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Die humane Stimme aus dem US-Exil gegen die NS-Barbarei

Die BBC-Reden Thomas Manns an die Deutschen im Zweiten Weltkrieg sind jetzt als Buch neu erschienen

Juni 15, 2025

Thomas Mann war sicher der radikalste und wortmächtigste intellektuelle Gegner Adolf Hitlers. In 59 Rundfunkreden – übertragen von der BBC – hat er kübelweise seine tiefe Verachtung für die „abstoßendste Figur, auf die je das Licht der Geschichte fiel“ und sein „maßlos korruptes, rechtsunfähiges, krankhaft ruchloses System“ ausgeschüttet. Die höchst interessanten und aufschlussreichen Reden hat jetzt der S. Fischer Verlag als Buch neu herausgebracht. Sie sind nicht nur eine wichtige historische Reminiszenz, sondern in einer Zeit des erstarkenden Rechtsradikalismus von höchster politischer Aktualität.

Der Autor, der 1918 noch seine Betrachtungen eines Unpolitischen veröffentlicht hatte, zeigt sich in seinen Rundfunkreden als ein Meister der politischen Polemik. Mit dem Menschen und Politiker Adolf Hitler verband ihn nicht nur eine tiefe Verachtung, sondern ein grenzenloser persönlicher Hass. Es ist von großer Faszination, wie dieser Sprachmagier den „Führer“ und die ihn umgebende Kamarilla sowie die Ideologie, die sie vertreten, mit den drastischsten Formulierungen regelrecht überschüttet. Es ist wohl einzigartig, wie hier ein bedeutender Intellektueller Hohn, Spott und Abscheu über das Deutschland der Nazis ausgießt. Thomas Mann scheint sich geradezu in einen sprachlichen Rausch zu steigern, um seinen Widerwillen und Ekel über den „Hitlerismus“ auszudrücken.

Er nennt Hitler einen „blödsinnigen Wüterich“, einen „ruchlosen Besessenen“, einen „kümmerlichen Geschichtsschwindler“, ein „schadhaftes Gehirn“, einen „bösen Kettenhund“, einen „infernalischen Schubiak“ [Schuft, Lump], einen „Schreckensmann“, einen „Feind der Menschheit“, einen „bösen und friedlosen Narren“, ein „missgeschaffenes Gehirn“ und die „gottloseste aller Kreaturen“.

Aber damit noch nicht genug. Thomas Mann hat noch andere Charakterisierungen des „Führers“ parat: „ein hergelaufener Abenteurer“, ein „kläglicher Schurke“, ein „stupider Gottseibeiuns“, ein „höllischer Strizzi“ [Schuft], ein „Monstrum“, ein „fanatischer Idiot“, eine „missratene Seele“, ein „erbärmlicher Intellekt“, der „übelste Abenteurer und Verbrecher der Weltgeschichte“, eine „blutige Nichtigkeit von einem Menschen“, ein „moralischer Minderwert“, eine „lichtlose Lügenseele“, ein „Redner von unsauberer Suggestivkraft“, ein „mörderischer Narr“, ein „Schmierenschauspieler“, ein „widriger Irrwisch“, eine „hohle Null“, ein „elendes Subjekt“, ein „zerlumpter Schreckensmann“, ein „Gespenst“, ein „Gorilla-Midas“, der Alles, was er anfasst, in „Kot und Unflat“ verwandelt.

Auch für die Paladine des „Führers“ hat er ausdrucksvolle Bezeichnungen: eine „Handvoll stupider Verbrecher“, eine „Mannschaft verruchter Abenteurer und Lumpen“, „dummes Mordgesindel“, „Räuberpöbel“, „Halunkenregiment“, „Nazi-Pest“, „SS-Hottentotten“, „blutige Kaffern“, „fluchbeladene Schinderbande“, „Regime blutiger Banausen“, „Staatschurken, die nichts als Lüge, Gewalt und Verbrechen kennen“, „Vabanquespieler und Machtgauner“, „Henker der Völker Europas“, „Machthalunken, die an den Krieg gekettet sind“, „gemeine Hochverräter“. Sie sind „wölfisch schweifende Halbtiere“.

Ebenso gnadenlos geht Thomas Mann mit der NS-Ideologie um. Sie ist „Gräuel und Lästerung der Menschlichkeit“, die „revolutionäre Philosophie des Bestialismus“, eine „Pest mörderischer Überheblichkeit“, „Untat von Lüge und Gewalt“, „moralisches Irresein“, eine „Mischung aus Brutalität und Wehleidigkeit“, sie ist die „wüste Verleugnung der Errungenschaften von Jahrhunderten“, eine „Schöpfung verjauchter Gehirne“, „Bosheit der Hölle“, das „schlechthin Teuflische“, sie ist „schamlose Niedertracht und gorillahafter Tiefstand“.

Thomas Mann nennt weitere Eigenschaften der NS-Ideologie: sie ist eine „grässliche Karikatur aller Schwächen und Torheiten des deutschen Wesens“, ein „Hintertreppenislam“, eine „Teufelei des Bösen“, der „monströseste Unfug, den die Weltgeschichte kennt“. Diese Ideologie hat das unterste und menschlich Letzte an die Macht gebracht“, sie ist eine „moralische Barbarei“, „schändender Unfug“, eine „Idee der Gewalt und Niedertracht“.

Daraus leitet sich automatische Thomas Manns Sicht des NS-Staates ab: Er ist ein „Raub-, Mord- und Lügenstaat“, er produziert nur „Vandalismus, Bestialität und lasterhafte Grausamkeit“, er ist eine „korrupte Machtschlemmerei“, ein „Schurkenregime“, eine „blutige und alberne Travestie der Macht“, sein Wesen ist „Neid, Habgier, die Lust zu plündern; der geile Drang, sich in Macht und Geld zu sielen“, ein „Schreckensregime“, der NS-Staat ist das „wüste und krankhafte Ungeheuer, das nun verröchelt“.

Der Schriftsteller befindet sich angesichts eines solchen barbarischen Regimes in einem tiefen Zwiespalt: er fühlt sich als Deutscher, verdankt seine geistige Existenz der großen intellektuellen und kreativen Kraft dieses Volkes und leidet zugleich zutiefst darunter, dass dieses Volk in seiner Mehrheit der „Pest des Nationalsozialismus“ erlegen ist und sogar im deutschen Namen einen furchtbaren und völlig sinnlosen Krieg bis zum bitteren Untergang geführt hat.

Und so übt er in seinen Reden scharfe Kritik an diesem Deutschland, informiert, klärt auf über das, was seine Landsleute in ihrer Isolation nicht wissen können – etwa den Beginn des Holocaust. Er warnt vor den Folgen dieses Wahnsinns, rüttelt moralisch auf und appelliert, sich dieses „menschenschändenden Unfugs“ zu entledigen, weiß aber zugleich, dass die Deutschen wegen der „Tugend des Gehorsams“, der sie anhängen, nicht in der Lage sein werden, sich selbst in einem Aufstand von diesem Regime zu befreien.

Der Krieg ist für Thomas Mann die logische Folge der skrupellosen und kriminellen NS-Ideologie, er ist ein „unabsehbares, verwüstendes, hoffnungsloses Abenteuer, ein Sumpf von Blut und Verbrechen, in dem Deutschland zu versinken droht“. Aber so wie der Krieg sich automatisch aus dem System und seiner Ideologie ergeben hat, so trägt dieses Regime auch – da ist sich Thomas Mann ganz sicher – den Keim des Untergangs in sich, eines allerdings apokalyptischen Untergangs mit schrecklich vielen Opfern und einem zerstörten Land. Zum Frieden ist das NS-System völlig unfähig.

Nach dem Untergang des Regimes muss, so fordert er, eine Sühne, eine gründliche Reinigung, eine Katharsis des politischen und sozialen deutschen Körpers stattfinden, die rächend den „Unflat des Hitlerismus hinwegfegt“ – seine Bonzen, seine Macher, seine Helfer, Diener und Nutznießer, seine Generale, Diplomaten und Gestapohyänen. Am Ende dieser Katharsis muss dann ein freies politisches System errichtet werden, mit dem Deutschland wieder ein geachtetes Mitglied in der Familie der freien und zivilisierten Völker werden kann.

In diesem letzten Punkt hat Thomas Mann nur teilweise Recht behalten. Die Entnazifizierung ging äußerst lückenhaft über die Bühne, bestraft wurden nur wenige Nazis für ihre Untaten, viele kamen nach 1945 wieder in Amt und Würden und konnten ihre Karrieren im neuen Staat fortsetzen. Die Sieger brauchten die NS-Elite samt ihren Verbrechern für den bald nach der deutschen Kapitulation beginnenden Kalten Krieg. Das freie Europa, das Thomas Mann ersehnt hatte, gab es nicht, sondern einen durch den Eisernen Vorhang getrennten Kontinent.

Dennoch sind die Reden des Schriftstellers an die Deutschen ein wichtiges und bedeutendes Dokument des geistigen Widerstandes. Wenn Neider ihm vorwarfen, sich aus dem „goldenen Käfig des Exils“ zu Wort gemeldet zu haben, so ist das heuchlerisch, denn so mancher, der behauptete, mutig Widerstand aus der „inneren Emigration“ heraus geleistet zu haben, war gar nicht so mutig, wie er später behauptete. Thomas Mann hatte nur die Alternative, zu bleiben und damit im KZ zu landen oder sein Leben rettend ins Ausland zu gehen. Wie kann man ihm das Exil verübeln? Er wäre andernfalls selbst ein Opfer der Barbarei geworden, die er in seinen BBC-Reden so überaus anschaulich angeprangert hat. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.

Thomas Mann: Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland, Neuausgabe mit einem Vor- und Nachwort von Mely Kiyak, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397685-4, 24 Euro

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