Falsche Loyalitäten

Israel, der Holocaust und die deutsche Erinnerungspolitik

Was ist die angemessene deutsche Erinnerung an den Holocaust? Die Frage bewegt fast 80 Jahre nach dem Massenmord an den europäischen Juden immer noch die Gemüter hierzulande und führt zu tiefen politischen Gegensätzen in der Gesellschaft und auch im Verhältnis zu Israel. Der deutsche-jüdische Publizist Alfred Grosser hat darauf die einzig richtige Antwort gegeben: Man dürfe Auschwitz nur gedenken, wenn man gleichzeitig für die Gleichheit der Menschen überall auf der Welt eintrete. Das ist eine klare moralisch-universalistische Forderung, die den besten humanistischen Prinzipien der Aufklärung entspricht. Die Parole der Französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist also immer noch von höchster Aktualität.

Die israelische Politik lehnt diese universalistischen Prinzipien aber vollständig ab, denn sie würde auch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für die Palästinenser bedeuten. Israel ist deshalb auf Grund seiner Segregationspolitik gegenüber diesem Volk nach Ansicht von Amnesty International, verschiedener (auch israelischer!) Menschenrechtsorganisationen und von UNO-Ausschüssen ein Apartheidstaat. Die Palästinenser sind im israelischen Herrschaftsbereich Menschen zweiter oder dritter Klasse – ein Faktum, das auch durch das israelische Nationalstaatsgesetz von 2019 bestätigt wird, das nur Juden in diesem Staat Selbstbestimmung zuspricht.

Wie kann bei so verschiedenen Wertvorstellungen eine gemeinsame Erinnerung Deutschlands und Israels an den Holocaust möglich sein? Israel rechtfertigt sogar die Unterdrückung der Palästinenser mit diesem Genozid. Die deutsche Erinnerungspolitik hält aber unbeirrt an den Leitlinien fest, die das zionistische Holocaust-Gedenken vorgibt. Der Streit über die richtige Interpretation von Auschwitz in Deutschland ist aber der Kern der permanenten heftigen Antisemitismus-Vorwürfe gegen alle Kritiker der israelischen Politik, die das politische Klima hierzulande vergiften – Stichwort: Bedrohung der Meinungs-, Informations- und Kunstfreiheit, also wesentliche Elemente der Demokratie.

Das deutsche Erinnern an den Holocaust findet nicht mehr im offenen Feld der Kultur statt, sondern ist zu einem Erinnerungsdiktat geworden, über dessen Einhaltung beamtete Wächter (Antisemitismusbeauftragte) wachen. Der Antisemitismus wird auf diese Weise im Dienste Israels sträflichst instrumentalisiert, um jede Kritik an dessen Politik gegenüber den Palästinensern zu verhindern. Die Palästinenser, die mit dem Holocaust nichts zu tun hatten, werden als „Antisemiten“ stigmatisiert und kommen im deutschen Erinnerungsdiskurs gar nicht vor, obwohl sie die indirekten Opfer der Hitlerschen Politik sind.

Diese Fehlentwicklung der deutschen Erinnerungspolitik hat Arn Strohmeyer in seinem Buch kritisch untersucht, er sieht das deutsche Holocaust-Gedenken vor dem Scheitern. Ein Ausweg aus dem Dilemma kann für ihn nur darin bestehen, dass sich die deutsche Erinnerungspolitik aus den Fesseln des zionistischen Erinnerungsdogmas löst und die gerechten Ansprüche der Palästinenser unabhängig von der Last des Holocaust anerkennt.

Details

ISBN: 978-3-85371-507-9
Verlag: Promedia Verlag Wien
Preis: 17,90 €

(Das Buch erscheint am 1. Oktober 2022)