Die AfD ist auf dem Vormarsch, ist der Griff nach der Macht in den Ländern (besonders im Osten der Republik) und im Bund noch zu stoppen? Die Gründe für diesen Erfolg liegen auf der Hand: das völlige Versagen der in Berlin regierenden Koalition. Unter dem Vorwand von „Reformen“ baut sie gerade den Sozialstaat ab. Und sie hat offenbar nie die nötige kritische und argumentative Auseinandersetzung mit diesen populistisch-autoritären Rechtsextremen gesucht, bei denen zum Teil NS-Anhänger ganz offen den Ton angeben. Außer der „Brandmauer“ und viel hohler Rhetorik hat bei den Parteien der „demokratischen Mitte“ nicht viel stattgefunden. Und obendrein ein Kanzler, dem die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen in den Ost-Ländern offensichtlich nicht sehr am Herzen liegen.
Die Wiederbelebung völkischen Denkens in der AfD, die daraus folgende Propagierung einer „deutschen Identität“ und ihr Rassismus, also der Hass auf Ausländer (die neuen Juden?) nähren schlimme Befürchtungen. Was man in dieser Partei offen bekundet, ist schon schlimm genug. Was mag man erst hinter verschlossenen Türen denken, aushecken und planen?
Man kann weitere Gründe für das Hochkommen dieser autoritären Rechtsextremen nennen – besonders in den Ost-Bundesländern. Dort hat die West-Politik mit Hilfe der Treuhand sehr ungerechte soziale und ökonomische Verhältnisse geschaffen. Die durchaus respektable Lebensleistung der DDR-Bewohner wurde damit weitgehend zerstört. Die Wiedervereinigung wurde ihnen vom Westen aufoktroyiert, sie konnten dabei kaum eigenen Vorstellungen einbringen. Es wurde das neoliberale ökonomische System eingeführt, in dem der große und politisch entscheidende Besitz fast ausschließlich in westlichen Händen liegt.
Dazu kommt: Der Nationalsozialismus und seine Verbrechen wurden in der DDR nie richtig aufgearbeitet. Die Behauptung, in Vergangenheit und Gegenwart auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden zu haben, also auf der Seite des Antifaschismus, reichte da einfach nicht aus. Unter der Oberfläche rumorte da in den Köpfen der DDR-Bewohner, die keine Erfahrung mit der Demokratie hatten, noch viel deutsch-nationales und NS-Denken. Der DDR-Sozialismus wurde dabei opportun hingenommen, aber nicht wirklich verinnerlicht, so der Historiker Heinrich August Winkler.
Muss man also wieder zu Erich Fromms Buch Die Furcht vor der Freiheit greifen, in dem er 1941, also zur Hochzeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges, die These aufstellte, dass die Deutschen mit der Machtergreifung der Nazis 1933 bereit waren, ihre Freiheit aufzugeben und sich einer völkisch-autoritäten Partei und ihrem Führer zu unterwerfen? Er fragte: Gibt es vielleicht außer dem angeborenen Wunsch nach Freiheit auch eine instinktive Sehnsucht nach Unterwerfung? Und wenn es diese nicht gibt, wie ist dann die Anziehungskraft zu erklären, welche die Unterwerfung unter einen Führer heute auf so viele ausübt?
Nun verfügt die AfD nicht gerade über einen eindrucksvollen populistisch-charismatischen „Führer“ wie die Republikaner mit dem irrlichternden Narzissten Donald Trump in den USA, aber folgende Kriterien, die Fromm nennt, treffen auch auf die AfD zu: Ihre Anhänger sind absolut autoritätsorientiert und sind bereit, sich Autoritäten zu unterwerfen, möchten aber gleichzeitig selbst Autorität sein, der sich die anderen zu unterwerfen haben. Fromm spricht hier vom „autoritären Charakter“, wobei Autorität zwischenmenschliche Beziehungen meint, bei der der Eine den Anderen als ihm überlegen betrachtet.
Die Unterwerfung unter die Autorität ist nach Fromm der Versuch, Teil eines größeren und mächtigeren Ganzen außerhalb des eigenen Selbst zu werden, darin unterzutauchen und so daran teilzuhaben. Wenn man Bestandteil dieser Macht wird, die als stark, zeitlos und faszinierend empfunden wird, hat man auch Teil an ihrer Stärke und Herrlichkeit. Man glaubt auf diese Weise, Sicherheit und Geborgenheit vor den Risiken und Katastrophen des Lebens zu finden. Eben das ist die Furcht vor der Freiheit, die aber den Verlust des Selbst, also der Integrität als Individuum bedeutet.
Trifft diese Beschreibung auf die Anhänger und Wähler der AfD zu? In der alten Bundesrepublik haben Umfragen immer wieder belegt, dass etwa 20 Prozent der Bürger rechtsextreme Einstellungen teilen. Heute bejahen hier nach neuesten Umfragen fast 70 Prozent die Staatsform Demokratie, mit ihrem Funktionieren sind aber nur 57 Prozent zufrieden. Im Osten liegt die Unzufriedenheit mit der Demokratie bei 71 Prozent. Bei Anhängern der AfD geben 89 Prozent in West und Ost an, mit der Demokratie unzufrieden zu sein. (Quelle: Forsa 18.09.2026) Und vor allem: In vielen Köpfen – besonders im Osten – wabert noch viel deutsch-nationales und nationalsozialistisches Denken in den Köpfen und feiert bei Wahlen fröhliche Urständ, wie oben schon erwähnt.
Was kann die weitere Furcht vor der Freiheit, also das Anwachsen der AfD aufhalten? Erich Fromm war 1941 noch optimistisch: „Die autoritären Systeme können die Grundbedingungen nicht beseitigen, die zum Streben nach Freiheit führen. Und sie können auch das Freiheitsverlangen nicht ausrotten, das diesen Bedingungen entspricht.“ Langfristig gesehen hatte er Recht, aber kurzfristig musste Deutschland für seine Furcht vor der Freiheit einen immensen und furchtbaren Preis zahlen. Eine Wiederholung würde seine Existenz aufs Spiel setzen.
Was also wäre ein Gegenmittel gegen eine neue „braune Pest“? Es ist kein Geheimnis, dass wirtschaftliche Krisen im Kapitalismus nicht nur sinkende Einkommen, Arbeitslosigkeit und neue Armut schaffen, sondern auch Orientierungslosigkeit und Angst vor der Zukunft. Das verschafft den rechtsextremen Kräften Zulauf und Wahlerfolge. Der Neoliberalismus mit seinem Hauptdogma – der Markt regelt alles – erweist sich zunehmend als unfähig, die Bedürfnisse einer großen Bevölkerungsmehrheit zu befriedigen. Nur eine Wirtschaftspolitik, die die Voraussetzung dafür schafft, dass jeder Mensch die Chance auf ein ausreichendes, befriedigendes und würdevolles materielles und kulturelles Leben hat, wird den Rechtsradikalismus und damit die Furcht vor der Freiheit stoppen können.