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Offener Brief an Hape Kerkeling

April 13, 2026

Lieber Hape Kerkeling,    

ich war immer ein großer Fan von Ihnen als Person und Ihrer Kunst. Ihr sprühender Witz, Ihr spontaner Einfallsreichtum und Ihre Fähigkeit, in die Masken anderer Menschen zu schlüpfen, waren großartig, einmalig und unerreicht in Deutschland. Aber in letzter Zeit sind mir Zweifel gekommen. Sie sind älter und gesetzter geworden, was kein Vorwurf ist, sondern unser aller menschliches Los. Aber das Alter hat Ihrem Witz die scharfen und treffenden Pointen genommen. Über Ihren Chefredakteur Horst Schlemmer vom Grevenbroicher Tageblatt konnte ich früher herzhaft lachen. Was für eine großartige Persiflage! Über die Neuauflage der Figur reicht es nur noch zu einem mitleidigen Schmunzeln.

Aber ich verstehe: Auch Horst Schlemmer musste dem Alter seinen Tribut zahlen. Seine Auftritte in dem zurzeit laufenden Kinofilm finde ich nur noch schal und langweilig. Das ist nicht mehr der Horst Schlemmer von einst, der rücksichtslos-anmachend und polternd-grunzend, aber immer mit hintergründigem Grinsen durch die Gesellschaft rumorte und dabei ein Spießertum entlarvte, das in Deutschland eine lange Tradition hat. Der jetzige Auftritt von Horst Schlemmer ist nur noch ein Aufguss eines längst abgestandenen Kaffeesatzes.

Aber nicht um Ihre neue Version von Horst Schlemmer zu kritisieren, habe ich diese Zeilen geschrieben. Sie sind neuerdings auch in die Politik gegangen und nehmen bei verschiedenen Anlässen politisch Stellung. Das ist an sich zu begrüßen und ein Beleg für das in unserer Gesellschaft oft so fehlende, aber so nötige politische Engagement und Bekenntnis. Aber verwundert war ich über manche Ihrer Reden – etwa die Laudatio auf die FDP-Politikerin Agnes-Marie Strack-Zimmermann, die Sie anlässlich der Verleihung der Josef Neuberger-Medaille an sie in der Düsseldorfer Synagoge gehalten haben.

Sie preisen diese Politikerin für Ihr Engagement für Menschlichkeit und Toleranz – eine Frau, die für ihre radikale Russophopie bekannt ist, die unermüdlich für mehr Kriegsbereitschaft und Aufrüstung plädiert, also eine Gegnerin jeder wirklichen Bereitschaft zum Frieden ist. Denn Frieden, wenn er denn wirklich ernst gemeint ist, setzt auf beiden gegnerischen Seiten die Bereitschaft zur Entspannung voraus, das heißt die Anerkennung des Sicherheitsbedürfnisses der anderen Seite. Waffen, für deren Akkumulation Agnes-Marie Zimmermann sich einsetzt, können, wenn es gut geht, ein Gleichgewicht des Schreckens herstellen, wie wir es im Kalten Krieg hatten. Aber mit Frieden hat das nichts zu tun. Die Gefahr, dass Hochrüstung irgendwann zum Ausbruch schrecklicher Gewalt führt – angesichts des erreichten „Fortschritts“ der Waffentechnik vielleicht zum letzten Krieg auf diesem Planeten – , liegt auf der Hand. Und ist Agnes-Marie Strack-Zimmermann nicht sogar mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall lobbymäßig eng verbunden?

Sie haben in Ihrer Rede in der Düsseldorfer Synagoge diese FDP-Politikerin vor allem für ihren Einsatz im Kampf gegen den Antisemitismus gelobt: „Antisemitismus ist keine Meinung, sondern ein Angriff auf die Menschlichkeit“, sagten Sie. Diesem Satz muss man natürlich ohne Wenn und Aber zustimmen, auch wenn er sehr allgemein gehalten ist. In Ihrer Rede bei der Gedenkfeier für die Opfer des NS-Konzentrationslagers Buchenwald am 12. April 2026 haben Sie diesen Satz in ähnlicher Weise wiederholt. Und Sie haben dort auch ausdrücklich betont, dass man die Erinnerung an die Untaten der Nazis aufrechterhalten müsse.

Sie sagten: „Immer lauter und dreister werden die Stimmen, die nach einem Ende der Erinnerungskultur rufen! Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie. Artikel eins des Grundgesetztes sagt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das ist eine in Stein gemeißelte Antwort auf Buchenwald. Wer diese wertvolle Erinnerung ausblenden will, wer diese Zeit zu einem ‚Vogelschiss‘ herabwürdigen will, der greift unser Fundament an.“ Dem kann man nur vorbehaltlos zustimmen, darüber kann es keine Diskussion geben, so selbstverständlich ist das.

Sie haben auch in Buchenwald wieder zum permanenten Kampf gegen Antisemitismus aufgerufen. Auch dieser Kampf ist ganz selbstverständlich. Aber muss man in diesem Zusammenhang dann nicht auch sagen, was man unter Antisemitismus versteht? Denn dieser Begriff ist sehr vielschichtig und wird auch in infamer Weise missbraucht. Früher war Antisemitismus ganz eindeutig definiert: „Antisemitismus ist jede Voreingenommenheit gegen und jeder Hass auf Juden, weil sie Juden sind.“ Was dann auch rassisch verstanden wurde und zu dem geführt hat, wofür Auschwitz, Buchenwald und andere Schreckensorte stehen.

Aber der Inhalt des Antisemitismus-Begriffs hat in den letzten Jahren eine fatale Wendung genommen. Natürlich gibt es den „alten“ Antisemitismus noch – zumeist in rechtsextremen und Neo-Nazikreisen. Aber es gibt auch einen neuen Antisemitismus-Vorwurf, der erdacht worden ist, um die Politik eines Staates zu schützen, dem weder Völkerrecht noch Menschenrechte etwas gelten. Dieser Staat hat gerade einen Völkermord in Gaza begangen. 70 000 Menschen sind nach offiziellen Angaben ermordet worden, ganz überwiegend Zivilisten, darunter allein über 20 000 Kinder. Die Max-Planck-Gesellschaft spricht in einer Untersuchung sogar von über 100 000 Toten – die unter den Trümmern verschütteten noch gar nicht mitgezählt. Dass dieser Völkermord noch nicht beendet ist, sondern durch täglich neue Angriffe auf die Menschen in Gaza sowie die Nicht-Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten und allem sonstigen zum Leben Notwendigen weitergeht, darf nicht unterschlagen werden.

Diese schrecklichen Untaten, die so gut wie alle renommierten jüdischen bzw. israelischen Holocaust-Historiker einen „Genozid“ nennen, hat ein Staat begangen, der sich „jüdisch“ nennt. Eine schreckliche Ironie der Geschichte! Wenn Sie in Ihren Reden mit Recht das „Nie wieder!“ beschwören – in Gaza hat sich das „Wieder!“ in furchtbarer Weise ereignet. Und Sie sagen kein Wort darüber, schweigen zu diesem Massenmord. Sind Palästinenser keine Menschen, deren „Würde unantastbar“ ist?

Der amerikanische Präsident hat gerade zusammen mit Israel versucht, ein Volk „in die Steinzeit zurückzubomben“. Der Versuch ist noch nicht zu Ende. Ja, Trump ist bereit, die „iranische Zivilisation zu vernichten.“ Er ist also bereit, einen Genozid an den Iranern – einem Volk von fast 100 Millionen Menschen – zu begehen, und bekennt das auch in aller Öffentlichkeit. Warum schweigt die deutsche Öffentlichkeit zu solch ungeheuren Aussagen von Trump und Taten wie in Gaza? Wo bleibt der Aufschrei der Empörung, ja des Entsetzens? Warum haben Sie in Buchenwald nicht zu Gaza und Trump Stellung bezogen? Solange Sie diese ruchlosen Aussagen und Taten nicht beim Namen nennen und offen aussprechen, finde ich Ihre Reden unglaubhaft und nicht überzeugend. Menschlichkeit ist nicht teilbar!

In Buchenwald wollten bei der Gedenkfeier Aktivisten an Gaza erinnern. Es wäre der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt gewesen. Aber es wurde ihnen verboten. In Ihrer Rede haben Sie vor dem „Wegsehen“ gewarnt. In Deutschland an die Verbrechen der Nazis zu erinnern, ist selbstverständlich und bedarf keiner Zivilcourage. Aber bei Gaza und Trump ist Wegsehen angesagt, das ist offenbar Staatsräson. Sie haben in Buchenwald viel Gutes und Richtiges gesagt, aber auch Sie haben „weggesehen“. Leider.

Mit freundlichen Grüßen

Arn Strohmeyer

(Journalist und Schriftsteller, wohnhaft in Bremen)

13.04.2026

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