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Nachruf auf Richard

Richard war ein ganz armer Teufel, ein Loser, einer, dessen Leben offenbar ein einziges Scheitern und Versagen war. Er hat offenbar nie eine Chance gehabt, und wenn er sie hatte, dann konnte er sie nicht nutzen, weil er die Kraft dazu nicht hatte, das Leben um ihn herum hatte ihn von Anfang zu sehr traumatisiert. Ich weiß so gut wie nichts über seinen Lebenslauf, aber er muss eine einzige Tragödie gewesen sein. Da stand er immer auf dem Bremer Marktplatz oder saß auf der Bank unter den Rathausarkaden: ein Mann groß und breit wie ein Bär, die grauen Haare kurz und bürstenartig geschnitten, sein bauchiger Körper steckte in einer viel zu großen Jeans, die von einem riesigen Gürtel gehalten wurde. Sein Gesicht war trotz alledem friedlich, aber seine Augen waren merkwürdig entrückt, blickten einen eigentlich gar nicht an. Immer hatte er eine braune Aktentasche dabei, die ihm an einem ledernen Riemen über die Schulter hing. Das erweckte den Eindruck, als müsste er irgendetwas Wichtiges irgendwohin transportieren. Aber Richard hatte nie etwas Wichtiges zu transportieren, denn er war eine arme, überflüssige Null, von der niemand etwas wollte. Das Leben hatte ihn einfach übergangen, nahm ihn gar nicht mehr wahr.

Richard rächte sich für die Schmach, die man ihm ein Leben lang angetan hatte durch das permanente Vortragen überlauter, mit seiner kräftigen Stimme vorgetragenen Monologe. Da stand er auf dem Marktplatz oder saß unter den Rathausarkaden und führte Selbstgespräche – so gewaltig und dröhnend, dass man sie hundert Meter weiter noch gut verstehen konnte. Aber niemand hörte ihm zu, die Passanten gingen peinlich berührt zur Seite schauend an ihm vorüber.

Richard schrie hinaus, dass er sich früher für Philosophie interessiert habe, dass er sich in Kants Kritik der reinen Vernunft vertieft habe;  dass er Jesus liebe und gern einmal nach Jerusalem reisen möchte; dass er Samstags immer im Deutschlandfunk Pop etcetera höre, das sei seine Lieblingssendung; dass sein Vater Pole und seine Mutter Deutsche gewesen sei und dass es zu Hause viele Probleme gegeben habe; dass er gern in die Kirche zur Messe gehe; dass er im Fernsehen dies oder das gesehen habe; dass Maria die Mutter von Jesus sei und dass er oft in der Bibel lese; dass er gern koche usw. usw. Richards Redestrom hörte nie auf. Aber nie erzählte er von Menschen, die ihm nahegestanden hätten, es gab sie offenbar nicht.

Alles, was er an Worten und Sätzen mit seiner dröhnenden Stimmer herausschleuderte, war assoziiertes zusammenhangloses Zeug, Fetzen aus seinem vergangenen Leben und seiner trostlosen Gegenwart, aber zugleich drückte er anklagend so auch den endlosen Schmerz und die Verzweiflung darüber aus, dass das Leben ihm so mitgespielt hatte. Mit seinen alles überdröhnenden Monologen machte er sich selbst zum Monster, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte, seine Isolation mitten in der wimmelnden Menge der Großstadt war total. Richard bestrafte sich so selbst für eine Vergangenheit, für die er nichts konnte, an der er restlos gescheitert war. Wenn man es nicht schafft, die Liebe wenigstens ansatzweise zu leben, dann endet man im Wahnsinn, so sagen die Seelenärzte.

Richard hält nun auf dem Bremer Marktplatz oder unter den Rathausarkaden keine alles übertönenden Selbstgespräche mehr. Er hatte irgendwo in der Stadt ein Zimmer. Als die Nachbarn übel-beißenden Geruch aus seinem Wohnbereich feststellten, ließen sie Tür öffnen und fanden Richard tot. Er muss da schon einige Tage gelegen haben. Kein Arzt hat versucht, sein Leben zu retten, niemand hat ihn beim Sterben begleitet. Oder hatte er seinem Leben, das er nicht mehr ertragen konnte, selbst ein Ende gesetzt? Richard war die totale Verkörperung des ewigen Losers und so ist er auch gestorben. Er war ein Mensch wie Du und ich, der das Leben auch liebte und es festhalten wollte, aber niemand hat ihm dabei Hilfe geleistet. Niemand wird sein Grab aufsuchen und Blumen darauf stellen. Richards Leben und sein Tod waren der lebende Vorwurf an uns Alle.

14.01.2020