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Braucht Deutschland eine Erinnerungsstätte Yad Vashem?

Die Gefahr, dass hier propagandistisch Israels Gewaltpolitik gegen die Palästinenser gerechtfertigt wird, ist berechtigt

September 3, 2026

An einem Aprilabend im Jahr 1976 saß der israelische Psychologie-Professor Benjamin Beit-Hallahmi im Wohnzimmer seines Hauses in Haifa und schaute sich die Abendnachrichten im Fernsehen an. Er wollte erst gar nicht glauben, was er da sah. In der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem legte der Premierminister der Republik Südafrika Balthasar Johannes (John) Vorster einen Kranz nieder. Der Besuch dort gehört zum Begrüßungsritual für Staatsgäste in Israel, wäre also an sich nichts Außergewöhnliches gewesen. Der Zweck des Rituals besteht darin, das besondere Verhältnis des Staates Israel zum Holocaust zu demonstrieren, das Land als die Zufluchtsstätte der Überlebenden und als positive Alternative zur Unsicherheit des jüdischen Daseins in der Diaspora zu präsentieren. Ein zweites Ziel, das man damit verfolgt, ist es, dem Besucher angemessene Schuldgefühle einzugeben. Der Besuch Vorsters unterschied sich aber von allen bisherigen Staatsvisiten: Hier durfte nicht nur ein offizieller Vertreter des Apartheidstaates Südafrika, sondern ein aktenkundiger Nazi-Kollaborateur ganz offiziell die Gedenkstätte für die Opfer des Nazismus besuchen.

Beit-Hallahmi schreibt dem Ereignis eine „surreale Qualität“ zu und fährt fort: „Ich begann nachzudenken und konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses bizarre Ereignis eine ganze Menge über Israel aussagte. Es war nicht nur die Taktlosigkeit, die mich störte. Ich hatte das unheimliche Gefühl, Zeuge einer Inszenierung zu sein, durch die das Unerhörte in Normalität verwandelt wurde. Das Schauspiel war in der Tat unerhört, aber es hatte etwas beeindruckend Wahres. Und dann begriff ich: Vorster in der Holocaust-Gedenkstätte! Was für eine Selbstdarstellung Israels! Vielleicht zeigte unser Land hier sein wahres Gesicht, präsentiert zu unser aller Aufklärung von einem mit seltenem komischem Talent begabten Regisseur. Hier war ein alter Nazi-Sympathisant, und er bewies mehr Taktgefühl als seine israelischen Gastgeber, gab sie aber zugleich der Lächerlichkeit und der Kritik preis. Auch wenn die mannigfaltigen Bedeutungsnuancen dieses szenischen Kunstwerks den meisten Zuschauern verborgen geblieben sein mögen, so hätte doch keinem echten Filmregisseur, der nach einer exemplarischen israelischen Einstellung gesucht hätte, etwas Besseres einfallen können.“

Was Beit-Hallahmi hier 1976 ahnungsvoll äußerte, ist inzwischen politische Realität geworden. Israel hat einen politischen Schwenk nach Rechtsaußen vollzogen. Eine extrem rechte Regierung, in der ultranationalistische, national-religiöse und faschistische Kräfte den Ton angeben, übt in Israel die Macht aus. Die warnenden Stimmen werden immer lauter: Israel ist auf dem Weg in den Faschismus. Und das rechtsextreme und sogar rassistisch und antisemitisch eingestellte Staatsmänner wie der frühere ungarische Präsident Victor Orbán, der Brasilianer Jair Bolsonaro und der philippinische Präsident Rodrigo Duterte in Yad Vashem einen Kranz niederlegen, gehört heute zur politischen Normalität im zionistischen Staat.

Meron Mendelsteht mit seiner Kritik ziemlich allein da

In München und Leipzig soll es nun Ableger der Gedenkstätte Yad Vashem geben, berichteten die deutschen Medien im Mai 2026. Eigentlich eine gute Idee könnte man meinen, wenn dort aufklärerisch und wahrhaft informiert würde. Die deutschen Verteidiger des Projekts betonen aber vor allem die Solidarität mit Israel: Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten, seine Werte seien auch unsere Werte, die bedingungslose Solidarität mit dem zionistischen Staat sei deutsche Staatsräson. Die Deutschen seien die Haupttäter des Holocaust gewesen – warum also kein Yad Vashem-Ableger in München und Leipzig?

Deutsche Politiker sprachen sogar von einer „großen Ehre“, dass Yad Vashem nun auch in Deutschland vertreten sein soll. Die Begründungen glichen sich wie ein Ei dem anderen: Nie wieder! ist nicht nur ein Satz, sondern jeden Tag aufs Neue ein Auftrag zum Handeln. Wir stehen zu unserer geschichtlichen Verantwortung: die Gräuel des Nationalsozialismus dürfen sich niemals wiederholen. Um dies anzumahnen, braucht es Gedenk- und Bildungsstäten wie Yad Vashem.

Dass es Stimmen des Widerspruchs geben würde, war wenig wahrscheinlich. So stand die Stellungnahme von Meron Mendel, dem deutsch-israelischen Pädagogen und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, ziemlich allein im deutschen Diskurs über Yad Vashem. Mendel stellte in dem Artikel die falsche deutsche Vorstellung richtig, Yad Vashem sein eine neutrale, unabhängige Einrichtung. Laut israelischem Gesetz sei die Gedenkstätte direkt der Regierung unterstellt und habe den Auftrag, das offizielle israelische Geschichtsnarrativ zu vermitteln. Mendel sieht es deshalb nicht als Zufall an, dass ein zionistischer Hardliner, der Jahre lang Cheflobbyist der Siedlerbewegung war, Dani Dayan, der gegenwärtige Vorsitzende von Yad Vashem sei.

Mendel erinnert dann daran, welche geschichtsrevisionistischen Thesen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vertrete – etwa die von ihm erfundene Behauptung, der Mufti von Jerusalem Amin Al-Husseini habe Hitler auf die Idee genbracht, den Holocaust durchzuführen. Mendel schreibt dann wörtlich: „Die Befürchtung, dass eine israelische Regierung die Yad-Vashem-Außenstellen in München und Leipzig dafür nutzen wird, solche Thesen in Deutschland zu verbreiten, ist daher nicht unbegründet. Die Regierung in Jerusalem bewies in der Vergangenheit immer wieder, dass sie keine Hemmungen hat, sich in die deutsche Erinnerungskultur einzumischen, um ihre Interessen durchzusetzen. Schon 2018 drängte Netanjahu die Bunderegierung zur Kürzung der Fördermittel für das Jüdische Museum in Berlin und andere aus seiner Sicht seiner Regierung missliebige Einrichtungen.“

Die israelische Regierung habe natürlich ein Interesse daran, jede Form von Kritik – etwa die Kriegsführung in Gaza oder den Siedlungsbau – als „antisemitisch“ zu brandmarken, das sei kein Geheimnis. Dabei werde auch der Holocaust immer wieder instrumentalisiert. Deutschland müsse also darauf achten, so Mendel, dass diese neuen Außenstellen von Yad Vashem nicht politisch instrumentalisiert würden. Das könne man erreichen, wenn man ihren Auftrag inhaltlich klar begrenze.

Kritik auch in Israel und den USA

In Israel bzw. den USA gibt es seit Jahren eine intensive und äußerst scharfe Kritik an Yad Vashem. Schon im Jahr 2001 meldete sich der amerikanisch-jüdische Historiker Peter Novick zu Wort und kritisierte den Zwang, dass ausländische Besucher Israels zuerst dieser Gedenkstätte einen Besuch abstatten müssten, als einen „etwas plumpen Gebrauch des nationalsozialistischen Blutbads zu dem Zweck, Hilfe für Israel zu bekommen.“ Außerdem wies Novick das Argument zurück, die Erinnerungen der Überlebenden, die in Yad Vashem gesammelt würden, seien eine unverzichtbare Quelle, die für die Nachwelt erhalten werden müsse. Selbst der damalige Direktor der Gedenkstätte hätte eingestanden: Viele Überlebende seien nie an den Orten gewesen, an denen sie angeblich Gräueltaten erlebt hätten, und viele ihrer Aussagen hätten sie aus zweiter Hand bezogen.

Der israelische Politiker Abraham Burg, ehemaliger Sprecher der Knesset, machte sich über die Pflichtbesuche ausländischer Staatsgäste geradezu lustig: „Ernst Miene, ein Blumenstrauß in der Hand, gesenkter Kopf. Ein Kantor singt das Gebet für die Verstorbenen ‚Gott voller Gnade‘. Drei Schritte rückwärts, dann steigen sie alle in ihre Limousinen und kommen zum Eigentlichen, zu Politik und Diplomatie.“

Burg bezeichnet Yad Vashem als „das größte Monument nationaler Ohnmacht, ein Denkmal der moralischen Taub- und Dumpfheit gegenüber Anderen [den Nicht-Juden, A. Str.], die seit Jahrzehnten in unserer kollektiven Seele herrscht. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ist der Pfahl, an den wir unsere Gäste stellen, um ihnen unsere exklusiven Shoa-Werte einzutrichtern.“ Er schlägt vor, dass auf dem Gelände von Yad Vashem der Internationale Strafgerichtshof für Verbrechen gegen die Menschheit (IStGH) errichtet werden soll – eine Institution, die eine Gedenkstätte nicht nur des Unrechts gegen Juden, sondern allen menschlichen Unrechts werden soll.“

Die israelische Historikerin Idith Zertal weist auf einen peinlichen Lapsus in der israelischen Holocaust-Rezeption hin. Als die Knesset 1953 ein „Gesetz zum Gedenken an die Shoa“ verabschiedete, in dem die Toten der vernichteten jüdischen Gemeinden und die jüdischen Helden (die Soldaten, Partisanen und Ghetto-Kämpfer) gewürdigt wurden und der Bau zum Mahnmal von Yad Vashem beschlossen wurde, vergaß man, eine ganz wichtige Gruppe zu erwähnen: die Überlebenden. Zertal schreibt: „Sie wurden nicht für würdig befunden, dass man ihrer im Gesetz an die Shoa gedachte. Das offizielle Gedenken an die Shoa, dessen Errichtung der Staat Israel in diesem Gesetz verkündete, war ein Erinnern ohne die eigentlichen Träger der Erinnerung.“

Einer der schärfsten Kritiker der israelischen Erinnerungspolitik und damit auch von Yad Vashem ist Moshe Zuckermann. Er bestreitet, dass Israel jemals des Holocaust angemessen gedacht hat: „Wenn Netanjahu und seine Anhänger die ‚Palästinenser‘ als historische Quelle und Grund für das Ereignis der Shoa nutzen, so rührt das primär daher, dass die Shoah – als reales historisches Ereignis und als die das historische Bewusstsein in der ‚Welt nach Auschwitz‘ bestimmende Matrix – die israelische Politik und letztlich auch die breite israelische Öffentlichkeit nie wirklich interessiert hat, sondern lediglich als Fundament für deren fortwährende heteronome Instrumentalisierung dient. Es handelt sich dabei nicht um eine Auswirkung der letzten Zeit, die Instrumentalisierung ist schon so alt wie der Staat Israel.“

Zuckermann geht noch einen Schritt weiter, indem er dem offiziellen Israel sogar „Verrat an den Holocaust-Opfern“ vorwirft: „Sich selbst als Opfer zu wähnen, während man sich historisch zum Täter gewandelt hat, ist letztlich nichts weiter als moralischer Verrat an den historischen Opfern des eigenen Kollektivs, deren (beziehungsweise deren ‚Andenken‘) man sich perverserweise bedient, um die eigene, gewaltdurchwirkte, immer neue Opfer erzeugende Politik zu rechtfertigen. Denn genau das bedeutet ja, der Opfer im Stande ihres Opferseins nicht gedenken zu wollen. Wer sich selbst bewusst einmauert, darf sich nicht wundern, dass es ihm im eigenen Gemäuer einsam werden mag, unter Umständen sogar lebensbedrohlich einsam; wenn er aber diese Einsamkeit zur Ideologie erhebt, mithin das eigene falsche Bewusstsein mit der Erinnerung an die Verfolgungsgeschichte des eigenen Kollektivs befestigend begründet, dann instrumentalisiert er nicht nur das Andenken der Opfer nämlicher Verfolgungsgeschichte, sondern pervertiert es aus letztlich narzisstischen Beweggründen und Bedürfnissen.“

Zuckermanns Schlussfolgerung ist daher konsequent: „Wenn rassistische Diktatoren wie Viktor Orbán, Jair Bolsonaro und Rodrigo Duterte von Israel eingeladen werden, einen Kranz in Yad Vashem niederzulegen, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass wir eine relevante Lehre aus der jüdischen Leidensgeschichte gezogen haben.“ Und: „Der obligatorische Gang nach Yad Vashem hat bei staatsoffiziellen Besuchen schon seit Jahren nichts mehr mit Shoa-Gedenken zu tun.“ Authentisches Holocaust-Gedenken, so Zuckermann, muss völlig zweckfrei sein, muss ohne jede Instrumentalisierung der Opfer um ihrer selbst willen geschehen.

Bemerkenswert ist auch, dass Netanjahu den israelischen Ex-General und national-religiösen Politiker Ephraim Eitan im Herbet 1921 zum Leiter von Yad Vashem machen wollte. Ein Mann, der das Westjordanland als „vitalen Lebensraum“ bezeichnete – also mit einem NS-Begriff. In einem Interview bekannte er, dass alle, die von Menschenrechten und Frieden sprächen, „Psychopathen“ seien. Die Araber bezeichnete er als „Krebsgeschwür“ im Körper der Nation. Nur durch internationale Proteste konnte die Berufung Eitans nach Yad Vashem verhindert werden. Auch der gegenwärtige Vorsitzende der Gedenkstätte Dani Dayan ist kein Friedensengel. Er ist eine Schlüsselfigur der national-religiösen Siedlerbewegung, ist gegen die Zweistaatenlösung und für eine Annexion des Westjordanlandes.

Gideon Levys Anklage

Der israelisch Journalist Gideon Levy kritisierte nicht nur die Institution Yad Vashem, sondern brachte sie immer wieder auch in Zusammenhang mit der israelischen Politik. Eine scharfe Anklage gegen Yad Vashem erhob er, aber weniger gegen die Gedenkstätte als solche, als gegen den Geist des Erinnerns, der dort herrscht. Als sich Präsidenten und Regierungschefs aus der ganzen Welt am 23. Januar 2020 in Yad Vashem versammelten, um des 75. Jahrestages der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz zu gedenken, schrieb Levy aus diesem Anlass einen Artikel in Haaretz.

Er betonte, wie wichtig es sei, an die Vergangenheit zu erinnern, dabei dürfe man aber die Augen nicht vor der Gegenwart verschließen. Genau das wirft er aber den in Yad Vashem versammelten Regierungschefs – also auch dem deutschen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier – vor. Mit ihrem Schweigen, mit ihrer Missachtung der gegenwärtigen Realität und dem bedingungslosen Bekenntnis zu Israel würden sie die Erinnerung an die Vergangenheit verraten, in deren Namen sie nach Jerusalem gekommen seien. Wie könnten sie Gäste Israels sein, ohne die Verbrechen dieses Staates zu erwähnen; des Holocaust zu gedenken und gleichzeitig seine Lehren zu ignorieren; Jerusalem zu besuchen, ohne am Internationalen-Holocaust-Gedenktag in das Ghetto von Gaza zu reisen – könne man sich eine größere Heuchelei vorstellen? Es sei bedauerlich, dass die Regierungschefs es überhaupt nicht zur Kenntnis nähmen, was die Opfer des Holocaust einer anderen Nation zufügten.

Levy kritisiert dann, dass der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu ausgerechnet zum Zeitpunkt des Holocaust-Gedenktages Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag gefordert habe, weil dieser die Verbrechen Israels gegen die Palästinenser untersuchen wolle. Es muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass der IStGH der Nachfolger der Gerichte ist, die zur Aburteilung der Verbrechen des Zweiten Weltkrieges – einschließlich des Holocaust – eingerichtet wurden.

Levy geht dann auf den im Zusammenhang mit dem Holocaust immer wieder „bis zum Erbrechen“ zitierten Appell des Nie wieder! ein und forderte die in Yad Vashem versammelte politische Prominenz auf, ehrlich die Augen nach Süden und Osten zu richten, nur wenige Kilometer von Yad Vashem entfernt: „Dort gibt es keinen Holocaust, nur Apartheid. Keine Vernichtung, sondern eine systematische Verrohung einer Nation. Nicht Auschwitz, sondern Gaza. Wie kann man das am Internationalen Holocaust-Gedenktag ignorieren? Es ist schwer zu glauben, dass es nicht einmal einem Weltführer in den Sinn gekommen ist, der wegen der Zeremonie nach Jerusalem kam, nach Gaza zu reisen. Wenn einer von ihnen den Mut dazu hätte, würde er oder sie das Gedenken an den Holocaust nicht weniger ehren als mit einem Besuch in Yad Vashem. Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, an denen die Worte Nie wieder! so nachhallen sollten wie in den Grenzen dieses riesigen Ghettos, das durch den Staat der Holocaust-Überlebenden entstanden ist. Nicht nach Gaza zu gehen und zu sehen, was dort geschieht? Sich nicht mit dem Schicksal von zwei Millionen Menschen zu identifizieren, die seit 14 Jahren in einem Konzentrationslager, eine Stunde von Jerusalem entfernt, eingesperrt sind? Wie ist das möglich? Nicht in Gaza Nie wieder! zu weinen? Wie kann man das nicht?“

Levy schließt dann: „Man musste heute nach Israel kommen, um die Welt an den Holocaust zu erinnern, aber auch an das Schweigen. Gegen dieses Schweigen sollte man aufschreien: Nie wieder! Der Holocaust darf sich nie wiederholen, aber das peinliche Schweigen dauert an, auch an diesem Gedenktag in Jerusalem.“

Levy kritisiert hier die israelische Art des Erinnerns, die in Yad Vashem stattfindet – eben, dass Israel den Holocaust monopolistisch für sich beansprucht, ihn nicht universalistisch und gesamtzivilisatorisch, sondern partikularistisch, also ausschließlich jüdisch stammesbezogen versteht. Soll heißen, dass ein solches Gedenken nicht der Opfer um ihrer selbst gedenkt, sondern für sich selbst den Opferstatus beansprucht und mit dem Gedenken fremdbestimmte Ziele verfolgt. Dieses Gedenken, will Levy, sagen, ist völlig unglaubwürdig, weil es die Verbrechen, die das israelische Kollektiv begeht, völlig ausklammert, ja sie mit dem Holocaust sogar rechtfertigt.

Jehuda Elkanas Appell: Wir müssen um der Zukunft willen vergessen

Mit einer grundsätzlichen und viel beachteten Kritik am israelischen Umgang mit dem Holocaust ging der israelische Philosoph Jehuda Elkana 1988 an die Öffentlichkeit. Der Artikel war eine Reaktion auf Berichte, dass israelische Soldaten in den besetzten Gebieten furchtbare Gräueltaten begangen hätten. Er fragt nach den Motiven für solche Untaten und sieht sie in einer tiefen existentiellen Furcht, die von bestimmten Interpretationen des Holocaust genährt werde. Dieser Gelehrte wusste, wovon er schrieb, als erseinen Essay Die Notwendigkeit, zu vergessen in der Tageszeitung Haaretz veröffentlichte. Er wurde als Junge von zehn Jahren nach Auschwitz gebracht und überlebte das Vernichtungslager.

Als israelischer Jude trifft er am Anfang seines Textes eine erstaunliche Feststellung: Er sei in der Zeit nach Auschwitz vielen Menschen begegnet, ihm sei dabei klar geworden, dass das, was in Deutschland geschehen ist, überall geschehen könnte: in jedem Volk, auch in seinem eigenen. Solch schreckliche Ereignisse könne man nur durch eine entsprechende Erziehung und den richtigen politischen Rahmen verhindern. Es habe nie einen politischen Prozess gegeben, der notwendigerweise zu einem Genozid geführt habe.

Elkana stellt dann eine Verbindung zwischen dem Holocaust und der aktuellen politischen Situation in Israel her: „In der letzten Zeit kam ich zu der Überzeugung, dass der ausschlaggebende politische und soziale Faktor, der die israelische Gesellschaft in ihren Beziehungen zu den Palästinensern motiviert, nicht persönliche Frustration ist, sondern eher eine tiefe existenzielle Angst [Elkana benutzt hier das deutsche Wort Angst], die sich von einer bestimmten Interpretation der Lehren des Holocaust nährt, und der Bereitschaft zu glauben, dass die ganze Welt gegen uns ist und dass wir die ewigen Opfer sind. In diesem uralten Glauben, der von vielen geteilt wird, sehe ich den tragischen und paradoxen Sieg Hitlers. Zwei Nationen tauchten – bildlich gesprochen – aus der Asche von Auschwitz auf: eine Minderheit, die erklärt: ‚Dies darf nie wieder geschehen‘, und eine angsterfüllte und verfolgte Mehrheit, die erklärt: ‚Dies darf uns nie wieder geschehen‘. Wenn dies die einzigen Lehren sind, dann habe ich mich immer an der ersteren festgehalten und die zweite als eine Katastrophe angesehen. Hier unterstütze ich nicht eine dieser beiden Positionen, sondern möchte lieber behaupten, dass jede Lebensphilosophie, die sich nur oder zum Teil aus dem Holocaust nährt, zu verheerenden Konsequenzen führt.“

Und weiter: „Geschichte und kollektive Erinnerung sind untrennbarer Bestandteil jeder Kultur, aber die Vergangenheit kann nicht und darf nicht das herrschende Element sein, das die Zukunft der Gesellschaft und das Schicksal eines Volkes entscheidend bestimmt. Die bloße Existenz der Demokratie ist gefährdet, wenn das Gedächtnis an die Toten aktiv am demokratischen Prozess teilnimmt. Faschistische Regime verstehen dies sehr wohl und handeln danach. Wir verstehen es heute, und es ist kein Zufall, dass viele Studien über Nazi-Deutschland sich mit der politischen Mythologie des Dritten Reiches befassen. Indem man sich auf die Lehren der Vergangenheit verlässt, um die Zukunft zu bauen – und das vergangene Leiden als politisches Argument ausbeutet – , bezieht man die Toten in das politische Leben der Lebenden mit ein.“

Elkana beruft sich auf eine Aussage von Thomas Jefferson, dass Demokratie und die Verehrung der Vergangenheit nicht vereinbar seien, denn Demokratie fördere die Gegenwart und die Zukunft. Zu viel „Erinnere Dich!“ und eine zu große Sucht nach der Vergangenheit untergrüben die Fundamente der Demokratie. Elkana macht das tiefe Eindringen des Holocaust in das nationale israelische Bewusstsein dafür verantwortlich, dass der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu so vielen „Anomalitäten“ geführt habe und dass der politische Friedensprozess heute in einer solchen Sackgasse gelandet sei.

Die größte Bedrohung für die Zukunft Israels, wiederholt er noch einmal, sieht er darin, dass der Holocaust systematisch und gewaltsam in das Bewusstsein der israelischen Gesellschaft eingedrungen sei, selbst in jenen großen Teil, der die Erfahrung des Holocaust gar nicht durchgemacht habe, und selbst in jene Generation, die in Israel geboren und aufgewachsen sei. „Was tun wir, wenn wir Kinder Jahrzehnte lang mehrmals Yad Vashem besuchen lassen? Was sollen Kinder mit solchen Erfahrungen anfangen? Was bezweckt der ernste Appell: ‚Erinnere Dich!‘? Was soll ein Kind mit solchen Erinnerungen tun?“ fragt er. Viele der Bilder jener Schrecken eigneten sich dafür, als Aufruf zum Hass verstanden zu werden.

Er fährt fort: „Was uns betrifft – müssen wir vergessen lernen! Heute sehe ich für die Führer der Nation keine wichtigere politische und pädagogische Aufgabe, als für das Leben einzutreten, sich der Gestaltung unserer Zukunft in diesem Lande zu widmen und nicht tagaus tagein nur mit den schrecklichen Symbolen, quälenden Zeremonien und der düsteren Lehre des Holocaust beschäftigt zu sein. Sie müssen die Vorherrschaft dieses historischen ‚Erinnere Dich!‘ über unser Leben unbedingt beenden.“ Elkana erklärt zum Schluss seines Essays noch, wie er das Vergessen verstanden wissen will: Er plädiert nicht dafür, dass die Nation ihre eigene Vergangenheit total vergessen soll, sondern dafür, dass Israel den Holocaust aus der Mitte der nationalen Erfahrung nimmt.

Warnung vor einseitiger Indoktrination

All diese Argumente von israelischen Intellektuellen sind sehr ernst zu nehmen. Der Holocaust-Opfer zu gedenken ist ein zutiefst notwendiges moralisches Anliegen. Die Gefahr, dass die Yad-Vashem-Ableger in Deutschland lediglich das zionistische Holocaust-Narrativ verbreiten wollen, also Propaganda für den zionistischen Staat machen wollen, die vor allem auch das Vorgehen gegen die Palästinenser rechtfertigen soll – sogar den Genozid in Gaza – ist nicht von der Hand zu weisen.

Die Yad Vashem-Vertreterin in Europa, Richelle Budd Caplan, hat deutlich ausgesprochen, was das Lernziel der Fortbildung der Organisation sein soll: zu verstehen, was Antisemitismus ist und zu lernen, wie man ihn bekämpft. Es geht in den Kursen also offenbar weniger um das Mega-Verbrechen Holocaust, sondern um die Vermittlung der zionistischen Definition von Antisemitismus. Und diese Definition ist hinlänglich bekannt: Sie setzt Antisemitismus und Antizionismus gleich, soll heißen: Jede Kritik an Israels menschenrechts- und völkerrechtswidriger Politik gegenüber den Palästinensern – und sei sie auch noch so berechtigt – wird als „Antisemitismus“ diffamiert. Die Absicht dieses Vorgehens ist auch klar: Jede öffentliche Auseinandersetzung über Israels brutale Besatzungspolitik soll verhindert, ja zum Tabu erklärt werden. Wer sich daran nicht hält, ist eben ein „Antisemit“ und wird dann mit den übelsten Nazi-Schergen auf eine Stufe gestellt.

Man muss also vor der sehr einseitigen Indoktrination dieser Institution warnen. Dass Israel reinen Siedlerkolonialismus auf Kosten und auf dem Rücken eines anderen Volkes praktiziert und sich dennoch immer noch als Opfer fühlt, wird man in den Ablegern von Yad Vashem nicht erfahren. Vom palästinensischen Narrativ – also der Geschichte von Vertreibung und Unterdrückung dieses Volkes, die bis heute andauern, auch von dem Genozid in Gaza – wird man dort auch nichts hören. Man wird viel Hasbara (Propaganda) präsentieren, die Israel als ein weltoffenes, innovatives und fortschrittliches Land darstellt, in der die allgegenwärtigen Bilder von Repression, Besatzung und Menschenrechtsverletzungen aber nicht vorkommen.

Eine Institution wie Yad Vashem müsste eigentlich ein höchst moralische und vor allem universalistische Botschaft verkünden, in der die menschliche Würde, die Gleichheit aller Menschen und die Gerechtigkeit selbstverständliche Anliegen sind. Aber kann das ein Staat, der partikularistisch das Monopol für den Holocaust beansprucht und ihn nach seinen Interessen auslegt und instrumentalisiert? Der in Gaza einen Völkermord begangen hat und weiter begeht? Hat der noch das Recht, von Moral zu sprechen und sie auch von anderen zu fordern – sich also als Vorbild zu präsentieren?

Ein Staat, in dem der verantwortliche Minister für Sicherheit Itamar Ben Gvir – es sei noch einmal daran erinnert, öffentlich sagen darf: »Ich denke, dass man gezielte Tötungen in Gaza ausführen sollte, jede Nacht 30, 40 (Menschen) entfernen.« Damit meinte er explizit nicht nur Terroristen. Es gebe im Gazastreifen vielmehr Menschen, die es »nicht verdient« hätten zu leben, sagte er. Die für ihn nicht einmal Menschen seien.

1.09.2026

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    • Weltmacht Israel
    • Israels Hilfsangebot an den Libanon
    • Omri Boehms Buch "Israel - eine Utopie"
    • Der israelische Philosoph Omri Boehm appelliert an die Deutschen
    • Wenn der Mut fehlt, den Zionismus realistisch darzustellen
    • Die religiöse jüdische Opposition gegen den Zionismus
    • Die Demonstrationen und Proteste in den USA und was Israel damit zu tun hat
    • Will der Iran Israel vernichten?
    • Israel und seine enge Freundschaft mit dem Apartheid-Südafrika
    • Satirisch gemeinter Brief an den Antisemitismus-Beauftragten in der Sache Achille Mbembe
    • Achille Mbembe hat wichtige Anstöße für die deutsche Nahost-Debatte gegeben
    • Achille Mbembes brillante Antwort auf den Antisemitismusvorwurf
    • Das Dilemma der deutschen Antisemitismus-Forschung
    • "Aufklärung" über Antisemitismus
    • Die Stimme des anderen Israel: Nirit Sommerfeld
    • Ein Symbol für den Freiheitskampf der Palästinenser
    • Trumps Nahostplan und die Außenpolitik der USA und Israels
    • Kritische Gedanken zum Holocaust-Gedenken
    • Zur Kriegsgefahr im Nahen Osten
    • Ein Beispiel für die Ideologisierung der Geschichte Israels
    • Weihnachten und Palästina
    • Robert Habeck in Israel
    • Abgesang auf die Antideutschen
    • Hisbollah-Verbot in Deutschland
    • Der Westen und seine verhängnisvolle Außenpolitik
    • DER SPIEGEL zum Thema Meinungsfreiheit
    • Hexenjagd auf "Antisemiten"
    • Hungert sie aus!
    • Wahlen in der "einzigen Demokratie" des Nahen Ostens
    • Briefwechsel mit dem Psychoanalytiker Dr. Axel Groß über mein Buch "Der Kampf um die Wahrheit. Israels Konflikt mit den Palästinensern aus psychoanalytischer Sicht"
    • Hermann Dierkes über mein neues Buch: Israels Konflikt mit den Palästinensern aus Sicht der Psychoanalyse
    • Israel und der Antisemitismus
    • Wenn ein Bischof die Wahrheit über Israel sagt
    • Israel zieht Nakba-Dokumente aus dem Verkehrh
    • Das Beispiel Dr. Dr. Ermler
    • Trumps und Kushners "Jahrhundert-Plan"
    • Israels Propaganda
    • Der Zionismus und die Menschenwürde
    • Totale Israelhörigkeit
    • Israel und der Zionismus
    • Israel und die Apartheid
    • Isreals ungewisse Zukunft
    • "Gute" Juden - "böse" Juden
    • Die BDS-Bewegung als "Krawallmacher"
    • Will Israel den Mond annektieren?
    • Israel und seine Mauer
    • Triumph des moralischen Nihilismus
    • "Und Frieden auf Erden" - aber nicht in Palästina / Weihnachten 2018
    • Kirche sagt Vortrag von Andreas Zumach ab
    • Fortbildung für deutsche Lehrer in Yad Vashem
    • Die Kirche, die Nach-Auschwitz-Theologie und Israels Unrechtspolitik
    • Anmerkungen zur deutschen Antisemitismus-Hysterie
    • Finden an der Grenze zum Gazastreifen Hinrichtungen statt?
    • Trumps irrsinnige Nahost-Politik
    • Gibt es eine "Israelisierung der Welt"?
    • Die Palästinenser - das verratene Volk
    • Das fragwürdige Wikipedia-System
    • Eine verzerrte Darstellung der israelischen Geschichte
    • Die Stimme des „anderen Israel“
    • Muslime und Juden in Auschwitz
    • Die Linke und Israel
    • Tom Segevs Ben-Gurion-Biografie (Rezension)
    • Problematische Antisemitismus-Diskussion
    • DIE ZEIT und ihr fragwürdiges Israel-Bild
    • Eine Attacke auf Bettina Marx
    • Unterstützung für den Antisemitismus-Beauftragten!
    • Die israelische Tragödie
    • Karfreitagsmassaker in Gaza
    • Gibt es eine Antisemitismus-Hysterie in Deutschland?
    • 70 Jahre Israel
    • Michael Lüders: Die den Sturm ernten (Rezension)
    • Der Streit um Israels "Existenzrecht"
    • Diskussion um BDS
    • BDS "Endlösung der Judenfrage"?[Standard-Titel]
    • Der Sohn eines israelischen Generals erzählt
    • Vortrag über Antisemitismus
    • Kritik an Broschüre der DIG
    • Deutschland und Israel
    • Shlomo Sand wendet sich vom Zionismus ab
    • Reuven Moskowitz kritisiert Israels Besatzungspolitik
    • Über die Nakba-Ausstellung*
    • Israel - ein Staat im permanenten Kriegszustand
    • Die Aktualität Isaac Deutschers
    • Über Mirna Funks Roman "Winternähe"
    • Orientalische Juden in Israel
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