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Die fatale deutsche Unterscheidung zwischen „richtigen“ und „falschen“ Juden

Warum die jüdische Psychoanalytikerin Iris Heftes in der Bremer Universität nicht sprechen durfte

Juli 8, 2025

Die jüdische Psychoanalytikerin Iris Hefets, die aus Israel stammt und seit einigen Jahren in Berlin lebt, sollte am vergangenen Samstag in der Bremer Universität einen Vortrag zum Thema Schweigen und Schuld – psychologische Mechanismen im Umgang mit dem Genozid in Gaza halten. Es kam nicht dazu. Die Leitung der Uni witterte Staatsgefährdung und untersagte die Veranstaltung in ihren Räumen.

Die Rektorin der Universität Jutta Günther begründete die Entscheidung damit, dass der Bundesverfassungsschutz die Organisation Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, deren zweite Vorsitzende Iris Hefets ist, als „gesichert extremistisch“ eingeschätzt habe. Weiter argumentierte die Universitätsleitung, dass die konkrete Gefahr bestehe, dass Inhalte der Veranstaltung gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes verstießen. Die Universität berief sich auch darauf, dass die in dieser Institution angebotenen Bildungsangebote ausgewogen und pluralistisch sein müssten.

Das letzte Argument spricht ja eigentlich dafür, dass für eine solche Veranstaltung eine Universität gerade der richtige Ort ist. Denn wo sonst kann ein weltoffener wissenschaftlicher Diskurs über wichtige Fragen der Gegenwart besser ausgetragen werden? Aber in vorauseilendem Gehorsam sehen beamtete Wissenschaftler das ganz anders und erweisen damit der im Grundgesetzt garantierten Informations- und Meinungsfreiheit einen riesigen Bärendienst. Veranstaltungsverbote, wenn es um kritische Auseinandersetzungen mit der israelischen Politik geht, sind im angeblich so liberalen Rechtsstaat Deutschland, der sich mit Stolz zur westlichen Wertegemeinschaft zählt, Routine geworden. Statistiker haben recherchiert, dass schon über 700 solche Veranstaltungen inzwischen der Zensur zum Opfer gefallen sind. Der deutsch-jüdische Publizist Micha Brumlik hat für diese Auswüchse einer neuen Intoleranz den Begriff „Neuer McCartyismus“ eingeführt – nach dem US-Politiker John McCarthy, der in den 1950er Jahren in den USA Kommunisten und Homosexuelle politisch verfolgt hat.

Es fehlte auch nicht an empörten Reaktionen auf den Verbotsschritt der Universität. So sah die emeritierte Professorin für (Afro-) Amerikanistik Sabine Broeck in dem Raum-Verbot eine klare Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit. Sie schrieb in einem Brief an das Rektorat: Die Uni-Leitung habe sich „vorauseilend loyal zu einem deutschen Staatsorgan verhalten, das einer jüdischen Intellektuellen und der Organisation, für die sie sich engagiert, den öffentlichen Raum für eine Diskussion ihrer Arbeit entzieht und diese kriminalisiert.“ Das sei „geradezu moralisch degoutant“ und auch direkt „antisemitisch“. Der Eifer des selbsternannten Anti-Antisemitismus deutscher Staatsorgane und Institutionen selbst führe „wiederum zu antisemitischen Handlungen“, so Broeck.

Der Vortrag fand dann aber doch noch statt – im Saal einer Kirchengemeinde. Der Pastor dieser Gemeinde hatte keine Skrupel, Iris Hefets sprechen zu lassen, obwohl sein Arbeitgeber (die evangelische Kirche) auch nicht gerade als aufgeschlossen für kritische Analysen der israelischen Politik gilt. Vielleicht wurde deshalb die Tatsache des Stattfindens des Vortrages und die Uhrzeit bis zuletzt wie ein Staatsgeheimnis gehütet und der Termin nur Insidern zugänglich gemacht.

Was Iris Hefets vortrug, hat natürlich Sprengkraft in einem Land, dessen Regierung den Genozid in Gaza ganz offiziell als legitimen israelischen „Verteidigungskrieg“ ansieht und sogar für das Morden Waffen dorthin liefert. Sie leitet die deutsche Loyalität zu Israel (Staatsräson) aus dem deutschen Schuldgefühl wegen des Holocaust ab. Deutschland sei eine so totale Identifizierung mit Israel eingegangen, um Sühne für die NS-Verbrechen zu erlangen. Nur so könne man die deutsche Akzeptanz und Duldung dessen verstehen, was in Gaza geschieht. (Der Vortrag kann im Internet abgerufen werden.)

Interessant und aufschlussreich ist aber, was sich aus den Ausführungen von Iris Hefets und dem Saalverbot der Universität automatisch ergibt: Die deutsche Symbiose mit dem zionistischen Staat ist so eng und total, dass für die deutsche Politik nur zionistische Juden die „richtigen“ und „guten“ Juden sind, also diejenigen, die Israels rechtsradikaler Regierung Beifall für ihre Gewaltpolitik (Besatzung, Landraub, Apartheid und Genozid in Gaza) zollen. Universalistisch denkende Juden, die Israels Politik unter Berufung auf die Menschenrechte und das Völkerrecht ablehnen, sind in Deutschland die „falschen“ und „bösen“ Juden. Ihnen wird hierzulande sogar das Etikett „Antisemiten“ angeheftet. Ein ungeheurer Vorwurf, wenn Deutsche Juden als „Antisemiten“ diffamieren.

Wissen diese Leute da eigentlich, was sie reden? Nach dem Urteil von sechs israelischen Hololocaust-Historikern (Omer Bartov, Amos Goldberg, Ahmuel Lederman, Lee Mordechai, Raz Segal und Barry Trachtenberg) und sehr vieler anderer israelischer und jüdischer Intellektueller hat Israel in Gaza einen Völkermord begangen und begeht ihn weiterhin. Sind das alles „Antisemiten“? Dieser totale Widerspruch belegt, in welche ausweglose Aporie und in welchen moralischen Abgrund, die totale Symbiose mit Israel die deutsche Politik manövriert hat. Anstatt Sühne für die NS-Verbrechen zu erlangen, wurde die deutsche Politik zum Mittäter an einem neuen Völkermord.

Der israelische Sozialwissenschaftler und Historiker Moshe Zuckermann hat dieses Phänomen der deutschen Identifizierung mit dem Zionismus schon vor Jahren analysiert. Er fragt: „Sollte sich etwa die abstrakte Solidarität mit einem völkerrechtlich verkommenen und verbrecherischen Israel als eine psycho-ideologisch motivierte Entlastung der historischen Schuld erweisen?“ Er stellt dann fest: „Denn allein schon die Vorstellung, dass Deutsche sich anmaßen, Juden und erst recht jüdische Israelis wegen ihrer Israelkritik des Antisemitismus zu bezichtigen, ist als nichts anderes zu begreifen als ein zur Perversion verkommenes deutschen Befindlichkeitsproblem.“

Zuckermann fährt dann fort, dass viele Deutsche mit „Hitlers verlängertem Arm“ offenbar noch lange nicht durch seien. Er entdeckt bei ihnen ein „Residuum eines latenten antisemitischen Ressentiments, das sich – im heutigen Deutschland tabuisiert – neue Wege und Bahnen der legitimen Manifestation suche. Er schlussfolgert dann: „Nur Antisemiten können Juden als Antisemiten besudeln, um sich selbst vor der erbärmlichen Unwirtlichkeit ihres deutschen, allzu deutschen Antideutschseins zu erlösen.“

Diese Feststellungen Zuckermanns werfen ein ganz neues und anderes Licht auf Leute, die Veranstaltungen von kritischen Juden bzw. Israelis verbieten.

(Die Zitate von Moshe Zuckermann stammen aus seinem Buch Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit, Westend Verlag 2018, S. 195f.)

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