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Wie die frühen Christen die antike Kultur zerstört haben

Die britische Historikerin Catherine Nixey bringt Licht in ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte/ Das Beispiel Lentas (Kreta)

Das Christentum stellt sich gern als Religion der Nächstenliebe, Toleranz und des Friedens dar. Wenn dem so gewesen wäre, dann hätte mit dem Sieg des Christentums im Römischen Reich eine selige Zeit anbrechen müssen. Aber man weiß heute, dass es nicht so war: Der Sieg dieser Religion im 4. und 5. Jahrhundert u.Z., den viele dieser Religion nahestehenden Historiker und Theologen als „Triumph“ bezeichnen, war nur durch die gewaltsame Bekehrung und die Verfolgung Andersgläubiger möglich. Die britische Historikerin Catherine Nixey schreibt in ihrem Buch Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten: Die Christenverfolgung der Römer, die nur eine kurze Zeit andauerte, sei nichts gewesen im Vergleich zu dem, was Christen Andersgläubigen antaten – von den Ketzern in den eigenen Reihen ganz zu schweigen.

Die Autorin schildert, wie den Menschen der Spätantike die relative Religionsfreiheit, die es im Römischen Reich gab, genommen wurde, im Fall der Verweigerung des Übertritts zum Christentum drohten ihnen Folter und Hinrichtung. Dazu kam fast die gesamte Zerstörung der antiken Kultur: Die Bücher der griechischen und römischen Antike wurden von den Christen verbrannt, die Tempel zumeist eingerissen, ihre Statuen mit Hämmern und Beilen zerschlagen. Catherin Nixey nennt diesen Vorgang „die größte Zerstörung von Kunst seit Menschengedenken“ – vermutlich nur zu vergleichen mit dem Wüten der spanischen und portugiesischen Konquistadoren in Mittel- und Südamerika oder dem Vandalismus des Islamischen Staates (IS) in der Gegenwart. Und das Ausmaß dieser Zerstörung der antiken Kultur hat die moderne Welt völlig aus der kollektiven Erinnerung getilgt.

Tempel, Statuen, Bücher sogar Bäume in heiligen Hainen und Musikinstrumente der „Heiden“ galten als Teufelswerk, man glaubte, dass Dämonen in ihnen hausten. Die christlichen Zerstörer sahen ihr Vernichtungswerk keineswegs als Vandalismus an, sondern als das Vollstrecken von Gottes Willen. Ein guter Christenmensch musste das tun, er hatte die Pflicht, diesen göttlichen Willen auszuführen. Man war sogar stolz auf diese Zerstörungen und bejubelte sie frenetisch. Führten Kleriker selbst die Verwüstungen aus, galt das als Beweis für die Tugend solcher heiligen Männer. Man glaubte, mit der Zerstörung den „Aberglauben“ der Heiden ein für alle Mal ausrotten und die in den antiken Objekten hausenden böse Dämonen vertreiben zu können.

Auch der Kirchenvater Augustinus ermunterte die Mitglieder von Gemeinden, an den Zerstörungen teilzunehmen, und versicherte ihnen, dass sie im Recht seien, wenn sie die antiken Kulturgüter verwüsteten. Er berief sich darauf, dass diese Verwüstungen das ausdrückliche Gebot Gottes seien. So forderte er im Jahr 401 die Christen in Karthago auf, alle heidnischen Objekte zu zerschlagen, denn das sei, was Gott verlange und befehle. Die christlichen Zerstörer sangen nicht nur Psalmen bei ihrem Verwüstungswerk, sie hatten auch viel Spaß bei ihrem vandalistischen Vorgehen. In Berichten aus dieser Zeit heißt es, sie hätten gebrüllt vor Lachen, wenn sie die Statuen kaputtschlugen.

Catherine Nixey schildert, wie konsequent die Christen bei ihrem Zerstörungswerk vorgingen: „Zahlreiche Beweisstücke sind erhalten geblieben, viele jedoch für immer verloren gegangen. Sinn und Zweck einer Zerstörung ist es schließlich zu zerstören. Und dazu gehört mehr als nur eine Verunstaltung: Wer es richtig anstellt, vernichtet alle Hinweise darauf, dass das Objekt jemals existiert hat. Wir werden nie genau wissen, wie viele Kunstwerke damals für immer verschwunden sind. Statuen wurden zerschmettert, zermahlen, ihre Überreste verstreut, verbrannt und eingeschmolzen. Von manchen blieben nur kleine Häufchen verkohltes Elfenbein und Gold übrig. Andere hat man so gut entsorgt, dass wir sie wohl niemals finden werden; sie verschwanden auf Nimmerwiedersehen in Flüssen, Abwasserkanälen und Brunnen. Von manchen der heiligen Objekte ist aufgrund ihrer Beschaffenheit nichts mehr übrig.“    

Kaiser Konstantin, der zum Christentum übergetreten war, und seine Nachfolger erließen Gesetze und Edikte, die die Kulturzerstörung für rechtens befanden. Kaiser Theodosius erließ zudem ein Gesetz, das so gut wie alle nicht-christlichen Rituale verbot, vor allem das Opfern auf Altären und die Verehrung von Göttern in Schreinen – auch in den eigenen vier Wänden. Selbst Mönche nahmen an den Verwüstungen teil – meistens im betrunkenen Zustand. Die syrischen Mönche galten als besonders fanatisch und aggressiv.

Die Intoleranz und die Zerstörungswut der frühen Christen machten vor nichts Halt. Gegen antike Statuen wurde besonders massiv vorgegangen. Vor allem die Nacktheit dieser aus Stein geschaffenen Abbilder von Menschen und Göttern empörte die prüden, verklemmten und Sexualfeindlichen frühen Christen. Denn eine Aphrodite mit ihrem aufreizendem Hintern und prallen Brüsten hätte ja den Dämon der Lust im Betrachter wecken können – und da sei Gott vor! So wurden weiblichen Statuen vornehmlich die Brüste bzw. die Brustwarzen und der Venushügel abgeschlagen, bei männlichen Statuen – etwa Apoll oder Dionysos – hatte man es auf die Nasen und Genitalien abgesehen. Zumeist ritzte man diesen verstümmelten Leibern noch ein Kreuz in die Stirn – Symbol für die Taufe und die Vertreibung der Dämonen.

Auch griechische und römische Tempel, so großartig und vollkommen sie in ihrer Bauweise waren, fielen der Zerstörungswut des fanatisierten Christenmobs zum Opfer. In Alexandria zerstörten die Christen auf Anordnung des dortigen Bischofs Theophilos das Serapeion – eine Tempelanlage, die dem Gott Serapis geweiht war. Seine Hallen, Säulen, eindrucksvollen Statuen und seine Dekorationen machten diesen Gebäudekomplex nach Aussage antiker Autoren „zum prächtigsten Gebäude des ganzen Erdkreises“. Aber der Gott Serapis war für die Christen ein Dämon, und so wurde dieses Meisterwerk antiker Baukunst dem Erdboden gleichgemacht. Die Christen stürzten die überlebensgroße Statue des Serapis um, rissen ihr den Kopf vom Hals, hackten mit Äxten Füße und Hände ab, zogen sie mit Seilen auseinander und verbrannten sie dann.

So erging es unzähligen sakralen Gebäuden mit ihren Statuen, etwa dem Artemis-Tempel in Ephesus, der zu den sieben Weltwundern der Antike zählte, den Tempeln in Palmyra und zum Teil auch dem Parthenon auf der Akropolis in Athen. Hier attackierten die Christen mit stumpfen Werkzeugen die Statuen des Frieses und verstümmelten so einige der eindrucksvollsten Exemplare griechischer Bildhauerkunst. Die steinernen Bruchstücke der abgerissenen Tempel und zerschlagenen Statuen verwendeten sie zum Bau von Straßen, Häusern und Kirchen. So kann man heute noch in vielen Gebäuden verbaute Reste antiker Kunst sehen: hier das Kapitell einer Säule, dort marmorne Arme oder Beine. Da ist es fast eine Ironie der Geschichte, dass die Christen im Theseion-Tempel an der alten Agora in Athen eine Kirche einrichteten und ihn so fast vollständig vor der Zerstörung retteten.

Die frühen Christen zerstörten aber nicht nur Bauwerke und Statuen, sie wollten auch den antiken heidnischen Geist ein für alle Mal ausrotten. So gehörte zu ihrem Zerstörungswerk immer auch das Abbrennen von Bibliotheken, die oft – wie im Serapion in Alexandria – den Tempelanlagen angegliedert waren. Die Bücher von antiken Autoren wurden auf öffentlichen Plätzen verbrannt. Im 6. Jahrhundert musste auf Druck der Christen die Platonische Akademie schließen, die bedeutendste philosophische Schule der Antike, die über 1000 Jahre bestanden hatte. Ihre letzten Philosophen flohen nach Persien. Der Kirchenvater Chrysostomos jubelte: „Die Werke der alten Griechen sind allesamt zugrunde gegangen und ausgelöscht!“ Es gab ab diesem Zeitpunkt kein freies philosophisches Denken mehr, sondern nur noch Theologie.

Die christliche Nachwelt überging diese ruchlosen Verbrechen an einer großen Kultur, die heute dennoch und trotz alledem als die Grundlage der abendländischen Zivilisation angesehen wird, mit Schweigen. Nur den Arabern, die den Wert des antiken Schrifttums erkannten, bewahrten, übersetzten und so retteten, ist es zu verdanken, dass uns das Wissen der Antike überliefert worden ist. Der britische Historiker John Pollini schrieb über diese schlimme Kulturschändung durch die Christen, dass die moderne Forschung unter dem Eindruck einer christlich-jüdischen Befangenheit diese Übergriffe immer wieder ignoriert und heruntergespielt und zuweilen sogar versucht habe, die Schändungen, die auf das Konto der Christen gingen, in ein positives Licht zu rücken.

Catherine Nixeys großartiges Buch informiert nun eine größere Öffentlichkeit darüber, was sich in der Spätantike wirklich abgespielt hat. Dafür gebührt ihr großer Dank.

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Ich kenne so gut wie alle bedeutenden klassischen Stätten in Griechenland und habe ihre Zerstörungen mit eigenen Augen gesehen. Bei vielen kann man – und das ist fast ein Wunder – ihre Schönheit und Erhabenheit allen Verwüstungen zum Trotz noch immer erkennen. So strahlt etwa der Parthenon auf der Akropolis (dessen teilweise Zerstörung nicht die Christen allein auf dem Gewissen haben) noch eine Würde und Harmonie aus, die das einmalige künstlerische Genie seiner Erbauer erahnen lässt.

Der kretische Schriftsteller Nikos Kazantzakis fasste den Eindruck, den der Parthenon auf ihn gemacht hat, in die Worte: „Was war das für ein Zeichen des Triumphes, das sich da vor mir erhob, was für ein Zusammenspiel des Kopfes und des Herzens, die schönste Frucht menschlichen Ringens! (…) Niemals schaffte flimmerndes Wogen eine so makellose Gerade; niemals verbanden sich so innig Zahl und Musik; ich blickte auf die Säulen, die gerade zu sein schienen. Die eine neigte unmerklich ihre höchste Spitze der der anderen zu, auf dass alle gemeinsam mit Zärtlichkeit und Kraft die heiligen Giebel hielten, die man ihnen anvertraut hatte.“

Der griechische Komponist Mikis Theodorakis, der von seinem Haus in Athen direkt auf den Parthenon blicken kann, schrieb: „Der Parthenon auf der Akropolis ist für mich ‚eingefrorene Musik‘, und als ich ihn sah, habe ich sofort die Musik dahinter gesehen. (…) Das Einzige, worüber ich nach meinem Tod traurig sein werde, ist, dass ich die Akropolis nicht mehr sehen kann.“

Von all dieser Herrlichkeit haben die frühen Christen nichts wahrgenommen – sie waren nur fanatisiert von ihrem neuen Glauben, für die Wiederspiegelung einer universalen Schönheit in diesen Bauten und Statuen hatten sie keinen Blick. Sie sahen nur die angeblichen Dämonen, die in ihnen hausten und ihre Verwüstung geradezu erzwang. Was für Barbaren waren hier am Werk, die ihr Zerstörungswerk sogar noch mit der Liebe zu ihrem Gott rechtfertigten!

Nach langen Wanderungen durch Griechenland bin ich in den 1990er Jahren in Lentas auf Kreta angekommen, habe mich auf Anhieb in diesen kleinen Ort verliebt und habe ihn zu meiner zweiten Heimat gemacht. Lentas liegt am Fuße eines gewaltigen Felsmassivs, das die Gestalt eines Löwen hat und sich weit in das Lybische Meer hinaus erstreckt. Hinter dem Dorf erheben sich die Asterousa-Berge, ein Gebirge, das sich rund vierzig Kilometer an der Südküste der Insel hinzieht. Ein kleiner Ausläufer des Gebirgszugs begrenzt Lentas vom Osten, so dass es von drei Seiten von steinernen Wällen umgeben ist, aber nach Süden gewährt ein halbmondförmiger Strand den weiten, offenen Blick auf die See, die Afrika in der Ferne ahnen lässt.

Esoterische Spekulationen liegen mir fern, aber diese kleine Ansiedlung hat dank ihrer Lage inmitten einer grandiosen Natur etwas Magisches, das Menschen, die dafür ein Empfinden haben, bezaubert und geheimnisvoll anzieht. Als das neue Lentas zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch gar kein Dorf war, sondern nur aus drei oder vier primitiven Häusern und einem Tamariskenwald bestand, kam Nikos Kazantzakis hierher und beschrieb die Anmut dieses Platzes in einem Brief an seine spätere Frau Eleni: „Doch wäre es, und ich müsste jetzt plötzlich sterben, so würde vor meinen Augen das Meer bei Lentas treten, unser Fels, die glühenden Kiesel, die flammenden Zitronenbäume…“

Die Menschen müssen früh die Magie und den Zauber gespürt haben, der über dieser kleinen Bucht liegt. Denn Lentas wurde schon in der Antike – vermutlich im 6. Jahrhundert – ein Heilort, in dem die Therapie noch religiös geprägt war, die naturwissenschaftlich ausgerichtete Medizin wurde erst später von Hippokrates auf der Insel Kos entwickelt. In Lentas regierte Asklepios, der Gott der Heilkunst, ein Sohn des Apollon. Statuen, die ihn abbilden, zeigen einen väterlich-gütigen, milde lächelnden älteren bärtigen Mann, der sich auf seinen Stab stützt, den eine Schlange umwindet. Wegen ihrer periodischen Häutung galt dieses Reptil als Symbol der Lebenserneuerung. Das Zentrum des Kults von Asklepios war Epidauros auf der Peloponnes, aber Lentas war ein wichtiger Ableger, zu dem die Kranken aus ganz Kreta, den umliegenden Inseln und sogar aus Nordafrika kamen (wie Funde belegen), um hier Linderung ihrer Leiden zu finden.

Das Asklepios-Heiligtum muss prächtig ausgestattet gewesen sein, als die Säulen noch standen. Es bestand aus einem Tempel mit Statuen des Gottes und seiner Tochter Hygieia, die die Gesundheit symbolisierte. Zum Tempelbezirk gehörte auch ein Schatzhaus mit einem unterirdischen Raum, in dem die Gaben für den Gott aufbewahrt wurden. Ein römisches Fußbodenmosaik dieses Gebäudeteils, das ein Seepferdchen darstellt, ist erhalten geblieben. Es gab mehrere Säulenhallen, eine große Marmortreppe und die mit einem Nymphäum überbaute Quelle, von der Wasser durch eine Leitung in ein Bassin geleitet wurde, das der rituellen Reinigung der Patienten diente. Am Rande des heiligen Bezirks fanden sich Herbergen und Gästehäuser für die Kranken und ihre Begleiter sowie Wohnungen für die Priester. Griechen und Römer haben immer wieder an diesem Heiligtum gebaut, es hat wohl nie eine endgültige Gestalt gehabt. Im Jahr 46 n.u.Z. hat ein Erbeben wohl beträchtliche Zerstörungen angerichtet. Aber insgesamt hat der Heilort Lentas über 1000 Jahre bestanden.

Wie spielten sich die Heilungen in Lentas ab? Nach den rituellen Waschungen und dem Opfern für die Götter geleiteten die Priester die Kranken in den Schlafraum der großen Stoa, wo sie sich zur Ruhe begeben mussten. Dann erschien Asklepios den Patienten in ihren Träumen. Er ging von Schlafstatt zu Schlafstatt und fragte die Liegenden nach ihren Leiden. Dann heilte er durch Handauflegen, Operation, Medikamente oder Anweisungen, die die Kranken in den folgenden Tagen auszuführen hatten. Dann verschwand der Gott wieder.

Der Asklepios-Kult war zweifellos ein Mysterienkult, der Menschen der Moderne zurecht äußerst irrational vorkommt. Der Gott als psychosomatischer Heiler war aber für die Menschen damals oft die letzte Hoffnung. Und wenn man den Votivtafeln glauben kann, die die Archäologen in großer Zahl gefunden haben, hat es wirklich Heilungen gegeben – warum und wieso auch immer. Die Medizinhistorikern Antje Krug schreibt: „Die psychosomatischen Grundlagen vieler Krankheiten, heute eine akzeptierte Voraussetzung, lassen sich am leichtesten verstandesmäßig als Anlass für spontane Heilungen begreifen. (…) Die nächtliche Gegenwart Gottes, wenn sich der Kranke dessen gewiss war, konnte die Einwirkung auf psychisch begründete Leiden noch verstärken.“ Die Gestalt des Asklepios ist oft mit Jesus verglichen worden, und ihre Wunderheilungen weisen – wenn denn etwas daran ist – auch Ähnlichkeiten auf.

Es ist auch hier nicht viel geblieben von der antiken Herrlichkeit dieses Ortes – von seinem Tempel, seiner großen Stoa und den kleinen Hallen, von der Marmortreppe und dem Nymphäum. Auch hier haben die frühen Christen ganze Arbeit geleistet. Heute ist diese einst heilige Stätte, die italienische Archäologen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgegraben haben, eher eine Steinwüste. Der Grundriss des Tempels ist noch erhalten. Vor der römischen Mauer aus flachen roten Backsteinen, die die Hinterwand bildet, ragen zwei Säulen auf, die arg beschädigt und ohne Kapitelle einsam in den Himmel ragen, als wüssten sie selbst nicht, warum gerade sie das über Jahrhunderte sich hinziehende Zerstörungswerk überstanden haben. Das Mosaik über der Schatzkammer ist noch gut zu erkennen, das Nymphäum ist ein Natursteintorso, aus dem kein Wasser mehr fließt.

Überall liegen Bruchstücke der großen Vergangenheit herum: Säulenreste und Tonscherben. Vor Jahren gab es hier noch ein gut erhaltenes und wunderschön gearbeitetes Säulenkapitell. Aber ein verblendeter Antikenliebhaber oder ein skrupelloser Geschäftsmann hat es mitgehen lassen. Die frühen Christen haben auch hier ordentlich zugeschlagen und – was ganz wörtlich zu nehmen ist – keinen Stein mehr auf dem anderen gelassen, um hier das Heidentum vollständig auszurotten. Die Archäologen fanden noch ein paar Statuen, aber es waren Torsos ohne Köpfe, Beine und Arme. Als der Brite Thomas Pratt in der Mitte des 19. Jahrhunderts hierherkam, wurde er Zeuge, wie zwei Bauern eine große wunderschön erhaltene Asklepios-Statue aus dem Boden gruben. Sie hatte die frühen Zerstörungen wohl heil überstanden und wäre für jedes Museum ein Prachtstück gewesen. Aber die beiden Kreter machten sich sogleich daran, den marmornen Asklepios in Stücke zu schlagen, um sie dann zu Gips zu brennen. Die Stätte des Heilgottes wurde auf diese Weise Jahrhunderte lang als Steinbruch benutzt.

Am Rande des Tempelbezirks ist das Zerstörungswerk noch gut zu erkennen. Hier haben die frühen Christen mit dem, was sie Asklepios an Marmor geraubt haben, im 9. Jahrhundert eine Basilika gebaut, deren antike Säulenbasen noch existieren. Im 11. Jahrhundert wurde hier dann ein Kirchlein errichtet, das heute noch steht. Aus seinem Mauerwerk blicken überall Teile von korinthischen Säulen und dekorativen Gesimsen hervor. Ein trauriger Anblick.

Wenn ich in Lentas bin, sitze ich oft den Stufen des fast ganz zerstörten Tempels, schaue in die Steinwüste um mich herum und bemühe meine Phantasie mir vorzustellen, wie es einst hier aussah, als die Säulen noch standen und Asklepios hier sein nächtlich-heilendes Regiment führte, als die schlafenden Kranken in der Stoa noch voller Hoffnung auf die Ankunft des Gottes warteten. Die Bemühungen meiner Imagination führen nicht weit, das barbarische Zerstörungswerk ist zu groß. Aber ich kann noch etwas von der Kraft, dem Zauber und dem Geist dieses Ortes, der die Zeiten überdauert hat, spüren.

23.10.2019 

Nixey, Catherine: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten, München 2019