Man fragt sich nach der Lektüre des neuen Artikels von Eva Illouz (Süddeutsche Zeitung 20/.21.12.2025), was diese israelische Soziologin bewogen hat, eine solche politisch-ideologische Wende zu vollziehen. Nun jede Kritik am Zionismus als „Antisemitismus“ anzuprangern, steht in völligem Gegensatz zu Äußerungen in ihrem, Buch Israel (Berlin 2015). Da outet sie sich zwar als überzeugte Zionistin, sieht aber in einer Politik, die auf den Maximen der Aufklärung, dem Völkerrecht und den Menschenrechten beruht, die einzige Chance für Israels Überleben.
Gleich auf Seite 9 dieses Buches schreibt sie: „Wenn die israelische Politik tagtäglich das Völkerrecht und die Menschenrechte missachtet, dann kann die ontologische Unsicherheit, die Juden rund um den Erdball verspüren, nicht länger als moralische Rechtfertigung für die systematische Blindheit gegenüber der massiven Erosion der Demokratie in Israel und gegenüber der moralisch wie politisch unverantwortlichen Unterdrückung entrechteter Palästinenser dienen.“
Eine Seite später legt sie ein klares Bekenntnis zu den Menschenrechten ab: „Zweifellos ist die Furcht der organisierten jüdischen Gemeinden vor dem Antisemitismus berechtigt, doch darf diese Furcht nicht deren offizielle Politik sein und als Rechtfertigung für den systematischen Angriff auf diejenigen benutzt werden, die sich um die Rechtsstaatlichkeit, die Menschenrechte und die Moralität des Staates sorgen. Wenn jemand, dem die Menschenrechte wichtig sind, damit zum Verräter an Israel und den Juden wird, (wie es dieser Tage in Israel und den weltweiten jüdischen Gemeinden so häufig zu hören ist), würde dies den moralischen Bankrott des organisierten Judentums und Israels bedeuten. Die Menschenrechte sind der Mindeststandard, an dem jede Innenpolitik und jede internationale Politik gemessen werden muss – ohne Wenn und Aber.“
Und weiter: „Die Tatsache, dass viele Israelis und Nicht-Israelis, die die Menschenrechte in Israel verteidigen, regelmäßig verleumdet und geächtet werden, spricht dafür, dass sich sowohl die jüdischen Diasporagemeinschaften als auch Israel von internationalen Moralnormen abwenden, gerade weil diese Normen an und für sich universalistisch sind.“ Was man ja nur so verstehen kann, dass Israel ein Staat ist, in dem die Menschenrechte nicht gelten und dass deswegen Kritik an ihm unbedingte Pflicht ist.
An anderer Stelle verwahrt sie sich ausdrücklich dagegen, jede Kritik an Israels Politik als „Antisemitismus“ zu bezeichnen: „Schließlich handeln viele Juden unverantwortlich, wenn sie jeden Kritiker als Antisemiten bezeichnen. Sie schmälern damit die Wirksamkeit des Kampfes gegen den echten Antisemitismus und lassen ihn geradezu idiotisch erscheinen, als ob die Beleidigung als ‚Antisemit‘ ein billiger Trick wäre, um die universalistischen Kritiker Israels zum Schweigen zu bringen. Es gibt doch wohl einen Unterschied zwischen einer moralischen Kritik und Rassenhass? Zwischen dem Willen, eine Gruppe zu unterdrücken, und dem Verlangen nach Gerechtigkeit für alle?“ (S. 116)
Und an anderer Stelle heißt es: „Kritik zu verbieten, selbst unberechtigte Kritik, kann keine Reaktion sein. Im Gegenteil: Es bestätigt nur, was die Kritiker behaupten, nämlich dass sich Israel und diejenigen, die Israel unterstützen, zunehmend auf undemokratische Mittel verlassen. Demokratie heißt, berechtigte und unberechtigte Kritik zuzulassen, sich ihr zu stellen.“ (S.211)
In äußerst scharfer Weise kritisiert sie auch die Politik des israelischen Regierungschefs Netanjahu und seiner Likud-Partei. Seine Außenpolitik sei „kriegslüstern“. (S. 205) Denn „sie sehnten einen großen Krieg herbei, der ein für allemal entscheiden wird, wer in der Region die militärische Vormachtstellung innehat, weil sie sich einen ewigen Kriegszustand wünschen, den die USA und die säkularen Israelis finanzieren.“ (S.206)
Sie fährt dann fort: „Der neue Likud folgt der Logik von Chaos und Gewalt, wie man sie nur allzu gut aus der Geschichte der europäischen Parteien der extremen Rechten kennt. Er hofft, mit dem Schüren von Gewalt entweder Einschüchterung und Schweigen oder Gegengewalt heraufzubeschwören, die dann ihrerseits seine eigene Gewalt legitimiert und verstärkt.“ Sie ergänzt diese Sätze durch die Feststellung, dass Netanjahu und der Likud eine „Politik des Todes“ betrieben, gegen die die Israelis Widerstand leisten müssten.“ (S.207)
Diese Prophezeiungen aus dem Jahr 2015 haben sich in schrecklicher Weise erfüllt: durch den Völkermord in Gaza und den Krieg gegen die Nachbarstaaten Libanon, Syrien und den Iran. Eva Illouz müsste eigentlich konsequent auf der Seite der Kritiker stehen, die sie früher verteidigt hat und die sie nun als „Antisemiten“ diffamiert. Die Frage muss also wiederholt werden: Was bewegt diese Soziologin plötzlich zu ihrer 180-Grad-Wende?
Man könnte nun vermuten, dass sie sich angesichts der zerstörerischen israelischen Politik um die Zukunft Israels sorgt, denn sie betont immer wieder, dass es diesen Staat geben müsse, weil nur er den Juden Sicherheit und Würde gebe. Aber Israels Zukunft ist düster und ungewiss, weil dieser Staat ständig selbst die Bedrohungen schafft, gegen die er sich dann wehren muss. Vielleicht meint sie, dass nur das feste und geschlossene Zusammenstehen hinter der zionistischen Ideologie ihn retten kann. Und dann sind natürlich alle Kritiker von außen Feinde.
Der amerikanisch-jüdische Politologe Norman G. Finkelstein hat schon vor 20 Jahren in seinem Buch Antisemitismus als politische Waffe ein Argument vorgebracht, dass auch auf Eva Illouz zutrifft. Er schrieb damals: „Die Warnungen vor einem neuen Antisemitismus sind weder neu noch haben sie etwas mit Antisemitismus zu tun. Jedes Mal, wenn Israel durch internationalen Druck dazu gebracht werden soll, seine Besatzungspolitik zu beenden, inszenieren diejenigen, die Israel blind gegen jede Kritik verteidigt sehen wollen, eine weitere, bis ins kleinste Detail durchkomponierte Oper, die den Zuschauern medienwirksam die erschrecklichen Ausmaße des weltweiten Antisemitismus vor Augen führen soll. Diese schamlose Ausnutzung von Antisemitismus soll erstens der Kritik an Israel die Berechtigung entziehen und zweitens die Juden (und nicht die Palästinenser) als Opfer darstellen.“ (S. 45f.)
Inzwischen muss Israel aber nicht nur Vorwürfe gegen seine Besatzung abwehren, sondern auch den Vorwurf eines Völkermordes in Gaza. Selbst höchst renommierte israelische Holocaustforscher erheben den Vorwurf des Genozids. Da muss gegengehalten werden, der Zionismus verteidigt und seine Kritiker dämonisiert werden. Bedauerlich, dass Eva Illouz umgefallen ist, einer unmenschlichen Ideologie huldigt und damit ihren einstigen guten Ruf zerstört.
27.12.2025