des Olymp stehend – also auf dem Festland – einen Zug mit Wehrmachtssoldaten sah, die von den Kämpfen auf der Insel zurückkehrten. Da heißt es: „An dieser Stelle unserer Fahrt begegneten wir einem Zug, der nordwärts fuhr und auf einer Ausweichstelle der eingleisigen Strecke unser wartete. Es waren Männer von Kreta, die von dort kamen und nun einem neuen Ziel und einem neuen Kampf entgegengingen. Unser Zug schob sich langsam an der nachbarlichen Wagenreihe entlang. Auf den offenen flachen Eisenbahnwagen standen fest vertäut die Geschütze, die Kraftwagen und die Räder, von Staub überpudert und deutlicher von den überstandenen Strapazen redend als die Männer. Darauf und dazwischen saßen, standen und lagen gleichmütig die Helden des Kampfes, prachtvolle Gestalten. Sie trugen alle nur die kurze Hose, manche den Tropenhelm, und blinzelten durch ihre Sonnenbrillen in den hellen Morgen. Ihre Körper waren von der griechischen Sonne kupferbraun gebrannt, ihre Haare weißblond.

Da waren sie, die ‚blonden Achaier’ Homers, die Helden der Ilias. Wie jene stammten sie aus dem Norden, wie jene waren sie groß, hell, jung, ein Geschlecht prahlend in der Pracht seiner Glieder. Alle waren sie da, der junge Antenor, der massige Ajax, der geschmeidige Diomedes, selbst der strahlende, blondlockige Achill. Wie anders denn sollten jene ausgesehen haben als diese hier, die gelassen ihr Heldentum trugen und ruhig und kameradschaftlich, als wäre es weiter nichts gewesen, von den Kämpfen auf Kreta erzählten, die wohl viel heldenhafter, viel kühner und viel bitterer waren als alle Kämpfe um Troja. Wer auf Erden hätte jemals mehr Recht gehabt, sich mit jenen zu vergleichen als die hier – die nicht daran dachten. Sie kamen vom schwersten Siege, und neuen, unbekannten Taten fuhren sie entgegen. Keiner von ihnen, der nicht den Kameraden, den Freund da drunten gelassen hatte. Um jeden von ihnen schwebte der Flügelschlag des Schicksals. Es wehte homerische Luft.“

 

Diese Sätze stammen von einem Schriftsteller, der seine NS-Bücher über Griechenland und Kreta nach dem Krieg von den „braunen“ Stellen gereinigt und sie neu herausgebracht hat. Sie sind im renommierten Insel-Verlag erschienen und so mancher Griechenlandreisende ist dann mit diesen Büchern noch durch Hellas gewandert.

 

Wie sah aber die Wirklichkeit des Krieges auf der Insel aus? Dazu möchte ich in aller Kürze auf drei Fragen eingehen. 1. Warum lag es im Interesse der NS-Führung, Griechenland und Kreta zu erobern? 2. Wie sah die deutsche Besatzung auf der Insel aus? und 3. Wie war die Bilanz des Unternehmens „Merkur“?

 

Zu Punkt 1. Die deutsche Führung (damit meine ich immer Hitler und die Militärs) hatte ursprünglich kein Interesse daran, den Krieg auf Griechenland und Kreta auszudehnen. Sie wollte im südosteuropäischen Raum eigentlich Ruhe haben, um sich ganz auf die bevorstehende Invasion der Sowjetunion konzentrieren zu können, auf das Unternehmen „Barbarossa“. Die deutsche Führung änderte aber ihre Planungen wegen der Aggressionspolitik des deutschen Bündnispartners Italien. Mussolinis Truppen mussten aber in Griechenland und Nordafrika herbe Niederlagen einstecken, was für die deutsche Kriegsplanung einen Unsicherheitsfaktor darstellte, vor allem für das Unternehmen „Barbarossa“.

 

Denn die deutsche Führung wollte unbedingt die südöstliche Flanke Europas für den Überfall auf die Sowjetunion gesichert wissen, was nun durch die italienischen Niederlagen nicht mehr gegeben war. Außerdem hatte Hitler auch die Öl-Ressourcen Rumäniens im Auge, die er für seinen Krieg brauchte. Zudem gab es auf deutscher Seite Befürchtungen, dass die Briten Kreta besetzen würden, was ihnen, da sie schon Rhodos und Zypern in ihrem Besitz hatten, eine Übermacht im östlichen Mittelmeer verschaffen würde. Diese Befürchtungen waren berechtigt, denn am 1. November 1940 landeten britische Luftwaffen- und Heeresverbände auf Kreta.

 

Das Ziel der deutschen Führung war dann also, mit der Eroberung Griechenlands und Kretas die südöstliche Flanke für die Invasion der Sowjetunion zu sichern. Die Insel sollte als „Stützpunkt für die Luftkriegführung gegen England im Ost-Mittelmeer“ besetzt werden. Der Angriff auf Griechenland war am 20. April 1941 erfolgt, das Land war in wenigen Tagen erobert worden. Kreta wurde auf persönliche Anweisung Hitlers einen Monat später am 20. Mai angegriffen.

 

Die Deutschen Fallschirmjäger stießen wie erwähnt auf heftigen Widerstand von britischen Truppen, die von Einheiten aus Australien und Neuseeland verstärkt wurden. Aber auch Kreter beteiligten sich an den Kämpfen. Die deutschen Fallschirmjäger erlitten schwere Verluste, es kamen etwa 5000 Soldaten ums Leben, weshalb Hitler sich entschied, nie wieder Luftlandetruppen in großem Ausmaß einzusetzen. Dennoch konnte die Wehrmacht die Insel erobern.

 

Zu Punkt 2: die deutsche Besatzungsherrschaft auf Kreta. Sie war, wie es der Titel der Ausstellung sagt, eine „Zeit des Schreckens“. Sehr kurz nach der Eroberung der Insel trat der kretische Widerstand in Aktion. Kreta ist wegen seiner wichtigen strategischen Lage immer wieder von fremden Mächten besetzt worden – von Römern, Sarazenen, Venezianern und Osmanen – und im 20. Jahrhundert eben von den Deutschen. Diese Geschichte der Besetzungen hat bei den Kretern eine unbändige Freiheitsliebe und einen großen Freiheitswillen geschaffen, der sich nun gegen die deutschen Besatzer richtete.

 

Im Anfang wurde der Widerstand von der breiten Masse der Bevölkerung getragen: Männer, Frauen, Priester und sogar Kinder kämpften mit primitivsten Mitteln – alten Flinten, Beilen, Sicheln, Steinen und Knüppeln – gegen die eindringenden Fallschirmjäger. Später organisierte sich der Widerstand in zwei Partisanengruppen – der linken ELAS und der konservativen EOS. Auf die Anschläge dieser Partisanengruppen reagierten die Deutschen mit aller Härte und Grausamkeit – vor allem mit sogenannten „Vergeltungs- und Sühnemaßnahmen“. Das heißt: In den Dörfern wurden Einwohner (zumeist alle kampffähigen Männer) erschossen, Kontributionszahlungen eingefordert, ganze Ortschaften geplündert und niedergebrannt. Nicht selten befanden sich in den Häusern, die niedergebrannt wurden, noch ältere und kranke Menschen, worauf keine Rücksicht genommen wurde.

 

Die Wehrmacht bestrafte nach dem Sippenhaftprinzip: „Einer für alle, alle für einen!“, wobei auch Unbeteiligte liquidiert wurden. In der Nähe von Chania gab es das Konzentrationslager Agiia, in dem die Gefangenen unter furchtbaren Bedingungen – einschließlich Folter – festgehalten wurden. Über 1000 Kreter wurden hier erschossen.

 

Es gab aber immer noch Briten auf der Insel, die als Agenten mit dem kretischen Widerstand zusammenarbeiteten. Dieser Widerstand war der deutschen Wehrmacht an Kampfkraft natürlich weit unterlegen und beschränkte sich daher auf Aktionen aus dem Hinterhalt. Die Historikerin Marlen von Xylander, die in der nächsten Woche hier sprechen wird, sieht die Bedeutung der Partisanen so: „Für die Besatzungsmacht stellte der Widerstand keine entscheidende Gefahr dar, jedoch bewirkten die ständigen ‚Nadelstiche‘ der Widerstandsorganisationen  in Verbindung mit dem Wissen, dass der Großteil der Bevölkerung auf ihrer Seite stand, ein Gefühl der permanenten Unsicherheit bei den Deutschen. Für den Fall einer alliierten Landung auf Kreta wurde der Widerstand als latente Bedrohung angesehen.“ Auch Frauen kämpften aktiv im Widerstand mit. Sie versorgten die Kämpfer in den Bergen mit allem Nötigen – Lebensmitteln, frischer Kleidung und Decken, sie pflegten die Verwundeten und übermittelten Nachrichten.

 

Es ist unmöglich, hier alle Massaker aufzuzählen, die die Wehrmacht auf Kreta begangen hat. Zwei will ich aber nennen: das Massaker von Viannos im Osten der Insel im September 1943. Die Partisanen hatten dort eine deutsche Einheit angegriffen, es gab dabei 12 Tote. Die Sühnemaßnahmen waren furchtbar: Es wurden regelrechte Massenexekutionen vorgenommen: 440 Kreter wurden erschossen und mehrere Dörfer - auch das große Dorf Viannos – wurden niedergebrannt und völlig zerstört. Ähnlich furchtbar war die Vernichtung der Stadt Anogia im Ida-Gebirge im August 1944. Hier wurde den Einwohnern unterstellt, heimlich britische Agenten zu unterstützen. Alle Häuser des Ortes wurden erst zerstört und die Reste dann noch mit Dynamit gesprengt. Auch Greise und Greisinnen sowie die Kranken, die nicht fliehen konnten, wurden umgebracht – insgesamt waren es in Anogia 117 Menschen.

 

Ein Abschnitt der deutschen Besatzung darf hier nicht übersehen werden. Im Zuge der „Endlösung der Judenfrage“ leistete die Wehrmacht auf Kreta auch ihren Vernichtungsbeitrag. Mitte Mai 1944 trieben die deutschen Soldaten in Chania die dortige jüdische Gemeinde, die einzige auf Kreta, zusammen, um sie nach Auschwitz zu deportieren. Diese 700 Juden wurden nach Heraklion geschafft und dort im Hafen auf den Frachter „Danais“ verladen. Das Schiff ist in Piräus aber nie angekommen. Es wurde auf dem Weg dorthin in der Ägäis torpediert und sank. Niemand wurde gerettet. Es ist bis heute nicht geklärt, wer den Torpedo abgeschossen hat. Waren es die Briten, die vielleicht nichts von der Menschenladung an Bord wussten und einen deutschen Frachter treffen wollten, oder waren es die Deutschen, die sich auf diese Weise der Juden entledigen wollten?

 

Die Untaten der Deutschen auf Kreta haben sich auch in Dichtungen und Liedern, die zu jener Zeit entstanden, niedergeschlagen. Es verwundert nicht, dass die deutschen Soldaten hier nicht nur als „Mörder“, sondern als „Barbaren“, „Hunnen“, als „Hunde“ und „Wölfe“ bezeichnet wurden.

 

Die Gewalt der Wehrmacht gegen die Kreter nahm noch zu, als eine Gruppe von Briten und kretischen Partisanen den deutschen General Karl von Kreipe entführte. Als sich im Sommer und Herbst 1944 die deutsche Kriegsniederlage deutlich abzeichnete, nahm auch der Rückzug aus Kreta konkrete Formen an. Die Wehrmacht befürchtete nun verstärkt Anschläge. Der kommandierende deutsche General Müller gab die Devise aus, „es dürfe keine Zurückhaltung mehr gegenüber nichtschuldigen Männern, Frauen und Kindern geben.“

 

Am 9. Mai 1945 unterschrieb der deutsche General Benthack die Kapitulation der Wehrmacht auf Kreta. Es entstand zu dieser Zeit eine makabre Situation auf der Insel. Die siegreichen Briten arbeiteten nun eng mit den besiegten Deutschen zusammen gegen ihre Verbündeten, die kretischen Partisanen. Der Grund: Die Deutschen und die Briten wollten verhindern, dass die Waffen und die Munition der Wehrmacht in die Hände der Widerstandsgruppen fielen. Was die verständliche Wut der Kreter hervorrief, die sich verraten fühlten.

 

zu Punkt 3. Die Bilanz der deutschen Besatzung auf Kreta war schrecklich: 3474 Kreter waren von den Deutschen exekutiert worden. Insgesamt wurden etwa 9000 Zivilisten getötet. Rund 40 Dörfer wurden völlig zerstört, ebenso viele zur Hälfte. Die kretische Landwirtschaft war durch den Raub der Wehrmacht völlig zusammengebrochen. Es gab kaum noch Rinder und Schafe, auch die hatte die Wehrmacht für ihre Eigenversorgung geraubt. Der (schon erwähnte) kretische Schriftsteller Nikos Kazantzakis, der sehr deutschfreundlich war, (er hatte Goethe und Nietzsche ins Griechische übersetzt) wurde von der Regierung in Athen beauftragt, zusammen mit zwei Professoren die Kriegsschäden und menschlichen Verluste auf der Insel zu untersuchen. Sein Urteil gipfelte in dem Satz: „Ich kann nicht verstehen, dass ein so hochstehendes Kulturvolk wie die Deutschen zu solchen Gräueln fähig ist.“

 

Wenigstens in einer Hinsicht widerfuhr den Kretern aber Gerechtigkeit: Die beiden deutschen Generäle Bräuer und Müller, die für die Gräuel auf der Insel hauptverantwortlich waren, wurden im September 1946 in Athen vor Gericht gestellt, für schuldig befunden und hingerichtet.

 

Auch militärisch war das Unternehmen „Merkur“ ein Pyrrhus-Sieg, denn die eigenen Verluste waren hoch: über 5000 deutsche Soldaten sind auf Kreta gefallen. Der „Sieg der Kühnsten“ auf Kreta hatte der Wehrmacht zudem keinen  großen Nutzen gebracht: Die Vorherrschaft der Briten im östlichen Mittelmeer wurde nicht gebrochen, die Rolle Kretas als Nachschubbrücke für Rommels Armee in Nordafrika blieb gering und die Schiffsverbindung zwischen Piräus und Kreta blieb äußerst unsicher, weil sie ständigen britischen Angriffen ausgesetzt war.

 

Die Kreter selbst taten sich dann aber schwer mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Denn viele Kreter hatten auch mit den Deutschen kollaboriert, was nach dem Ende des Krieges Spaltungen in der Bevölkerung zur Folge hatte. Die Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Partisanengruppen führten ab 1945 zum Bürgerkrieg in Griechenland, der – ich sagte es schon – durch das Eingreifen der Engländer für die Rechte entschieden wurde. Erst der linke Ministerpräsident Andreas Papandreou hat nach dem Ende der Militärjunta-Zeit – in den 80er Jahren – die linken Widerstandskämpfer und ihre Familien rehabilitiert, erst dann durften viele von ihnen aus dem Exil nach Griechenland zurückkehren. Damit fand die griechische Tragödie wenigstens ein vorläufiges Ende.

 

Ein Wort muss ich noch aus deutscher Sicht zum griechischen und kretischen Widerstand sagen. Diese Gruppen wurden in Deutschland oft voller Verachtung als „Banditen“ und „rote Freischärler“ und „rote Banden“ bezeichnet. Das ist sehr ungerecht, denn sie haben als griechische Patrioten gegen die Besetzung durch eine fremde Macht und für die Freiheit ihres Landes gekämpft – also für eine sehr gerechte Sache. Außerdem waren sei ein Teil des Widerstandes, der mit dazu beigetragen hat, das Terrorregime des Nationalsozialismus in Europa zu besiegen. Das sollte man nicht vergessen.

 

Schließen möchte ich mit einer persönlichen Beobachtung, die ich in dem Dorf Pitsidia im Süden Kretas gemacht habe. Auf einem Hügel in der Nähe dieses Dorfes kann man heute noch die Reste einer deutschen Militäranlage sehen. Ein betonierter Kreis mit einem Eisenring darin deutet darauf hin, dass hier wohl eine drehbare Flak gestanden hat. Etwas tiefer am Berg gibt es Unterkünfte für die Soldaten, die teils in den Felsen geschlagen, teils davor mit Natursteinen gebaut waren. Die Ruinen der Gebäude stehen heute noch. Um ihre Behausungen etwas zu verschönern, haben die Soldaten an die Innenwände Bilder gemalt – Erinnerungen an die Heimat oder an Reisen nach Venedig oder Rom. Ein Soldat hat aber mit der in der NS-Zeit gern verwendeten Sütterlin-Schrift seine Einstellung zum Krieg auf Kreta, die vermutlich auch seine Lebenseinstellung war, in einen gemalten Bilderrahmen eingetragen. Sie lautet: „Wir sind nicht geboren, um glücklich zu sein, sondern unsere Pflicht zu tun!“ Welche Art von Pflicht das war, sehen Sie in dieser Ausstellung.

Ich danke Ihnen.