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Über Mirna Funks Roman "Winternähe"

Mirna Funk hat einen weitgehend autobiographischen Roman mit dem Titel „Winternähe“ geschrieben, der im sehr renommierten S. Fischer Verlag erschienen ist. Über seine literarischen Qualitäten lässt sich sicher streiten, aber die stehen hier nicht zur Debatte. Es geht um die politischen Aussagen des Buches, vor allem darum, auf welcher Seite des jüdischen Spektrums und mit welchem moralischen Anspruch – Partikularismus oder Universalismus – sie sich positioniert. Dazu macht sie klare Aussagen in ihrem Buch, in etlichen Zeitungsartikeln und Interviews.

Die Autorin ist 1981 in Ost-Berlin geboren und dort auch aufgewachsen. Sie hat einen jüdischen Vater und eine nicht-jüdische Mutter, die sie früh verlässt. Der Vater setzt sich noch zu DDR-Zeiten nach West-Berlin ab, weshalb die Großeltern das Kind aufnehmen. So beschreibt sie in dem Roman ihre Kindheit und Jugend. Ein sicherlich schwieriger und widersprüchlicher Lebensbeginn, der Identitätsprobleme für ihre Zukunft vorprogrammiert. So schreibt sie denn in dem Roman über ihre Hauptperson Lola, mit der sie sicher identisch ist: „Lola fühlte sich wie ein Oxymoron [Zusammenstellung zweier sich widersprechende Begriffe in einem Begriff), nicht nur weil sie deutsche Jüdin war, sondern weil sie Jüdin und Nichtjüdin war. Meistens hatte Lola ein positives Gefühl zu ihrem Oxymoron-Dasein. In ihr verband sich die Geschichte der Deutschen und der Juden, aber auch die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte, in ihr hausten das Vergessen und das Erinnern gleichermaßen. Etwas, das in der Realität schier unmöglich war, dem war sie täglich ausgesetzt. Aber wenn sie ein negatives Gefühl zu ihrem Oxymoron-Dasein hatte, hielt sie es in ihrem Körper nicht aus, die Spannung, die Gegensätzlichkeit, die Wut und den Schmerz. Dann wollte Lola aus sich herausspringen oder eben nur noch eins von beidem sein: Jude oder Nichtjude.“

Der Roman schildert das Suchen Lolas nach Identität. In Berlin erlebt sie einige in der Tat schlimme und abschreckende antisemitische Attacken (wenn sie denn nicht Fiktion sind): So hatten etwa Arbeitskollegen während einer Betriebsfeier auf ein großes Foto von ihr auf ihre Oberlippe einen Hitlerbart gemalt und auch im Internet verbreitet. Lola geht wegen dieses Vorfalls vor Gericht, kommt aber mit ihrer Klage nicht durch. Es kommt zu anderen antisemitischen Erlebnissen. Selbst Leute in ihrem Umfeld, die sich politisch als „links“ oder „grün“ bezeichnen, geben Lola gegenüber Sätze von sich, die man eher in rechtextremistischen Kreisen und der NPD vermutet wie: „Was da in Gaza und hinter der Mauer passiert, ist nicht besser als Auschwitz.“ Oder: „Ich glaube, dass sechs Millionen tote Juden vielleicht doch ein bisschen übertrieben sind. (...) Irgendwann muss es doch auch mal gut sein. Immer wieder diese Leier. Die armen und die bösen Deutschen. Kommt Ihr Euch selbst nicht ein bisschen bescheuert vor, immer diese Opferrolle einzunehmen? Mir wäre das unangenehm. Mir wäre es peinlich, einem ganzen Volk 70 Jahre Theater zu machen.“ Sätze, die für deutsche Linke oder Grüne eigentlich sehr untypisch sind. Hat die Autorin hier nicht doch über das Maß ihre Fantasie bemüht?

Lola sieht nur noch Antisemiten um sie herum, kündigt sogar ihre Arbeitsstelle, weil sie nicht mit Antisemiten zusammenarbeiten will und kann. Langsam aber stetig verfestigt sich bei ihr der Eindruck, dass die Deutschen nichts dazu gelernt haben, und Antisemitismus im Land der Täter wieder fröhliche Urstand feiert: „Und weil sich in den letzten zwanzig Jahren die Zungen gelockert hatten, konnte man endlich laut hören, was alle leise dachten. Mittlerweile durfte jeder sagen, was er in den Jahren des aufgezwungenen Schweigens nur bei sich gedacht hatte. Nämlich: Dass jetzt Schluss sein müsse mit dem Schweigen, dass den Juden die Banken gehörten, die einem das Geld wegnehmen, dass die Israelis die neuen Nazis seien und dass der Holocaust nun wirklich der Vergangenheit angehöre. Diese Sätze konnte man in den Kommentarspalten auf den Onlineportalen der großen deutschen Tageszeitungen lesen. Diese Sätze konnte man offen auf Abendessen hören, ohne dass sich derjenige, der diese Sätze formulierte, dafür schämen musste.“

Es wäre interessant zu erfahren, auf welchem Onlineportal einer deutschen Tageszeitung sie Derartiges gelesen hat. Hier wird die Autorin unglaubwürdig, ihr Deutschlandbild ist sehr einseitig und fragwürdig. Haben wirklich alle Deutschen aus der Vergangenheit nichts gelernt? Deutsche Medien sind eher – wie die deutsche Politik – philosemitisch und Israel-freundlich ausgerichtet. Die nicht verarbeitete Schuld und die Angst vor dem Antisemitismusvorwurf (und ist er auch noch so unberechtigt) sitzen tief. Eine scharfe und gut fundierte Kritik an der israelischen Politik, orientiert an Völkerrecht und Menschenrechten, ist eher die Ausnahme – siehe die Ausführungen von Rafael Seligmann. Aber die Autorin braucht dieses Feindbild, um sich davon abzusetzen und ihre innere Wandlung zu rechtfertigen, die das eigentliche Thema des Buches ist.

Diese Wandlung tritt endgültig ein, als Lola sich während des Gaza-Krieges 2014 in Tel Aviv aufhält und sie Raketen der Hamas anfliegen sieht, die aber so gut wie alle von dem Abwehrsystem „Iron Dome“ abgefangen werden. Die Bewohner der Stadt flüchten in Unterstände, aber die Schäden, die die Geschosse aus dem Gazastreifen anrichten, sind so gut wie nicht der Rede wert. Vor allem aber erschrecken Lola die Demonstrationen in Deutschland gegen Israels Krieg. Die von einigen durchgeknallten Jugendlichen herausgebrüllten Parolen wie „Juden ins Gas!“ sind für Lola sozusagen der letzte Beweis, dass in Deutschland wieder der Antisemitismus Besitz von den Köpfen ergriffen hat.

Sie schreibt: „Lolas Vermutung und auch die Vermutung vieler anderer – , dass sich hinter vielen israelkritischen Äußerungen Antisemitismus verstecke, schien sich zu bestätigen. Dieser Krieg ließ sie alle aus ihren Ecken und Verstecken hervorkommen: Diejenigen, die sich selbst niemals als Antisemiten bezeichnet hätten, konnten dem Drang, sich eine entschiedene Meinung zum Konflikt zu bilden, nicht widerstehen. Waren sie doch meistens völlig unpolitisch, wenn es um all die anderen Kriegsgebiete in dieser Welt ging, aber Israel bewegte sie über alle Maßen. Und Israel bewegt sie nicht deshalb, weil sie sich mit dem Leid der Palästinenser aus rein objektiven Beweggründen identifizierten, sondern weil ihre tief vergrabene Wut auf die Juden, die Wut darauf, dass diese Schuldgefühle in ihnen auslösten, ein Ventil finden konnte. Es war eine Erlösung für den gemeinen Antisemiten in Europa.“

Diese Unterstellungen machen sprachlos, weil sie den meisten Deutschen jedes politisch-humane Engagement bestreitet und zugleich Israels brutalen Überfall auf ein wehrloses Volk rechtfertigt. Aber Lola ist in den Tagen dieses Krieges klar geworden, dass der Antisemitismus nicht einfach nur zurückgekommen ist, sozusagen in der Mitte der Gesellschaft, sondern dass er nie abwesend war. Und weil das so ist, spannen die deutschen Medien „linke“ kritische israelische Journalisten „vor ihren ideologischen Karren“, denn wenn selbst Juden Israel scharf kritisieren, dürften die Deutschen das natürlich auch. „Antisemitismus mit jüdischem Schutzschild“ nennt die Autorin das. Diese Juden, die die Besatzung verurteilten, habe man, schreibt die Autorin, während des Gaza-Krieges ausfindig gemacht und in die Talkshows und auf die Bühnen gezerrt. Wenn man Israel schon nicht kritisch sehen dürfe, dann hole man sich einfach ein paar Juden, die das erledigten. Das erinnert Lola oder die Autorin daran, wie man in den KZ’s jüdische Aufseher (Kapos) hatte, und die Juden die Gräber ausheben mussten.

Abgesehen davon, dass der Vergleich der kritischen Juden in den deutschen Medien mit den Kapos in den KZ’s völlig absurd und geschmacklos ist, hat hier wohl der Realitätsbezug der Autorin völlig ausgesetzt und ist die Fantasie endgültig mit ihr durchgegangen. Denn es wurden nirgendwo in deutschen Medien oder Talkshows kritische Juden gesichtet, die Israels Krieg gegen den Gazastreifen scharf verurteilt hätten, da hätte der Zentralrat schon früh genug erfolgreich Einspruch erhoben und das zu verhindern gewusst. (Es sei nur an einen Vorfall aus der letzten Zeit erinnert: Es gab in der Tagesschau einen kurzen Bericht, in dem der ausgewiesene Experte Clemens Messerschmidt erläuterte, wie die israelischen Besatzer die Palästinenser mit Wasser unterversorgen. Es gab einen Sturm der Entrüstung auf der Seite der Israel-Verteidiger, der Bericht wurde sofort als „antisemitisch“ angeprangert. Dabei hatte Messerschmidt, der als Ingenieur für das Wasserwesen viele Jahre vor Ort gearbeitet hat und die Verhältnisse bestens kennt, nur ein paar Wahrheiten ausgesprochen: Weil die jüdischen Siedler im Wasser schwelgen, gehen die Palästinenser so gut wie leer aus. Die ARD entschuldigte sich sofort für den Bericht und kündigte an, dem Thema noch einmal „objektiv“ nachzugehen.)

Am Ende des Buches, das eigentlich ein Entwicklungsroman ist, kann Lola Bilanz ziehen: Der Krieg hat sie grundlegend verändert und sie überlegt nun, wie sie mit dieser Erfahrung ihr zukünftiges Leben gestalten will. Denn für sie ist nichts mehr so, wie es einmal war. Sie hat ihre Wahl getroffen, auch wenn sie das so deutlich nicht ausspricht: Sie ist eine gläubige Zionistin geworden. Im Text, den sie für „Allmende“ geschrieben hat, spricht sie ihre neue Weltsicht deutlich aus: Antisemitismus trete heute als Antizionismus und Israel-Feindlichkeit – gepaart mit Verschwörungstheorien – auf, die die Täter-Opfer-Achse stabilisieren sollen. Der „neue Antisemitismus“ sei geprägt von Unwissenheit, dem Wiederholen aufgenommener Informationen aus den Medien und dem „völligen Fehlen eigenen Denkens“. Und damit sei der deutsche Antisemitismus absolut identisch mit dem europäischen.

Die Autorin bekennt in dem „Allmende“-Text, dass sie so genervt vom Antisemitismus in Deutschland sei, dass sie nun unter Deutschen die Klappe halte. Sie sei die Konfrontation mit [mit den antisemitischen Deutschen, muss man ergänzen] einfach leid, sie sei am Ende, sie habe vorläufig alle Lesungen, Podiumsdiskussionen, Vorträge und Interviews abgesagt. „Ich bin fertig mit meinem Scheißroman“, schreibt sie. Dabei habe sie doch aufklären wollen, die Augen öffnen, die Menschen zum Hinterfragen bringen. Sie gesteht ihr Scheitern ein, vermutlich deswegen ist sie inzwischen nach Tel Aviv verzogen und will dort heiraten.

Man muss sich fragen, in welcher Welt Mirna Funk lebt und ob sie noch Beziehungen zur Realität hat. Geht man von der Ausgangsthese aus – die Spaltung des Judentums in zionistische Partikularisten und jüdische Universalisten – , dann hat die Autorin sich eindeutig für den ethnisch-partikularistischen Zionismus entschieden, für den alles, was gegen seine Interessen verstößt „Antisemitismus“ ist. Das ist im Grunde die Definition des „neuen Antisemitismus“. Diese Botschaft wollte die Autorin unter die Leute bringen, aber kaum jemand hat es ihr abgenommen. Wenn das bedeutet, dass die Mehrheit der Deutschen inzwischen eher zum Universalismus neigt, wäre das ja nur zu begrüßen. Es gibt viele Juden, die die Deutschen in dieser Sicht unterstützen. So hat etwa der israelische Philosoph Omri Boehm geschrieben, dass Zionismus und Humanismus unvereinbar seien. In seinem Aufsatz „Das deutsche Schweigen über Israel und der Preis dafür“ leitet er aus dem Kantschen Begriff der Aufklärung (der Aufforderung, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit herauszutreten und sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen) gerade für die Deutschen die Pflicht ab, nicht zu schweigen und Israels Politik zu kritisieren. Ja, er hält das für den endgültigen Test des aufgeklärten Denkens selbst.

Er schreibt: Wenn man sich einem universalen Humanismus unterstützend verpflichtet fühle, dann müsse man Israels Verletzungen des Völkerrechts und der Menschenrechte verurteilen, damit unterstütze man auch die Juden und Israel. Wenn Deutschland es aber versäume, die Verbrechen Israels beim Namen zu nennen, werde es seiner Verantwortung nicht gerecht und würde obendrein den Holocaust als politisch signifikante Vergangenheit unterminieren. Boehm schließt: „Wenn aufklärerisches Denken als eine politische Antwort auf Deutschlands Vergangenheit einen Sinn haben soll, dann muss es den Mut aufbringen, diese Angst zu überwinden. Zu Israels Politik zu schweigen, ist der falsche Weg – er ist auch nicht effektiv, weil er der Geschichte des Holocaust keine Gerechtigkeit widerfahren lässt.“

Wenn man diese Zeilen von Omri Boehm liest, hat man den Eindruck, dass Mirna Funk gar nicht weiß, was Aufklärung bedeutet und dass sie den Begriff eher in seiner populären Alltagsbedeutung gebraucht. Aber die ist in diesem Zusammenhang wenig nützlich. Wenn hier schon wieder mit Omri Boehm ein israelischer Autor zu Wort kam, dann nicht um einen „Musterjuden“ (Rafael Seligmann) vorzuschicken, sondern weil es gerade im Judentum so großartige universalistische Denker und Autoren gibt, die die Dinge exakt auf den Punkt bringen können. In Deutschland haben lntellektuelle leider kaum den Mut dazu.

Mirna Funk argumentiert in ihrem Buch rein zionistisch, auch wenn der Begriff gar nicht vorkommt, und das heißt auch völlig unhistorisch: Das ist im Zionismus das bewährte Muster, weil man damit die wirklichen Ursachen des Nahost-Konfliktes vertuschen kann. Das Ziel dieser Ideologie war von Anfang an, inmitten eines anderen Volkes einen jüdischen Staat zu errichten, ohne zuerst die Zustimmung und Zusammenarbeit dieses Volkes zu erlangen. Aus diesem Vorgehen ergaben sich die Unterdrückung der Palästinenser und die Gewalt gegen sie ganz von selbst. Shimon Peres, einer der Gründungsväter Israels, antwortet in seinen Lebenserinnerungen auf die Frage, wie die zionistischen Einwanderer mit den Palästinensern umgegangen seien: „Wir haben sie gar nicht gesehen, es gab sie für uns gar nicht!“

In den langen Passagen, die Mirna Funk über den Gaza-Krieg 2014 schreibt, erwähnt sie nicht an einer einzigen Stelle die Vorgeschichte dieses Krieges, der nicht die Hamas-Raketen als Ursache hatte, sondern lange vorher geplant war, wie Ehud Barak später zugegeben hat. Mirna Funk erwähnt nur die drei israelischen Religionsschüler, die im Westjordanland ermordet wurden. Aber sie waren nur der Vorwand für den Angriff, nicht der eigentliche Grund. Wenn die Autorin schon auf den Krieg eingeht, wo bleiben die Informationen, die man über Gaza wissen muss: Dass Israel die Hamas als Konkurrenz zur damals verhassten PLO mit aufgebaut hat; dass die Hamas 2006 freie Wahlen im Westjordanland und im Gazastreifen gewann, Israel und der Westen das Ergebnis aber nicht anerkannten, die dann gebildete „Regierung der nationalen Einheit“ gar nicht regieren konnte, weil der Westen alle Hilfsgelder sperrte; dass Israel sogar einen Großteil der frei gewählten Abgeordneten verhaftete, zum Teil sitzen sie heute noch im Gefängnis; dass Israel zusammen mit der PLO und den USA 2007 die im Gazastreifen regierende Hamas mit einem militärischen Angriff stürzen wollte, was aber misslang; dass der Gazastreifen seit 2007 vollständig von der Außenwelt abgeriegelt ist; dass es nicht nur zwei Kriege gegen das Gebiet gegeben hat, sondern auch etliche kleinere Militäraktionen der Israelis, die auf palästinensischer Seite Hunderte von Toten forderten; dass Israel in Selbstjustiz mit seinen zielgenauen Raketen alle Hamas-Führer eliminierte, die ihm unbequem waren. Heute ist der Gazastreifen ein eingezäuntes Elendsquartier, in dem die Menschen nur noch verzweifelt und hoffnungslos dahinvegetieren.

Und weiter: Dass die beiden Kriege 2008/09 und 2014 Massaker waren, 2014 gab es 2100 Tote, davon waren die meisten Zivilisten, 490 Kinder kamen um, 11 000 Menschen wurden verletzt, viele von ihnen werden ihr Leben lang verkrüppelt bleiben, 540 000 Menschen wurden vertrieben und 120 000 obdachlos; außerdem wurden zehntausende von Häusern zerstört und so gut wie die ganze Infrastruktur. Auf israelischer Seite kamen 64 Soldaten ums Leben und 3 bzw. – je nach Quelle – 7 Zivilisten. (Angaben der Heinrich-Böll-Stiftung vom 2. 10. 2014 und Zeitonline 20. 8. 2014) Dass Israel dabei furchtbare Waffen einsetzte, die zum Teil verboten und geächtet sind: weißen Phosphor, Dime, Flechettes-Munition, Mini-Würfel-Schrappnell-Geschosse. (Man schaue im Internet nach, was diese Waffen bewirken oder lese es in Jeff Halpers Buch „Ein Israeli in Palästina“ (S. 226f) nach.

Halper schreibt auch, dass ein wichtiger Grund für Israels Invasionen (nicht nur in Gaza) Feldversuche mit neuen Waffen und -strategien am lebenden Objekt – eben den Palästinensern – seien. Von diesen Versuchen profitiere Israels Sicherheitspolitik und Rüstungsindustrie gleichermaßen (S. 225). Israel kann dann beim Export seiner Waffen sagen, sie seien im Krieg getestet und erprobt worden. Der israelische Filmemacher Yotam Feldman hat über dieses Thema eine Dokumentation („Das Labor“) erstellt, in der Militärs diesen Sachverhalt bestätigen.

Man könnte das Sündenregister des Zionismus erweitern und bis zur Nakba 1948 zurückgehen: die Vertreibung von 750 000 Palästinenser zusammen mit der Zerstörung von elf Städten und 500 Dörfern. Von dem weiß Mirna Funk nichts oder sie will es nicht wissen. Sie hat keinerlei Empathie für die Menschen auf der „anderen Seite“. Sie existieren für sie offenbar gar nicht, wie auch Shimon Peres geschrieben hat. Dass Israels Politik ein einziger Bruch des Völkerrechts und der Menschenrechte ist, erwähnt sie nicht. Die beiden Begriffe kennt sie nur im Zusammenhang mit ihrem Antisemitismus-Vorwurf: Wer sich darauf beruft, ist offensichtlich ein Antisemit. Sie kann während des Krieges ruhig in ihrem Liegestuhl am Strand von Tel Aviv liegen, während der weiße Phosphor auf Gaza regnet und die Menschen dort keine Fluchtmöglichkeit haben.

Die Demonstrationen in Deutschland gegen den Überfall Israels auf den Gazastreifen 2014 haben sie in der Überzeugung bestärkt, dass Deutschland ein durch und durch antisemitisches Land sei. Nicht zuletzt deshalb ist sie nach Israel ausgewandert, wie sie schreibt. Man kann diese Demonstrationen, bei denen es vielleicht einige unschöne Ausfälle gegeben hat, aber auch ganz anders beurteilen: als berechtigte Kritik an einem Massaker, das eine übermächtige Militärmacht mit den modernsten verfügbaren Waffen an einem im Grunde wehrlosen Volk begangen hat, das weder über eine Armee noch über irgendwelche Waffen verfügt. Die Raketen der Hamas sind selbst gebastelte Sprengkörper, die vielleicht eine verheerende psychologische Wirkung haben mögen, Zerstörungs- und Vernichtungskraft haben sie nicht. Es hat unter der israelischen Zivilbevölkerung – siehe die Zahlen oben – so gut wie keine Opfer gegeben. Israels Kriege im Gazastreifen 2008/09 und 2014 waren in vieler Hinsicht Kriegsverbrechen (siehe den UNO-Bericht) – und deswegen waren die Proteste in Deutschland politisch-moralisch gar nicht zu beanstanden. Es sei aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auch die Raketenangriffe der Hamas ein Kriegsverbrechen sind, wenn sie auf zivile Ziele gerichtet sind. Nur ist die Dimension des Verbrechens verglichen mit der israelischen Übermacht eine ganz andere.

Mirna Funk schreibt in hysterischer Übertreibung über die Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg: „Seit die Bodentruppen in Gaza einmarschiert waren, schrie der Durchschnittsdeutsche laut: Genozid. Das Wort Genozid fand sich in jedem Post. Israel begehe Völkermord. Kindermörder Israel. Die Juden seien längst wie Hitler. Haben die denn nichts aus ihrer eigenen Vergangenheit gelernt, wurde gefragt. Siebzig Jahre hatten die Deutschen darauf gewartet, den Juden endlich einmal einen Völkermord vorwerfen zu können. Ejakulat, wohin man sah.“

Mirna Funk irrt, wenn sie meint, dass der Genozid-Vorwurf nur von vermeintlichen deutschen Antisemiten kommt. Ob Israel einen Genozid an den Palästinensern begeht, wird im Zusammenhang mit dem Siedlerkolonialismus in der internationalen Wissenschaft intensiv diskutiert. (Siehe Petra Wild: Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat, Wien 2013, S.183f, 204f) Und auch unter den Juden in den USA ist der Genozid ein Thema. So antwortete der Schriftsteller Ben Ehrenreich, der Autor von „The Way to the Spring“, im Februar 2017 bei einer Veranstaltung in New York auf die Frage, ob es in Israel/Palästina einen Genozid gebe, mit einem eindeutigen „ja“ Er sagte: „Die Frage zum Genozid – ja, es ist ein zunehmender Genozid. Ich meine, das ist ein Wort, das vielen Leuten zu denken gibt, und das sollte es auch. Wir sehen nicht den massenhaften Mord, obwohl ich denke, dass wir in Gaza etwas ganz Ähnliches gesehen haben, etwas, das wir normalerweise mit Genozid assoziieren. Aber – die Versuche ein Volk auszulöschen, sie richtig auszulöschen, ihre Geschichte auszulöschen, können wenn ich logisch denke, nur als Genozid bezeichnet werden.“

Weiter sagte er: „Ich meine, ständig sagt jemand – zum Beispiel in den Internetmedien – ‚So etwas wie einen Palästinenser gibt es nicht‘ oder ‚Es gab dort niemanden, als die Zionisten kamen‘ – das sind genozidale Statements, das sind Versuche, eine Kultur auszulöschen, eine Geschichte auszulöschen, ein Volk zu dezimieren, und ich denke, diese Statements sollten als solche erkannt werden. (...) Israel ist eine siedlerkolonialistische Gesellschaft, und das Eine, das alle siedlerkolonialistischen Gesellschaften gemeinsam haben, ist, dass sie einer genozidalen Logik folgen. Die, in der wir jetzt gerade leben: Jeder einzelne von ihnen – Südafrika, Kanada, die USA, Australien und Israel: Überall, wohin die Siedler kamen und das Land zu ihrem erklärten und alles taten, was sie konnten, um entweder die Menschen zu entfernen, die noch dort waren, oder deren Geschichte auszulöschen, dass sie behaupten können, es hätte sie dort nie gegeben.“ Ehrenreich fügte hinzu, dass es ihm als Juden mit dem Hintergrund des Holocaust extrem schmerzlich sei, das Wort Genozid zu benutzen. Wörtlich sagte er dann: „Es ist noch schmerzlicher, diese Realitäten zu sehen, und diese historische Ironie ist brutal.“

Die Wirklichkeit der Demonstrationen gegen den Gaza-Krieg in Deutschland sah ganz anders aus. Der einen Seite – den Verteidigern und Unterstützern Israels – kamen der Krieg und die Proteste offenbar gar nicht so ungelegen, konnte man nun doch wieder eine große Kampagne in den Medien starten mit der immer wiederholten warnenden Feststellung, der Antisemitismus sei wieder auf dem Vormarsch und nehme beängstigende Ausmaße an. In Wirklichkeit hatte diese Kampagne vor allem die Funktion, von Israel grausamer Kriegsführung abzulenken. Natürlich nimmt in Zeiten, wenn Israel seine Nachbarn mit Krieg überzieht, die Kritik an diesem Staat zu, nur hat das mit wirklichem Antisemitismus in den meisten Fällen gar nichts zu tun. Wenn in den sechziger Jahren Hunderttausende auf die Straße gingen und gegen den Vietnam-Krieg der USA protestierten, war das Motiv auch nicht Anti-Amerikanismus. Es könnte ja auch sein, dass sehr viele Deutsche aus den Verbrechen der Nazis ihre Folgerungen gezogen haben und sagen: Die beste Lehre aus dem Holocaust ist, für Menschenrechte und Völkerrecht einzutreten, wo immer es nötig ist – auch oder gerade dann, wenn der Kriegführende Israel ist.

Wie sehr diese Demonstrationen politisch instrumentalisiert wurden, belegt die journalistische Kommentierung etwa in Bremen. Am 23. 07. 2014 protestierten dort zwischen 6 000 und 7 000 Menschen gegen Israels Krieg – darunter auch viele Muslime. Es gab keinerlei Zwischenfälle bei dieser Großdemonstration und der anschließenden Kundgebung. Die Einsatzleitung der Polizei hat sich ausdrücklich bei den Organisatoren für die gute Zusammenarbeit und den friedlichen Ablauf bedankt.

Ganz im Stil der BILD-Zeitung, die einen Tag vor der Demonstration in ihrer Bremer Ausgabe eine „Hass-Demo“ angekündigt hatte, behauptete der Radio-Bremen-Journalist Jochen Grabler in einem Kommentar vor der Demonstration in Bremen, dass die Veranstalter hier „zündelten“. Er schildert dann Zustände, wie sie im „Dritten Reich“ bei der sogenannten „Kristallnacht“ 1938 von den Nazis in Szene gesetzt wurden. Weitere Zitate aus dem Kommentar: „Um es mal auf den Punkt zu bringen: Wenn sich jetzt Andersdenkende nicht vor die Tür wagen, wenn – was Allah, der Christengott und Jahwe am besten gemeinsam verhüten mögen – Bremer Juden auf offener Straße angegriffen und gejagt werden, wenn Geschäfte gestürmt werden, weil irgendwer behauptet, sie seien in jüdischer Hand, wenn der Holocaust geleugnet, Fahnen des Heiligen Krieges hoch gehalten werden, Hitler gepriesen, die Juden ins Gas gewünscht, wenn Hakenkreuze in Davidsternen vorgezeigt werden, dann wissen wir heute schon, wer diese Giftspritze angesetzt hat: Frau Krafft-Schöning und ihre Friedensfreunde.“ (Die Journalistin Beate Krafft-Schöning war eine der Organisatoren/innen der Demonstration.)

Weiter heißte es in dem Kommentar von Jochen Grabler: „Immer vorneweg: Testosteron gepeitschte junge Männer, verhetzt, aus jeder Pore dampfend vor Hass. Aber selbstredend demonstrieren sie nur für Frieden und Gerechtigkeit. Denn stets kommen die Aufrufe zu solchen Demonstrationen mit dem gleichen naiv-doofen Augenaufschlag daher. Wie jetzt in dem Bremer Aufruf: ‚Die Veranstalter sind ausdrücklich daran interessiert, dass Menschen aller Nationalitäten und Religionen an dieser Demonstration für den Frieden teilnehmen.‘“ Nach einer grundsätzlichen Rechtfertigung des Demonstrationsrechts heißt es weiter: „Aber wenn nun der Krieg um Gaza so in unsere Städte getragen wird, dass sich Menschen anderer Meinung nicht mehr an die Öffentlichkeit wagen, und dass Angehörige einer Religion um Leib und Leben fürchten müssen, dann ist die Grenze der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit weit überschritten. Weil die Menschenwürde unantastbar ist. Das sind die hohen, höchsten Güter, mit denen auch die Bremer Friedensfreunde gerade spielen. Sie zündeln in vollem Bewusstsein. Dafür gibt es keine mildernden Umstände.“ Eine Beschwerde über diesen üblen und unverantwortlichen Hetzartikel beim Rundfunkrat des Senders hatte keinen Erfolg. Die Begründung lautete: Der Kommentar läge im Bereich des journalistisch Zulässigen und Erlaubten. Jochen Grabler war einmal Wahlkampfleiter der Grünen in der Hansestadt und ist heute Leiter der Recherche-Redaktion des Senders.

Ähnliche Panik schürte der israelische Botschafter in Deutschland, Yakov Hadas Handelsman. Er verstieg sich zu der Äußerung, in den Straßen Berlins seien Juden verfolgt worden wie 1938. Wenn es so weiter gehe, fürchte er, dass unschuldiges Blut vergossen werde. (FAZnet 20.07.2014) Besonnene Köpfe reagierten denn auch viel zurückhaltender auf die Demonstrationen. Der renommierte Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz meinte: „Ich sehe überhaupt keine neue Qualität. Ich würde auch gern die Wortwahl ‚antisemitische Ausschreitungen‘ hinterfragen. Es haben sich zum Teil seltsame Leute zusammengerottet. Einige haben blödsinnige Parolen gerufen. Das wird von Interessenten mit großem Widerhall als Wiederaufflammen des Antisemitismus dargestellt. Ich beobachte die Szene seit 30 Jahren. Seit 30 Jahren wird damit Politik und Stimmung gemacht.“ Benz sieht die größere Gefahr heute viel mehr in der Feindschaft gegenüber Muslimen. Die Islamophobie arbeite mit ganz ähnlichen Argumentationsmustern und Stereotypen wie der Antisemitismus. Gemeinsam sei diesen Vorurteilen die Einteilung in Gut und Böse sowie das Phänomen der Ausgrenzung: „Das Feindbild der Juden wird heute durch das Feindbild der Muslime ersetzt. Wieder geht es um die Ausgrenzung einer Minderheit. Es ist höchste Zeit, die Diskriminierungsmechanismen zu verstehen und schließlich zu verhindern.“

 

Und der frühere israelische Botschafter in Deutschland Avi Primor hatte sich schon vorher zum sogenannten „neuen Antisemitismus“ geäußert: „Es besteht überhaupt kein Konsens darüber, was Antisemitismus eigentlich ist. Antisemitismus genau beschreiben, das konnte ich noch nie. Ich konnte nur sagen, wer kein Antisemit ist. Das ist mir klar. Wenn jemand mit einem Juden eine schlechte Erfahrung gemacht hat und danach nichts verallgemeinert, ist er kein Antisemit. Aber natürlich kann man mit Juden auch schlechte Erfahrungen machen. Unter Juden gibt es genauso schlechte Leute wie in anderen Völkern. Infolgedessen bin ich auch kein begeisterter Freund von Philosemiten, die meinen, dass Juden besser als andere sind. Sie sind weder besser noch schlechter, sie sind genau wie die anderen.“ Primor warnt davor, aus dem Antisemitismus eine Alltagsangelegenheit zu machen, [was wohl heißt: eine Inflationierung des Antisemitismusvorwurfs], weil man ihn dann nicht mehr bekämpfen könne. Die Gefahr eines „neuen Antisemitismus“ schätzt er eher gering ein: „Der Antisemitismus schrumpft regelmäßig seit dem Zweiten Weltkrieg. Er schrumpft überall, in Deutschland wie anderswo, genauso wie in Amerika. (...) Das bedeutet, nicht dass es keinen Antisemitismus gibt. Natürlich gibt es Antisemitismus. Es gibt den religiösen Antisemitismus, es gibt rassistischen Antisemitismus, es gibt Neonazis und Nazis. Das gibt es alles. Aber das wächst nicht. Im Gegenteil: Es geht ständig zurück.“ Avi Primor sagte auch: „Der Hass auf Israel nimmt nicht zu, sondern die Sympathien für Israel nehmen ab.

 

Für das immer wieder gerade auch von jüdischer Seite sowie in Studien und Umfragen gebrauchte Argument, dass der Antisemitismus zunehme, macht Primor eine erhöhte Sensibilität für das Problem verantwortlich: „Weil die Leute eben dem [Thema] gegenüber sehr empfindlich geworden sind. Erstens berichten die Medien über jeden Fall des Antisemitismus wie nie zuvor. Infolgedessen ist man sich dessen schon sehr bewusst geworden. Außerdem: Weil die Leute eben keine Antisemiten sind, sind sie gegenüber Antisemiten sensibel geworden und wollen es immer wahrnehmen. Je eher also der Antisemitismus schrumpft desto eher meinen die Leute, dass er wächst.“

 

Die Anschläge in Paris wurden auch sofort als neue Belege für anwachsenden Antisemitismus interpretiert und entsprechend instrumentalisiert. Es sei hier nur die Antwort eines Israeli zitiert, die in ihrer Sachlichkeit viel für sich hat: „All diese Gewalttaten [in Paris und Kopenhagen] wurden von jungen Muslimen begangen, die meistens arabischer Abstammung sind. Sie waren und sind ein Teil des fortwährenden Krieges zwischen Israel und den Arabern. Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Sie haben nichts mit dem Pogrom in Kishinew [1903] und nichts mit den Weisen von Zion zu tun.“ Er sieht den Grund für die Gewaltbereitschaft junger Muslime im Hass auf ihre Gastländer, weil sie sich dort verachtet, gedemütigt und diskriminiert fühlen. Mangelndes Selbstbewusstsein und soziale Frustration macht auch Wolfgang Benz als Motive des Unmuts junger Muslime in Europa aus.

Mirna Funk hat ihre Folgerungen aus dem Gaza-Krieg 2014 und den Reaktionen darauf in Deutschland gezogen, hat sich für den partikularistisch-zionistischen Weg entschieden und ist nach Israel eingewandert. Das ist ihr gutes Recht, auch wenn ihre Motive mehr als irrational sind. Es sei hier eine Jüdin zitiert, die Historikerin Esther Benbassa, die an der Sorbonne in Paris jüdische Geschichte lehrt. Sie leitet für sich universalistische Schlussfolgerungen aus Israels Politik ab. Sie bezieht sich mit ihrer Aussage zwar auf den Gaza Krieg 2008/09, wird durch den neuen Waffengang 2014 in ihrer Ansicht aber eher bestärkt worden sein. Sie schreibt in ihrem Buch „Jude-Sein nach Gaza“: „Mit dieser Offensive geschah etwas Neues. Es wurde eine Scheidelinie überschritten zwischen dem, was ein Jude mit seinem geschichtlichen Hintergrund zulassen kann und dem, was er zurückweisen muss, wenn er möchte, dass sein Jude-Sein eine von Humanität und somit Universalität geprägte Vision der Welt bleibt.“

Diese Sätze sind ein ethischer Aufschrei für Menschlichkeit, der auch die „Anderen“ sieht und mit einbezieht. Ohne die Einbeziehung des oder der „Anderen“ kann es keine Humanität geben. Ihr Buch ist ein wunderbarer Beleg für jüdisch-universalistisches Denken, das sich nicht wie die Ausführungen Mirna Funks im Kreis drehen, um dann da anzukommen, wo Esther Benbassa genau die Unmenschlichkeit sieht.