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Wenn Zeus Europa nicht nach Kreta entführt hätte...

Wenn ich in Matala wieder einmal zu den Höhlen hinaufsteige, mich vor einer der alten Hippie-Behausungen niedersetze und von meinem erhöhten Felspodest aus auf den Strand mit seinem bunten Badetrubel hinabblicke, dann muss ich daran denken, was dieser Strand und die auf beiden Seiten der Bucht ins Meer abfallenden Felsen in den zurücliegenden Jahrtausenden alles gesehen und erlebt haben. Wie mag es hier ausgesehen haben, als Matala minoischer, später dorischer und dann römischer Hafen war? Wer hat diese Höhlen mit ihren Sarkophagen und Rundbögen im Inneren in den Fels geschlagen? Oft ging es in dieser kleinen Bucht auch brutal und gewaltsam zu, etwa als die Araber hier im Jahr 800?? n. u.Z. mit ihren Schiffen landeten und ihren blutigen Raubzug über die ganze Insel begannen. Oder wenn Piraten hier einfielen und Angst und Schrecken verbreiteten.

Auch in der Zeit der Jahrhunderte langen Türkenherrschaft wird es hier Säbelgeklirr und die Schreie der Unterdrückten gegeben haben. Immer wieder werden die Menschen vor den Gefahren, die von See kamen ins Hinterland geflohen sei, um sich in Sicherheit zu bringen. Ab 1941 herrschte Hitlers Soldateska hier – die älteren Bewohner denken noch mit Schrecken an diese Zeit. Zwanzig Jahre nach dem Krieg ging es dann an diesem Strand äußerst friedlich zu. Da kamen die Blumenkinder aus aller Welt, wohnten hier in den Höhlen, waren für „love and peace“ und feierten abends um ein Lagerfeuer herum ihre ausgelassenen Partys. Die Hippies waren sozusagen die Trendsetter, denn nach ihnen kamen die Touristen zu Zehntausenden. Sie haben das kleine abgelegene Fischerdorf am Rande der Welt, das damals nicht einmal über eine Zufahrtsstraße und Elektrizität verfügte, zu einem völlig anderen Ort gemacht.

All dies zieht in Gedanken an mir vorüber. Ich würde gern in eine Zeitmaschine steigen, um die ganze bunte Geschichte Matalas im Original wie in einem Breitwandfilm zu erleben zu können, möchte als Beobachter mitten drin stehen im Ablauf der Zeiten. Was für ein historisches Panorama wäre das! Aber die Geschichte Matalas ist wie die so vieler Orte hier hinter dem Horizont der Zeit verschwunden oder verwittert im Erdreich oder im Meer versunken. Sie ist nicht leicht und wenn dann auch nur in Teilen rekonstruierbar. Wie viel schwerer aber ist da der Mythos konkret zu fassen, der sich hier am Strand abgespielt haben soll. Es ist einer der bedeutendsten und folgenreichsten Mythen des Abendlandes und wohl der am meisten in der Kunst dargestellte. Es ist die Geschichte von Zeus und Europa.

Ich will ihn teilweise in der etwas altmodischen Version und Sprache des Pfarrers, Gymnasialprofessors und Poeten Gustav Schwab (1792 – 1850), nacherzählen, der mit seinen „Sagen des klassischen Altertums“ einen Bestseller geschrieben hat. „Im Lande Thyrus und Sidon erwuchs die Jungfrau Europa, die Tochter des Königs Agenor, in der tiefen Abgeschiedenheit des väterlichen Palastes.“ So beginnt sein Darstellung der Geschichte, die von der Liebe des allmächtigen Göttervaters vom Olymp zu der schönen Prinzessin handelt. Thyrus und Sidon waren phönizische Städte und Agenor war der der Herrscher über dieses Volk, dessen Wohngebiet der heutige Libanon war. Die bezaubernde Königstochter, die Schwab die „holdselige“ nennt, spielt am Strand des Zedernlandes mit ihren Freundinnen. Die Mädchen pflücken Blumen und flechten daraus Kränze. „Da griff in das sorglose Jugendleben Europas das Schicksal ein.“ Ein Stier näherte ich dem Mädchen: „groß, herrlich von Gestalt, mit schwellenden Muskeln am Halse und vollen Wampen am Bug. Seine Hörner waren zierlich und klein, wie von Händen gedrechselt und durchsichtiger als reine Juwelen. Nur auf der Stirne schimmerte ein silberweißes Mal, dem gekrümmten Horne des wachsenden Mondes ähnlich. Bläuliche, von Verlangen funkelnde Augen rollten ihm im Kopfe.

Das Verlangen war verständlich, denn der Stier war der in Europa verliebte Göttervater Zeus selbst. Er hatte sich listig in dieses schöne Tier verwandelt, um seine Leidenschaft und seinen Seitensprung vor dem Zorn seiner eifersüchtigen Gattin Hera zu verbergen. Der große Bulle gab sich sehr friedlich, ja ausgesprochen zahm und lieb, sodass die Mädchen mit Europa vorneweg furchtlos auf ihn zugingen. Die Königstochter hielt ihm den gepflückten Blumenstrauß unter die Schnauze, „der Stier leckte schmeichelnd die dargebotenen Blumen und die zarte Jungfrauenhand, die ihm den Schaum abwischte und ihn liebreich zu streicheln begann. Ja, Europa drückte sogar einen Kuss auf seine Stirne.“

Der Stier fühlte, dass er der Erfüllung seiner Wünsche näher kam. „Da ließ das Tier ein fremdartiges Brüllen, nicht wie andere gemeine Stiere brüllen, sondern es tönte wie der Klang einer lydischen Flöte, die ein Bergtal durchhallt. Dann kauerte er sich zu den Füßen der schönen Prinzessin nieder, blickte sie sehnsüchtig an und zeigte ihr den breiten Rücken.“ Europa verstand die Aufforderung und leichtsinnig und übermütig sprang sie auf seinen Rücken. Darauf hatte der Stier nur gewartet und „wie ein fliegendes Ross“ strebte er mit seiner Beute über den Strand dem Meer zu. „Und ehe Europa sich besinnen konnte, war er mit einem Satz ins salzige Wasser gesprungen und schwamm mit seiner teuren Last dahin. Die Jungfrau hielt mit der Rechten eines seiner Hörner umklammert, mit der Linken stützte sie sich auf den Rücken.“

Zwei Tage und eine Nacht schwamm der Stier dahin „wie ein Schiff“ und verstand es dabei, die Wellen geschickt zu umgehen, sodass seine schöne Beute vom Meerwasser nichts abbekam. Am zweiten Abend erreichten sie ein fernes Ufer. Der Stier schwang sich an Land, setzte Europa unter einem Baum ab und entschwand den Blicken. Dafür erschien ein schöner, „herrlicher, göttergleicher Jüngling.“ Er erklärte dem erschöpften Mädchen, dass er der Herrscher über die Insel Kreta sei und sie beschützen würde, „wenn er durch ihre Besitz beglückt würde.“ Natürlich handelte es sich bei dem schönen jungen Mann um Zeus – nun in neuer Gestalt. Die unglückselige Europa willigte ein. Was sollte sie in ihrer Not anderes tun? Zeus verschwand so plötzlich, wie er gekommen war.

Da lag Europa nun einsam am sandigen Strand und weinte bittere Tränen. Sie empfand große Schuld gegenüber dem Vater, den sie so leichtfertig und schmählich verlassen hatte. Nun betrachtete sie zum ersten Mal den Strand, an den der Stier sie gebracht hatte. In der Schilderung Gustav Schwabs kann man ohne große Fantasie Matala erkennen, obwohl der Name des Ortes nicht fällt: „Unbekannte Bäume und Felsen umgaben sie, und eine unheimliche Meeresflut schäumte an starren Klippen sich brechend, empor am nie geschauten Gestade.“ Als sie in ihrem Kummer Selbstmordgedanken hegt, blickt sie „auf das Felsgestein, von welchem herab dich ein Sprung in den Sturm der Meeresflut begraben wird.“ Aber sie kann die Tat nicht ausführen, denn plötzlich steht „in überirdischem Glanze“ die Liebesgöttin Aphrodite vor ihr. Sie spricht zu Europa: „Lass deinen Zorn und Hader schönes Mädchen! Tröste dich, Zeus ist es, der dich geraubt hat. Du bist die irdische Gattin des unbesiegbaren Gottes: Unsterblich wird dein Name werden, denn der fremde Weltteil, der dich aufgenommen hat, heißt hinfort Europa.“

Unter einer Platane bei Gortyn hat Zeus Europa zum ersten Mal leidenschaftliche geliebt. Aus der Verbindung gingen später drei Söhne hervor: Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Als Zeus Europa endgültig verließ, verheirate er sie mit Asterios, dem Herrscher über das Eiland. Dieser adoptierte die drei Söhne Europas. Ihm schenkte sie eine Tochtert, Krete, nach der die Insel ihren Namen erhielt. Minos und Rhadamantys herrschten nach dem Ableben ihres Stiefvaters als kluge und weise Könige viele Jahre im Palast von Knossos über die Insel. Nach ihrem Tod wurden sie zu Richtern der Verstorbenen in der Unterwelt oder im Elysium. Der dritte Sohn, Sarpedon, bestieg den Königsthron in Lydien in Kleinasien und starb dort hoch betagt. Soweit der Mythos, in dem Matala eine so wichtige Rolle spielt.

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Es gibt verschiedene Deutungen des Mythos, wobei vor allem die Frage interessierte: Wie war das Verhältnis zwischen Zeus und der schönen Königstochter? War es Raub oder hat sich Europa dem Stier hingegeben? Der Mythos ganz allgemein bietet immer nur Bilder von Menschen, Orten und Dingen, sagt aber nichts oder nur wenig darüber, ob und welche Beziehungen zwischen ihnen, ihren Aktionen und Erlebnissen bestehen.

Der römische Dichter Ovid (43. v. Chr bis 17 n.Chr.) erzählt die Geschichte so, dass man von einer Entführung, Vergewaltigung und schließlich dem unfreiwilligen Exil der Königstochter auf Kreta ausgehen muss. Sucht man nach historischen Vorlagen, die zur Entstehung des Mythos geführt haben könnten, bieten sich drei Theorien an: Einmal haben Vorgeschichtler sehr frühe Kontakte zwischen dem asiatischen Anatolien und Kreta ausgemacht. Denn in der Mitte des dritten Jahrtausends tauchte eine völlig neue Kultur auf, die bisher nicht bekannte Techniken der Metallverarbeitung beherrschte. Anatolische Invasoren (die Luwier) hatten die neue Zivilisation offenbar mit nach Kreta gebracht, die später die minoische genannt wurde – und der mythische König dieses Volkes war der Sohn der Europa, eben Minos. Es gibt auffallende Ähnlichkeiten zwischen Palastanlagen in Anatolien und den minoischen Palästen von Knossos, Phaistos und Mallia auf Kreta. (Die Herkunft der Minoer ist aber bis heute umstritten.)

Die andere Theorie besagt, dass der Mythos die Eroberung des minoischen Kretas durch die Festlandgriechen (die Mykener) nach 1450 v. Chr. zum zum Hintergrund hat. Die Mykener bringen ihre höchste männliche Gottheit, eben Zeus, mit auf die Insel. Dort hatte bisher eine Muttergottheit (die magna mater) regiert, die einen jugendlichen Begleiter bei sich hatte, der die stets erneuernde Kraft der Natur verkörperte. Die Vereinigung von Zeus und der großen Mutter führt zum Sieg der männlichen Vorherrschaft, des patriarchalischen Prinzips auf Kreta. Seine Söhne übernehmen dann die Herrschaft. Der Stier war den Minoern ohnehin seit langem ein heiliges Tier, weshalb sie auch den fremden Gott in Stiergestalt akzeptieren konnten.

Die wahrscheinlichste Theorie besagt aber, dass Europa symbolisch für den Einfluss steht, den die Phönizier auf Griechenland und damit auch auf Kreta genommen haben. Dieses Volk, aus dem die Königstochter Europa stammte, war semitischen Ursprungs. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot (490/480 – 424 v. Chr.) hatte schon berichtet, dass der Phönizier Kadmos, der Bruder Europas, auf der Suche nach seiner verschollenen Schwester nach Griechenland gekommen sei und dort die griechische Stadt Theben gegründet habe. Dabei habe er den Griechen das phönizische Alphabet mitgebracht, das zur Grundlage der griechischen Schrift geworden sei. Der Ägypter Danaos habe in der Argolis gesiedelt, was beides auf einen bedeutenden Einfluss ostmittelmeerischer Kulturen auf das frühe Griechenland hinweist. Sprachwissenschaftler haben einen gewissen Anteil semitischer Worte im Altgriechischen hingewiesen. Der norwegische Sprachforscher Kjell Artun hat nachgewiesen, dass die Minoer, die Kreta lange beherrschten (bis etwa 1500 v. Chr.), ein semitisches Volk aus dem südöstlichen Mittelmeerraum waren. Es haben also ganz offenbar ein Kulturfluss und eine Besiedlung von Osten nach Westen stattgefunden. In der Vermählung von Zeus, dem obersten Gott des griechischen Pantheons, mit Europa auf Kreta findet die mythische Symbiose der Kulturen von Ost und West statt, um etwas ganz Neues hervorzubringen. Und in der Gestalt der Europas spiegelt sich, dass der Erdteil kulturell auch einen orientalischen Anteil hat.

Die Legende von Zeus und Europa war also ein Gründungsmythos, der eine neue Herrschaft auf Kreta legitimierte, was belegt, dass Mythen oft in Umbruchzeiten entstehen. Er war aber auch die Stiftungslegende für einen ganzen Erdteil. Selbst seine heutige Währung ist nach dem schönen Mädchen von der phönizischen Küste benannt. Aber man darf nicht vergessen: Europa war eigentlich von ihrer Herkunft her eine Orientalin. Eine Tatsache, die überzeugte Abendländer gern übersehen. Der Erdteil, dem sie den Namen gab, hat also auch einen asiatischen Anteil, der nicht zufällig mit Kreta zu tun hat, das am Schnittpunkt dreier Welten liegt: Europa, Afrika und Asien.

Echten Mythen (nicht künstlich konstruierten und für bestimmte Zwecke instruentalisierten) ist in ihrem Wesen immer ein unauflösbarer Kern eigen. Vermutlich hat Thomas Mann darauf hinweisen wollen, als er schrieb: „Die Urgründe der Menschenseele sind zugleich auch Urzeit, jene Brunnentiefe der Zeiten, wo der Mythos zu Hause ist und die Urnormen, Urformen des Lebens gründet. Denn der Mythos ist Lebensgründung; er ist das zeitlose Schema, die fromme Formel, in die das Leben eingeht, indem es aus dem Unbewussten seine Züge reproduziert.“ Vor allem die Psychoanalyse weiß darum, wie schwer diese „Urgründe“ zu deuten sind.

Es ist erstaunlich, was spätere Zeiten dann in den Mythos von der schönen Königstochter hineingedeutet haben. Im christlichen Mittelalter bewiesen die Theologen zum Beispiel unter Berufung auf die liebevolle Beziehung Europas zum Stier die Jungfräulichkeit Marias. Es wurde auch die These vertreten, dass die Jungfrau Europa die menschliche Seele versinnbildliche. Und Zeus sei Christus, der sich, um die Seele der Menschen zu retten, in einen Stier verwandelt habe. Deshalb habe er körperliche Gestalt angenommen. Es gab auch bildliche Darstellungen des Themas: die fromme Seele Europa nähert sich dem Stier (Christus) in Verehrung und Liebe. Bis in die frühe Neuzeit symbolisieren die Meerfahrt der Europa auf dem Stier und ihr Blick zurück auf die heimatliche Küste so die Seele des Menschen, die sich in ihrem irdischen Leben vor Sehnsucht nach Gott verzehrt, zu dem sie zurückkehren will, weil er das Heil und das höchste Gut ist.

In der Renaissance gewinnt die antike Mythologie immer stärkere Eigenständigkeit, die Mythendeutung trennt sich von der christlichen Heilsvorstellung und wird rationalistischer. Für Boccaccio (1313 – 1375) etwa hat die Entführungsepisode vor allem einen moralphilosophischen Aspekt: Man darf jungen Mädchen nicht so viel Freiheit geben, sonst kommen sie auf dumme Gedanken und verschwinden mit einem dahergelaufenen Stier. Unter dem Einfluss der antiken stoischen Philosophie, die lehrte, dass die Affekte der Seele dem Glück im Wege stehen, gestalteten die Maler der Zeit das Thema: Der Mensch kann sein Heil nicht erkennen, solange übermäßige Gefühle ihn beherrschen.

So wird etwa Tizians Bild „Die Entführung der Europa“ ganz im Sinne der stoischen Philosophie gedeutet. Es schildert den Augenblick, in dem der Stier das Ufer verlässt und seine schnelle Meerfahrt beginnt. Europa liegt „lasziv“ oder hilflos auf dem Rücken des Stiers, nur mit der Linken umklammert sie ein Horn. Sie hatte offenbar bei dem schnellen Abschied keine Zeit mehr gefunden, eine sichere Position einzunehmen. In einer Interpretation des Bildes heißt es: Europa ist so von den auf sie einströmenden widerstreitende Gefühlen überwältigt, dass sie ganz davon in Anspruch genommen ist, ihr Gleichgewicht auf dem dahin stürmenden Stier zu finden. Hier wird eine allgemein menschliche Situation geschildert: Europa steht als Symbol für die menschliche Seele schlechthin, die von dem Stier, d.h. dem menschlichen Leib, durch das Leben und die Welt getragen wird. An diesem Punkt kommt die Maxime der stoischen Philosophie zur Anwendung: Die in extreme Aufregung versetzte Seele muss ihre vier Affekte Furcht, Freude Begierde und Schmerz überwinden, nur dann kann sie zu Gleichmut und Glück gelangen. Kreta wird auf den Darstellungen dieser Epoche immer als mächtige, prachtvolle und hoch zivilisierte Insel dargestellt – der Europa-Gedanke wird so auf das Goldene Zeitalter zurückgeführt.

Die Humanisten und auch einige Maler benutzen den Mythos für ihre Kritik an den damals herrschenden Zuständen, vor allem an der Macht des Klerus. In den allegorischen Darstellungen stehen die Gefährtinnen der Königstochter verzweifelt am phönizischen Strand, aber weniger wegen der Entführung, sondern sie fürchten um Europas weiteres Schicksal. Sie fällt Klerikern in die Hände, die sie unbarmherzig ausplündern – allen voran der Papst, der ihr die phönizische Krone entreißt. Europa – beraubt und vergewaltigt von den Kirchenmännern – wird mit Christus, dem die Dornenkrone aufgezwungen wurde, verglichen. Der nach ihr benannte Kontinent wird nicht mehr geographisch verstanden, sondern der Name steht nun für die gesamte Christenheit, die dem Stellvertreter Christi anvertraut ist. Europa wird aber von diesem und seinen Helfern schamlos bestohlen, entehrt und beleidigt. Hinter dieser anonymen Deutung des Mythos wird der Humanist Erasmus von Rotterdam (1466 – 1536) vermutet. Im Zeitalter der Entdeckungen und des kolonialen Anspruchs pflegt Europa im 16. Jahrhundert den Mythos vom auserwählten und überlegenen Kontinent. In Europa ist die einzig wahre Kirche angesiedelt, es ist reich und lebt im Überfluss. Außerdem ist es führend in vielen Bereichen: Kriegskunst, Landwirtschaft, Viehzucht, Künsten und Wissenschaft.

Im Barock und in der Aufklärung wird der Mythos nicht mehr im Sinne des christlichen Heilsgedankens gedeutet, sondern in säkularer philosophischer, an den Platonismus angelehnter Weise: Die Entführung der Europa wird als der Zustand der Seele verstanden, die sich von den göttlichen Dingen abwendet und dem irdischen Leben zuwendet, um dann doch wieder zu den Ideen, zum Ewigen oder zu Gott zurückzukehren. In der Moderne lösen die Künstler den noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in bestimmter Weise bei diesem Thema festgelegten Bildtypus bei ihrer Gestaltung des Sujets auf. Nicht mehr das bildnerisch fixierte Ideal stand im Mittelpunkt, der mythische Stoff wird durch Abweichen vom ursprünglichen Symbolgehalt verfremdet und in vielfältigen Metamorphosen dargestellt. Es entstehen neue Mythisierungsprozesse – oft in Anlehnung an die Kunst primitiver Gesellschaften.

Der Kunsthistoriker Siegfried Salzmann beschreibt die moderne Sicht des Europa-Mythos so: „Die freie Erfindung von multifunktionalen Kon-Versionen und multipersonalen Mischwesen hat phantastische künstliche Geschöpfe hervorgebracht, die seit Beginn des Industriezeitalters das Mythologem beleben und aktualisieren. Durch derartige Irritationen und Aktualisierungen befreien sich die Künstler von den Zwängen eines normativen Mythos-Bildes. Sie haben neue Aspekte des Europa-Mythos entdeckt, die von Zweifeln und der Distanz gegenüber den überlieferten Bildern und Klischees leben. Es geht um die ‚Mehrdeutigkeit und Zwischenstationen‘. Durch diese kritische und lebendige Art der Offenlegung und Auseinandersetzung besteht Hoffnung , dass das Mythologische in jedweder Gestalt – nicht nur in der der Europa mit dem Stier – neu durchdrungen wird.“

Als Beispiel für eine solche Darstellung kann man Max Beckmanns Aquarell „Raub der Europa“ anführen. Wild und brutal stürmt hier der Stier davon, gefährlich seine Hörner in die Luft streckend. Die entführte Königstochter ist ihm wie eine Trophäe über den Rücken geworfen; hilflos, ohnmächtig, leblos und um Hilfe rufend hängt sie dort voller Angst, einem ungewissen Schicksal entgegen eilend. Beckmann hat dieses Bild 1933 gemalt und hat hier seine eigene Befindlichkeit beschrieben: seinen Schock über den Zugriff der Nazis nach ihrer Machtergreifung auf das wehrlose Europa.

Die Nationalsozialisten taten sich mit dem Thema schwer, obwohl sie doch ihre aus rassischen Gründen hergeleitete Nähe zur hellenischen Antike ständig betonten. Glaubte man doch, dass die griechische Hochkultur von arischen Einwanderern aus dem Norden geschaffen worden sei. Aus dem Ewigkeitsanspruch der antiken griechischen Kunst wollte man deshalb die „Ewigkeit“ des eigenen Systems und deren Kunst ableiten. Das Bildmotiv Europa mit dem Stier gab aber für den Nationalsozialismus zunächst wenig her. Das Thema war zu sehr mit dem Schicksal des europäischen Kontinents verbunden und das Symbol Europa wurde mehr als Symbol der Völkerverständigung verstanden, wohingegen das Ziel der Nazis die Eroberung des Kontinents und seine Beherrschung unter germanischem Vorzeichen war.

Begeistern konnte man sich aber für die „Ur“-Kraft der Stiersymbolik mit ihrem Appell an ekstatische Triebphantasien in vielen Gemälden und Skulpturen. Nicht zufällig stand der Wisent bei den Nazis so hoch im Kurs. Dieses Wunschbild männlicher Wirklichkeit – besonders in der imaginären Verbindung von Mann und Frau – passte zu den faschistischen Phantasien mit ihren realen Eroberungszielen im ökonomischen und militärischen Krieg. (Bernhard Decker) Als der Eroberungs- und Vernichtungskrieg dann da war, kam der Mythos doch noch zu Ehren. Im September 1942 veranstalteten die Nazis im Parlamentsgebäude von Wien den „Europäischen Jugendkongress“. In dessen Lichthof hatte man eine überdimensionale Skulptur von „Europa mit dem Stier“ aufgestellt – sozusagen als Motto des Treffens. Europa war nun zum Stich- und Kampfwort geworden: Bevor das „neue Europa“ Wirklichkeit werden könne, müsse das grausame Geschäft des Krieges zu Ende gebracht werden und der Organismus der Völker erst ganz und gar durch das Stahlband des Kampfes gegangen sein, verkündeten die NS-Redner. Ein ganz neuer Europa-Mythos sollte hier geboren werden.

Als Europa dann in Schutt und Asche lag, suchten besonders die Deutschen eine neue Identität, da die alte so furchtbaren Schiffbruch erlitten hatte. Der Europa-Gedanke musste deshalb das entstandene Vakuum füllen und als Ersatz dienen – auch wenn dieses Nachkriegseuropa ganz im Zeichen des Kapitals und zunächst des Kalten Krieges stand. Die Deutschen wurden, weil ihnen das nationale Fundament abhanden gekommen war, die treuesten und loyalsten Europäer und waren am ehesten bereit, Souveranität an Europa abzugeben. Aber mit dem bürokratischen Moloch in Brüssel und seiner vor allem von Lobbyisten bestimmten Politik können sich bis heute die allerwenigsten Deutschen identifizieren.

Ganz anders stand man in der DDR zu Europa. Der Schriftsteller Durs Grünbein hat dem 2003 in einem Essay Ausdruck gegeben. Mit Neid und Sehnsucht, habe er auf ein Europa geblickt, von dem er als DDR-Bürger ausgesperrt war. Europa war für ihn eine Chiffre für das Unerreichbare schlechthin. Er fühlte sich als Teil einer Bevölkerung, die eine Mauer vergessen gemacht hatte, dass sie irgendwann selbst einmal europäisch gewesen war: „Zu spät für Europa geboren oder zu früh, blieb mir zuletzt nur sein Mythos. Ich bin einer von diesen im universellen Sinne Heimatlosen, die von dem alten Europa nur mehr die Trümmer vorfanden, ruinierte Orte wie meine Geburtsstadt Dresden, und von dem neuen nichts als die abweisenden Fassaden der Brüsseler Bürokratie. Und doch habe ich mich immer als Einwohner dieses Kontinents betrachtet.“

Grünbein begründet das mit der Kraft und Mobilität Europas. Der von den antiken Griechen überlieferte Mythos handele nicht nur von einer Gewalttat (Entführung und Vergewaltigung), sondern er habe auch zu einem historisch einmaligen Reifeprozess geführt, der Großzügigkeit, Selbstbestimmung und Toleranz zum Inhalt habe. Zeus habe gewissermaßen kompensiert, was er durch seine unersättliche sexuelle Gier anrichtete und habe damit das Vorbild für jene typisch europäische Dynamik geliefert, wie sie der Philosoph Hegel später den Geschichtsgläubigen unter der Reklameformel vom Weltgeist schmackhaft gemacht habe. Aber es sei ein langer Weg gewesen mit vielen Rückfällen in übelsten Patriotismus, bis daraus Selbstdisziplin und völkerrechtliche Verbindlichkeit geworden seien. Für Grünbein war die europäische Welt 2003 also noch in Ordnung.

Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Der alte Kontinent steckt tief in der Krise: „Europa zerbricht. Eine gewaltige tektonische Verschiebung des sozioökonomischen Gefüges in der EU führt dazu, dass die ‚Dritte Welt‘ von Nordafrika über das Mittelmeer nordwärts expandiert und sich inzwischen über weite Teile der südlichen Peripherie der Eurozone erstreckt. Das blanke Elend, ein obszöner Pauperismus, der an die bluttriefende Durchsetzung des Kapitalismus im 18. Jahrhundert erinnert, kriecht somit immer näher an die wirtschaftlichen Zentren der EU heran. Die verbliebenen ‚Wohlstandsinseln‘ beginnen abzuschmelzen – und sie werden mittelfristig untergehen im Meer des kapitalistischen Massenelends.“ Griechenland befindet sich mitten in diesem Prozess.

Als Gründe für diese Entwicklung nennt er: „Zwei Faktoren haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Eurozone zum gegenwärtigen Krisenzentrum entwickelte, obwohl der jüngste Krisenschub seinen Ausgangspunkt 2007 auf dem Immobiliensektor der USA hatte. Zum einen ist es die spezifische Struktur der europäischen Währungsunion. Den beteiligten Staaten wurde ihre Souveranität über die Geldpolitik entzogen, doch zugleich fand keine Etablierung europaweiter Mindeststandards in der Wirtschafts- und Sozialpolitik statt. Hieraus resultierte ein enthemmter europaweiter Wettbewerb um die niedrigsten Löhne und Steuern zwischen auf bloße Wirtschaftsstandorte reduzierten Ländern, während zugleich der Euro den ökonomisch unterlegenen Ländern die Möglichkeit nahm, mittels Währungsabwertungen ihre Wettbewerbsfähigkeit wenigstens teilweise wiederherzustellen. Den zweiten Faktor bildet das brutale Spardiktat, das die Berliner Führungsriege – als vorläufiger Sieger dieses spätkapitalistischen Rattenrennens – der gesamten Eurozone oktroyiert.“ Dieser Text stammt von dem Sozialwissenschaftler Tomasz Konicz.

Das ist die neue europäische Realität und die Politik tut wenig oder nichts, um sie zum Positiven zu verändern. Im Gegenteil: Sie ist ja für das Desaster nicht nur verantwortlich, sie besteht darauf, dass der neoliberale „Reformprozess erfolgreich zu Ende geführt wird“. Aber wenigstens die Künstler reagieren auf die Misere mit hoher Sensibilität – oft mit beißender Kritik und scharfem Sarkasmus. Da steht zum Beispiel vor dem Europa-Parlament in Brüssel eine Skulptur, die den Mythos von Europa mit dem Stier darstellt: Aber beide Gestalten wirken dürr, mager und ausgezehrt, als seien sie Opfer der europäischen Sparpolitik. Bezeichnender könnte die Symbolik nicht sein.

Ganz ähnlich muss man wohl die Skulptur „Europa und der Stier“ von Michael Jastram deuten, die der Deutsche Bundestag angekauft hat. Dieser Bildhauer, der in seinen Arbeiten zumeist auf eine archaische, primitive Formsprache zurückgreift, hat den Stier als massigen monolithischen Block gestaltet, aus dem an der vorderen Oberseite zwei Hörner herausragen. Das Tier hat keine Beine, unten an dem schweren Steinquader sind klobige Räder angedeutet, die kaum zur Fortbewegung geeignet sind. Auf dem Hinterteil dieses unbeweglichen Klotzes sitzt – winzig, mager und zerbrechlich – Europa, dem Bullen unter ihr völlig abgewandt und in die Ferne schauend, als habe sie mit diesem Stier nicht das geringste zu tun. Die einstige verheißungsvolle Vision ist in Immobilismus erstarrt, ein Bewegen von der Stelle, ein Fort-schritt also, ist nicht mehr möglich. Die Utopie ist zum Stillstand gekommen. Europa erstarrt in einsamer Verzweiflung.

Natürlich wird das Motiv auch in Griechenland, das am meisten von der europäischen Krise betroffen ist, aufgegriffen. Der kretische Maler Telis Yannakoudakis aus Heraklion hat das Thema in einem Bild in eher konservativ-herkömmlicher Art gestaltet: Europa reitet – sich an den Hörnern des Stiers festhaltend und von Delphinen umgeben – durch das Meer. Erst beim genauen Hinsehen entdeckt man die versteckte politische Kritik: Beide Figuren sind umschlungen von einem Band, das die Farben Schwarz-Rot-Gold trägt. Soll heißen: Deutschland ist für die Krise und das griechische Elend hauptsächlich verantwortlich, weil es als Europas ökonomische Vormacht den Kontinent fest im Griff hat und ihm seine Bedingungen diktieren kann.

Aber wenige Kilometer von Matala entfernt hat ein Italiener dem Mythos jetzt in dem Dorf Lentas ein übergroßes Denkmal gesetzt. Seit Jahren diesem Küstenstrich eng verbunden hat der frühere Direktor des Kolosseums in Rom, der Architekt und bildende Künstler Piero Meogrossi, Europa mit dem Stier  aus Alltagsmüll wie Schwemmholz, Draht, Plastiktüten, Wasserflaschen und Zeitungspapier geschaffen. Mit gewaltiger Kraft ist dieser stämmige Bulle die felsige Küste hochgeklettert, um sich oben auf einem Plateau in seiner ganzen Herrlichkeit zu zeigen. Auf seinem Rücken sitzt aufrecht eine triumphierende Europa, die den rechten Arm wie zum Siegesgruß, der wie ein trotziges „Jetzt gerade!“ oder „Nun dennoch!“ wirkt, emporhält. Diese Königstochter ist nicht geraubt worden, sie hat keine Angst vor dem, was sie auf Kreta erwartet. Sie ist dem urigen Stier wohl freiwillig und aus Liebe gefolgt. (siehe Abbildung)

Die europäische Symbolik liegt nicht nur im Motiv, sondern auch im kurzlebigen Material. Meogrossi hatte seine Skulptur im Sommer 2012 geschaffen, ein Jahr später bot sie sich schon arg zerzaust dar. Der raue Seewind, die Regengüsse des Winters und die zumeist brennende Sonne hatten der äußeren Erscheinung arg zugesetzt. Aber Meogrossi nahm den Verfall gelassen hin. „Die Symbolik stimmt“, sagt er, „das ist der Zustand Europas. Ich werde nichts mehr daran ändern.“ Das Thema hat ihn seit Jahren so fasziniert, dass er es auch noch einmal zeichnerisch großformatig gestaltet hat. Ein äußerst lieb und verständig wirkender Stier sucht am felsigen Ufer einen Aufgang, um seine teure Last dort hochzutragen. Europa auf seinem Rücken schaut erwartungsvoll in Richtung auf die fremde Insel. Auf diesem Bild ist „Europa“ noch in Ordnung. Das Bild hängt viel bewundert in einer Taverne am Strand von Lentas.

Um den alten Kontinent, dem die schöne Königstochter den Namen gegeben hat, steht es nicht gut. Spötter sagen: „Gestern waren wir noch am Rande des Abgrunds, heute sind wir schon einen Schritt weiter!“ Muss Zeus noch einmal zur phönizisch-libanesischen Küste aufbrechen, um einen neuen Europa-Mythos zu begründen? Oder braucht der Kontinent für sein Überleben eine ganz neue Erzählung – ganz ohne Stiergott und schönes Mädchen?

An all das muss ich denken, wenn ich vor den Felshöhlen von Matala sitze und auf das bunte Strandleben hinabblicke. Hier soll also Zeus mit seiner schönen Beute angekommen sein, hier soll Aphrodite die phönizische Königstochter über ihr Schicksal aufgeklärt haben. Hier soll der Kontinent Europa symbolisch geboren sein und seinen Namen erhalten haben. Es fehlt am Strand eine Skulptur, die die Ankunft des seltsamen Paares darstellt. Der Mythos ist zu wichtig, als dass man ihn einfach der Vergessenheit preisgeben könnte. Wie aber wäre die Geschichte des alten Kontinents verlaufen, wenn Zeus Europa nicht nach Matala entführt hätte?

Dieser Text stammt aus meinem Buch „Wenn Zeus Europa nicht entführt hätte. Kreta im Spiegel von Mythos, Geschichte, Politik und Erleben“, Verlag Dr. Thomas Balistier, ISBN 978-3-937108-36-0, 12,80 Euro