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Wenn zwei Völker Anspruch auf dasselbe Land erheben und ganz verschiedene Erinnerungskulturen pflegen

Der israelische Holocaust-Historiker Omer Bartov plädiert in seinem neuen Buch für ein Akzeptieren der gegensätzlichen Narrative von Israelis und Palästinensern als Vorstufe zu einem Frieden / Aber was ist nach Gaza überhaupt noch möglich?

Juli 15, 2025

Omer Bartov ist einer der bedeutendsten Holocaust-Historiker. Zum Konflikt Israels mit den Palästinensern hat er eine eindeutige Position. Mit klaren Worten spricht er von der brutalen Besatzung, der Unterdrückung eines ganzen Volkes und benutzt auch den Begriff Apartheid. Er war einer der ersten prominenten Israelis, die das Vorgehen des zionistischen Staates im Gazastreifen als „Völkermord“ bezeichnet haben.

Bartov hat jetzt ein neues Buch herausgebracht mit dem Titel „Genozid, Holocaust und Israel – Palästina. Geschichte im Selbstzeugnis“ Er konstatiert darin eine Lücke in der bisherigen Holocaust-Forschung: In Osteuropa (speziell in Galizien) lebten seit Jahrhunderten Juden, es gibt aber keine historischen Untersuchungen, die sich den genozidalen Verhältnissen vor Ort und den Besonderheiten des Massenmordes in diesem speziellen Gebiet widmen. Wobei es hierbei nicht nur um den Genozid an den dort lebenden Juden geht, sondern auch um die lange Koexistenz zwischen den verschiedenen Ethnien dort (vor allem Juden, Polen und Ukrainern) und um die dann während des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust ausbrechenden gewaltsamen Konflikte zwischen ihnen. Bartov geht es also um die Einbeziehung der Lokalgeschichte in die historische Arbeit.

Dieser Aspekt ist für Bartov deshalb so wichtig, weil die Ermordung von Menschen im Holocaust nicht nur in den dafür vorgesehenen Vernichtungslagern stattfand: Er schreibt: „Etwa die Hälfte der Menschen, die im Holocaust ermordet wurden, starben in Ghettos oder bei Massenexekutionen, die direkt an ihrem Wohnort oder in unmittelbarer Nähe unter freiem Himmel und meist öffentlich durchgeführt wurden.“

Bartov konzentriert seine Forschungsarbeit auf die Stadt Buczacz in Galizien, zu der er eine enge Bindung hat, weil Vorfahren von ihm dort lebten. Zu den kommunalen Massakern dort merkt er an: „Sie sind fast das genaue Gegenteil des industriellen Tötens in den Vernichtungslagern. Kommunale Massaker verheeren Leben und zerstören Seelen. Sie verweisen die Vorstellung vom passiven Zuschauer ins Reich der Fabel: Jeder Mensch wird zum Akteur, als Jäger als Beute, als Widerständler und Helfer, Verlierer und Nutznießer. Oft spielt dieselbe Person im Verlauf der Ereignisse mehrere dieser Rollen nacheinander.“

An dem Morden an den Juden dort waren also nicht nur deutsche militärische Kräfte (Wehrmacht, SA und SS) beteiligt, sondern auch polnische und ukrainische nationalistische Banden, Milizen und sogar Privatpersonen, also Denunzianten und jüdische Kollaborateure. Bartov plädiert deshalb dafür, neben amtlichen Dokumenten auch persönliche Selbstaussagen von Beteiligten und Zeugen einzubeziehen, weil sie bei allen Widersprüchen, die sie auch enthalten, eine Vielfalt von Perspektiven bieten und so ein zwar unvollkommenes, aber mehrdimensionales Bild des Geschehens wiedergeben.

Die meisten Juden in Buczacz fielen dem Holocaust zum Opfer, die Überlebenden gingen zumeist nach Israel, denn andere Staaten hatten ihre Grenzen für sie verschlossen. Der zionistische Staat wurde am 14. Mai 1948 gegründet, er führte die Berechtigung seiner Existenz auf den Holocaust zurück. Während seines Entstehungs- und Gründungsprozesses fand die Nakba statt, die ethnische Säuberung Palästinas mit der Vertreibung der Mehrheit des palästinensischen Volkes. Dieses Ereignis wird aber bis heute in Israel mit dem Argument verdrängt, dass man beide Ereignisse nicht vergleichen könne, weil man so das Existenzrecht Israels in Frage stellen und letztlich dem nächsten Holocaust Vorschub leisten würde.

Diese Verdrängung der Nakba brachte aber die staatlich verordnete Erinnerungspolitik in erhebliche Widersprüche. Denn wenn beim Holocaust die Devise lautetet „Nie wieder!“, war die Nakba kein einmaliges Ereignis, sondern sie wiederholt sich unaufhörlich bis heute. Bartov: Das „Nie wieder!“ wurde zum „Wieder und Wieder!“. Oder anders gesagt: Die von den Zionisten geprägte Parole „Wir werden den Holocaust nie vergessen“ wird bei der Nakba ins Gegenteil verkehrt. Sie lautet da: „Wir müssen sie immer aufs Neue vergessen.“

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Erinnerung auf höchst unsicheren Fundamenten ruht und auf ihr keine wirkliche nationale Identität begründet werden kann. Mit einem eindeutigen Blick auf Israel schreibt der Autor: „Zweifellos muss eine Nation in der Lage sein, klarsichtig und kritisch auf die dunklen Episoden ihrer Geschichte zurückzublicken: nicht nur um ihr eigenes Werden zu verstehen, sondern auch um in der Gegenwart eine bessere, offenere und gerechtere Gesellschaft aufbauen zu können, die frei von Lügen und Vertuschungen ist.“

Interessant und aufschlussreich ist, wie die vom Holocaust betroffenen Neueinwanderer in Palästina ihren Anspruch auf das Land begründen. Sie fühlten sich als Juden zweimal vertrieben: Die erste Vertreibung nach dem Aufstand gegen die Römer 70 n.u.Z. hatte zur Diaspora geführt (diese Vertreibung wird heute aber von israelischen Historikern angezweifelt), die zweite Vertreibung hatte sie nach dem Holocaust aus der Diaspora entfernt und sie zurück „nach Hause“ (Palästina bzw. Israel) gebracht. Sie verglichen ihre eigenen Erfahrungen in Europa mit denen der Palästinenser – drehten den Sachverhalt aber um. Sie waren fest davon überzeugt, dass das Land ihnen gehörte, die Palästinenser wurden als „durchziehende Volksgruppe“ angesehen, die von anderswoher gekommen waren und leicht wieder irgendwohin auswandern könnten. Dazu kam, dass der Holocaust bei den jüdischen Zuwanderern jedes Verständnis für die Palästinenser auslöschte, obwohl diese mit dem Genozid gar nichts zu tun hatten.

Dieses Verständnis der zugewanderten Juden von der Rechtmäßigkeit ihres Tuns und ihres Anspruchs auf das Land ist natürlich höchst zweifelhaft, denn aus welchem Grund sollen die aus Europa Vertriebenen berechtigt sein, andere zu vertreiben? Warum sollten diese Entwurzelten selbst berechtigt sein, andere zu entwurzeln? Und obendrein noch so zu tun, als hätte das andere Volk (die Palästinenser) nie existiert. (Golda Meir hatte ja behauptet, dass es gar kein palästinensisches Volk gebe.) Die Palästinenser weigerten sich verständlicherweise, die zionistische Logik ihrer Vertreibung zu verstehen und zu akzeptieren. Und die Juden, die in ihre „Heimat“ zurückgekehrt waren, mussten feststellen, dass ihnen das Land nie ganz gehören würde, solange Millionen Menschen als Vertriebene im eigenen Land oder im ausländischen Exil als Flüchtlinge leben müssen.

Die zugewanderten Juden mussten auch feststellen, dass die vertriebenen Palästinenser – ob sie im Land selbst oder im Exil leben – Teil des eigenen Befindens wurden, des eigenen Seins und Bewusstseins. Bartov resümiert: „Vertreibung ist eigentlich die Ursache von allem – die Vertreibung der Juden, die Vertreibung der Araber, sie beißen sich aneinander fest, denn letztlich, so scheint es, ist niemand heimgekehrt, niemand daheim, jeder Zentimeter Boden ist umkämpft, besetzt, besiedelt und verdeckt; und während Menschen von hier nach dort verschoben werden, während Gemeinschaften sich mit Mauer und Zäunen und Stacheldraht umgeben und ihre Nachbarn mit Mauern und Zäunen und Stacheldraht einschließen, ist Heimat nirgends zu finden, und allenthalben herrschen Unsicherheit, Zweifel und Angst.“

Bartov weist in diesem Zusammenhang auf den grundlegenden Widerspruch des Zionismus hin: Er betrachtet die Diaspora als abnormalen Zustand, mit der Staatsgründung wollte er die jüdische Existenz „normalisieren“. Um das aber zu erreichen, musste der Zionismus die palästinensische Existenz „entnormalisieren“ und machte die Leugnung der palästinensischen Indigenität zur Staatsräson. Die Folge dieser Politik ist, dass in der Gegenwart in Israel/Palästina überhaupt nichts mehr normal ist.

Die heutige Realität ist also: Zwei Identitäten klammern sich an das Land und leiten ihre Identität aus eben diesem Land ab. Was kann man zur Lösung dieses Jahrhundertdilemmas tun? Der zionistische Weg musste scheitern. Denn wenn man die andere Seite als illegitim, fremd, gewalttätig und verachtenswert verdammt, produziert man neue Katastrophen. Wirkliche Normalität kann nur erreicht werden, so Bartov, wenn beide Volksgruppen das Erinnerungsnarrativ der anderen anerkennen und akzeptieren.

Um Normalität zu erreichen, ist für Bartov ein Dekolonisierungsprozess erforderlich: „Dabei müssen jüdische Israelis nicht nur besetztes Land verlassen – oder als legale Einwohner eines palästinensischen Staates Aufnahme finden – , sondern auch von der tief in ihrer Psyche verankerten Besatzungsmentalität befreit werden. Für die Palästinenser bedeutet dieser Prozess Befreiung nicht nur von der Unterdrückung durch die Israelis, sondern auch von der durch Kolonisierung und Unterdrückung geprägten Mentalität.“ An andere Stelle führt Bartov seine Utopie näher aus: „Vielleicht ist der einzige Weg, der Vertreibung ein Ende zu setzen: Nicht abschieben, sondern hereinholen, die Grenze nicht demarkieren, sondern einreißen, anerkennen, dass dieses Land nur dann eine Heimat sein kann, wenn es endlich die Heimat aller seiner Völker ist.“

Das ist ein sehr humaner Entwurf, dem man nur zustimmen kann, aber nach Israels Völkermord in Gaza und dem Bekanntwerden der weiteren Absichten, die Israel mit dem Gebiet und seinen Menschen vorhat, ist ein solcher Blick in die Zukunft völlig irreal. Bartov hat sein Buch vor den Ereignissen in Gaza geschrieben, er holt dieses Manko in einem Vorwort für die deutsche Ausgabe nach, in dem der Genozid dort berücksichtig wird. Er registriert mit Schrecken das Ausmaß der Katastrophe dort, verurteilt zwar die Hamas, leitet ihren Widerstand aber aus Israels verhängnisvoller Politik ab: „Wenn man Millionen Menschen in einem schmalen, verarmten Landstreifen einsperrt, wie in Gaza, oder weitere Millionen unter einer brutalen und ausbeuterischen Okkupation leben lässt wie im Westjordanland, ist zwangsläufig damit zu rechnen, dass sie Widerstand leisten werden. Die Erfahrung vergangener Kolonialregime hat uns gelehrt, dass Unterdrückung und dehumanisierende Herrschaft gewalttätige und erbarmungslose Gegenwehr hervorbringen und legitimieren.“

Bartov muss seinen eigenen optimistischen Blick in die Zukunft also revidieren. Denn es ist klar, bei Israels gegenwärtiger Politik im Gazastreifen und im Westjordanland – Besatzung, Unterdrückung, Vertreibung, Apartheid, ja sogar Genozid – an Frieden mit den Arabern bzw. Palästinensern gar nicht zu denken ist. Aber er bleibt dabei: wirkliche Stärke bekundet sich überzeugend nur im Lossagen und in Versöhnen, nicht in Unterdrückung und Unterwerfung.

Bartovs Buch verfolgt den Ansatz, die Geschichte des Holocaust, Israels und der Palästinenser aus Selbstzeugnissen von Zeitzeugen und Betroffenen zu schreiben. Die dabei entstehende Geschichte von Generationen, die eine enge Bindung an das Land haben, soll dazu beitragen die Erinnerung der jeweils anderen Seite zu akzeptieren; zu lernen, sich gegenseitig zuzuhören. Das ist noch nicht die Politik, die zu einer Normalisierung und zum Frieden führt, aber der erste Schritt dazu. Für einen Historiker ist das ein guter Denkansatz, aber Bartov selbst wird sehr gut wissen, wie weit die Akteure im Nahen Osten politisch von einem solchen Aufeinanderzugehen entfernt sind. Israels destruktives Vorgehen in der ganzen Region und sein Völkermord im Gazastreifen machen gegenwärtig jeden Gedanken an Frieden für sehr lange Zeit zur Utopie. Aber solche Einwände mindern nicht den Wert von Bartovs sehr wertvollem Buch.

Omer Bartov: Genozid, Holocaust und Israel – Palästina, Jüdischer Verlag Berlin, ISBN 978-3-633-54335-9, 29,99 Euro

15.07.2025

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