Zwei prominente israelische Stimmen haben sich in Büchern zu den Folgen des 7. Oktober 2023 – den Überfall der Hamas auf Israel – zu Wort gemeldet: die israelische Soziologin Eva Illouz von der Universität Jerusalem und der Journalist Gideon Levy von der Tageszeitung Haaretz (Tel Aviv). Ihre Ausführungen könnten verschiedener nicht sein. Eva Illouz, einst eine Streiterin für ein aufgeklärtes, liberales Israel hat infolge des 7. Oktober eine weltanschauliche Wende um 180 Grad vollzogen und wurde zu einer Verfechterin eines radikalen zionistischen Nationalismus. Ja, sie setzt jetzt jede Kritik am Zionismus und seiner Politik mit Antisemitismus gleich.
Die Soziologin sieht den 7. Oktober als einmaliges ahistorisches schreckliches Ereignis, als ein Pogrom gegen Juden, das an schlimme Zeiten der eliminatorische Verfolgung ihre Ethnie erinnert. Ihre politische Wende erklärt sie so: Sie habe bisher geglaubt, einer moralischen Gemeinschaft des Mitgefühls und der Empathie anzugehören, der Abscheu vor Verbrechen gegen die Menschheit selbstverständlich sei. Sie habe sich geirrt, schreibt sie, ein beträchtlicher Teil der globalen Linken habe den 7. Oktober als Akt des „antikolonialen Widerstandes“ gefeiert. Diese Linke habe die schockierten und leidtragenden Juden im Stich gelassen, ignoriert, stigmatisert und einer vermeintlichen Urschuld, des israelischen Siedlerkolonialismus bezichtigt. „Wie konnte es so weit kommen?“, fragt sie.
Um ihre Anklage gegen die globale Linke vorzubringen, die sie gar nicht näher definiert, unternimmt sie einen weit ausholenden Ausflug in die Geisteswissenschaften, der hier aus Platzgründen gar nicht aufgeführt werden kann, und kommt zu dem Schluss, dass an die Stelle der Juden, die immer ein fantastisches Spielfeld für Projektionen waren, nun der Zionismus getreten sei, auf den man die Verbrechen des Rassismus, des Kolonialismus, der Klimaerwärmung und des Kapitalismus projiziere. Die Zionisten sind also die neuen Opfer.
Das Ergebnis, zu dem die Soziologin auf diesem Weg kommt, lautet: Antizionismus ist Antisemitismus. Sie begründet das so: „Der Antizionismus, die intellektuell respektable Version des Antisemitismus, verhilft somit zu kognitivem und identitärem Trost. Er vereinfacht das Reale, bekräftigt die Identität der Minderheitengruppen, die Opfer von Rassismus sind, und alimentiert das moralische Kapital der progressiven Linken, die diese unterstützt. Dieser Trost ist umso größer, als sich der Antizionismus als eine tugendhafte Ideologie ausgibt. Als die Aufklärung und ihre Tugenden akribisch dekonstruiert und verworfen worden waren, blieb der Antizionismus als einzige Tugend, um die sich diejenigen versammeln konnten, die alles dekonstruiert hatten. Am 8. Oktober schien die Moral dem Guten und der Gerechtigkeit sehr fernzustehen.“
Durch ihren fast metaphysisch abgeleiteten Antisemitismus-Begriff rückt Eva Illouz aber Israels so gut wie permanent gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte verstoßende Politik in den Bereich des antisemitischen Wahns. Die Vermutung liegt nahe, dass die Autorin hier ganz bewusst ein Ablenkungsmanöver unternimmt, um vor der Realität der israelischen
Politik auszuweichen. Wenn die Autorin der Linken (wer auch immer das ist) Mangel an Mitgefühl, Mitleid und Empathie in Bezug auf den 7. Oktober vorwirft, dann fragt man natürlich umgekehrt: Wie steht es im Zionismus mit empathischen Gefühlen? Sie mögen unter israelischen Juden weit verbreitet sein, aber den „Anderen“ (den Palästinensern) gegenüber gibt es sie nicht. Wenn es sie gäbe, dann gäbe es den Konflikt mit diesem Volk nicht.
Die israelischen Juden neigen dazu, sich immer als „Opfer“ zu fühlen. Der israelische Philosoph Moshe Zuckermann sieht diese Haltung inzwischen zu einer Ideologie verfestigt. Je brutaler die Schläge gegen die Palästinenser sind – einen deutlich schwächeren Gegner –- , desto größer sind das Selbstmitleid und das realitätsferne Klagen über das eigene Opfersein, schreibt er.
Nun sind Empathie und Mitleid hohe moralische Tugenden und Werte, aber nur wenn sie universell verstanden werden – eben alle Menschen miteinbeziehen. Die Sicht auf den „Anderen“ gibt es aber bei Eva Illouz nicht. Mit ihrer Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus stellt sie sich schützend vor Israels Untaten und macht so jeden kritischen und humanen Diskurs über einen Weg aus dieser Dauerkrise im Nahen Osten unmöglich. Ihr Buch ist kein Appell an mehr Menschlichkeit, als was sie es sicher selbst versteht, sondern ganz im Gegenteil eine Aufforderung, einer universell verstandenen Humanität eine Absage zu erteilen und sich ausschließlich hinter die israelischen Juden – die „ewigen Opfer“ – zu stellen. Das ist eine moralische und politische Sackgasse, die nicht einmal Israel hilft, aus seiner existentiellen Krise herauszukommen. Eva Illouz hat die die falschen Schlussfolgerungen aus dem 7. Oktober gezogen.
Ganz anders argumentiert der Israeli Gideon Levy. Der völlig ahistorischen Betrachtung von Eva Illouz setzt er die Frage nach den Ursachen entgegen: Wie konnte es überhaupt zu der Katastrophe des 7. Oktober kommen? Er schreibt: „Der Hauptgrund ist die israelische Arroganz, die Vorstellung, dass wir tun können, was wir wollen, dass wir nie den Preis zahlen müssen und für unsere Untaten bestraft werden. Wir tun das alles völlig ungestört. Wir verhaften, töten, unterdrücken, enteignen und wir schützen die Siedler bei ihren Pogromen. Wir schießen auf unbewaffnete Menschen, verletzen sie furchtbar, vertreiben sie, konfiszieren, rauben, verhaften Palästinenser nachts in ihren Betten, führen eine ethnische Säuberung durch und fahren mit der nicht zu fassenden Belagerung des Gazastreifens fort – und alles ist ok.“
Natürlich kritisiert Levy auch die Brutalität der Hamas bei ihrem Überfall auf Israel, aber er führt diesen Gewaltausbruch letztlich als Reaktion auf das brutale Vorgehen Israels gegen den Gazastreifen zurück. Die Unterdrückung habe schon 1948 begonnen, drei Viertel der Bewohner des Streifens seien von den Israelis Vertriebene. Seite 18 Jahren sind sie in ihrem Belagerungszustand von der Außenwelt völlig abgeschnitten und zu einem Elendsdasein verurteilt. Diese Menschen hätten beschlossen, am 7. Oktober 2023 den Preis für einen kurzen Augenblick der Freiheit zu zahlen. Levy benutzt eine klare und unmissverständliche Sprache, wenn er den von Israel geschaffenen Zustand im Gazastreifen beschreibt: „größtes Gefängnis der Welt“, „ein Käfig, in dem die Palästinenser wie Tiere gehalten werden“, ein „Ghetto“, „ein großes Konzentrationslager“, eine „Hölle“ – „Gaza- vor dem 7. Oktober ist
einer der schrecklichsten Orte der Welt, und er ist nach diesem Tag noch schrecklicher geworden.“
Levy rechtfertigt sogar die Gewalt, wenn die Hamas oder andere Gruppen ihre Qassam-Raketen auf Israel geschossen haben, weil nur Gewalt dafür sorgt, dass Israel und die Welt die Palästinenser in ihrem Gefängnis überhaupt noch wahrnehmen würden. Ohne diese Raketen gäbe es die Menschen in Gaza gar nicht, man würde die Eingeschlossenen nicht mehr wahrnehmen – eben vergessen.
Der Genozid im Gazastreifen als Antwort auf den 7. Oktober hat Israel – so Levy – zu einem Monster- und Paria-Staat gemacht, an dieser Schuld werde dieser Staat noch lange zu tragen haben. Und was Eva Illouz der globalen Linken vorwirft – den völligen Mangel an Mitleid und Empathie – wirft Levy seinem Staat und seinen Landsleuten vor. Denn die im Gazastreifen begangenen Kriegsverbrechen hätten in Israel keinerlei Anteilnahme oder Gefühle ausgelöst. Das Schicksal der Menschen in Gaza sei den meisten Israelis völlig egal. Dieser Trend sei von den israelischen Medien unterstützt worden, die über das Töten und Morden in Gaza mit keinem Wort berichtet hätten, im Mittelpunkt ihrer Berichte standen die „Heldentaten“ israelischer Soldaten dort. Der einzige Sender, der wirklich objektiv über das Geschehen in Gaza berichtet hätte, sei die arabische Station Al Jazeera gewesen, dessen Berichte aber von Israel für sein Sendegebiet sofort abgeschaltet worden seien.
Levys Text ist eine vorbehaltlose Beschreibung der Realität in Israel/ Palästina – aus deutscher offizieller Sicht sicher sehr ungewohnt und provozierend, denn in dieser Sicht ist Israel der liberale demokratische Rechtsstaat, der sich an das Völkerrecht und die Menschenrechte hält und nur sein Recht auf Selbstverteidigung wahrnimmt. Gideon Levy hat sein ganzes Leben in Israel verbracht und weiß es sicher besser. Er wünscht sich ein ganz anderes Israel, aber die zionistische Realität steht dem entgegen.
So kann er auch für die Zukunft keine Hoffnung machen: „Manchmal ist es schwer zu verstehen, wie ein Staat immer wieder dieselbe idiotische und verfehlte Politik betreiben kann, auch wenn die Regierungen wechseln, wie er nichts dazu lernt und auch nichts vergisst. Gab es in Gaza einen einzigen Krieg, der irgendjemanden irgendeinen Nutzen gebracht hat – außer den für den Krieg Verantwortlichen? Hat ein Bombenangriff oder ein gezieltes Töten auch nur ein einziges Problem gelöst?“ Levys Antworten auf diese Fragen verstehen sich von selbst.
Eva Illouz: Der 8. Oktober, Suhrkamp Verlag Berlin 2025, ISBN 978-3- 518-47530-0, 12 Euro / Gideon Levy: The Killing of Gaza. Reports on an Catastrophe, London–New York 2024, Versobooks.com, ISBN 978-1-80429-750-6, 24,95 Dollar