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Kufiya im Hörsaal – Polizei mit Hunden ante portas

Der „bedrohliche Antisemitismus Skandal“ in der Bielefelder Uni zieht noch immer Kreise / Eine Dokumentation zum Geschehen

Kurz der Hergang des „Skandals“: Der Antisemitismus-Verfolger Andreas Stahl von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus e.V. (RIAS) hielt am 8.12.2025 im Hörsaal 16 der Bielefelder Universität einen Vortrag über „Akademischen Antisemitismus“. Einige der etwa 30 Besucher der Veranstaltung (ein paar mit Kufiya) hatten wenig Gefallen an den Ausführungen des Referenten und äußerten ihren Unmut mit Zwischenfragen und Protestrufen. Daraufhin erschienen zehn Sicherheitsleute, die die Zwischenrufer zwangen, den Saal zu verlassen. Zusätzlich erschienen noch etwa 20 Polizisten mit Hunden, die aber nicht eingriffen, aber immerhin eine bedrohliche Kulisse schufen. Die Veranstaltung wurde aber nicht abgebrochen, sie konnte zu Ende geführt werden.

Die Medien der Stadt waren sich einig: ein „bedrohlicher Antisemitismus-Skandal“! In die Kritik geriet aber auch die Leitung der Universität, weil sie sich nicht vermittelnd um eine der akademischen Institution angemessene Diskussionskultur bemüht hatte, sondern gleich Security-Leute und die Polizei anrücken ließ. Auf diesen Kritikpunkten lag auch das Schwergewicht der Leserbriefe an die Medien. Die Schreiber, die alle Augenzeugen des Geschehens im Hörsaal 16 gewesen waren, gaben an, dass die Zwischenrufe bei dem Vortrag „laut, aber nie drohend und aggressiv“ gewesen seien. Sie warfen der Leitung der Universität vor, mit ihrem drastischen Vorgehen ein gefährliches Beispiel für die Einschränkung und Unterdrückung der Meinungsfreiheit gegeben zu haben.

Weil der Vorgang nicht auf Bielefeld und seine Universität beschränkt ist, sich ähnliche Fälle an anderen Universitäten häuften und die Vorwürfe des „israelbezogenen Antisemitismus“ immer lauter und intoleranter werden, hat die Bielefelder Autorin Karin Wetterau (Verfasserin des Buches: Neuer Antisemitismus? Spurensuche in den Abgründen einer politischen Kampagne) eine Dokumentation über den „Skandal“ im Hörsaal 16 herausgegeben, die nicht nur das lokale Ereignis darstellt, sondern sich auch sehr kritisch mit dem „israel-bezogenen Antisemitismus“ auseinandersetzt.

Der Referent Andreas Stahl ist ein blinder und fanatischer Verteidiger Israels und seiner Politik, und jede Kritik an diesem Staat ist für ihn und Gleichgesinnte eben Judenhass, also Antisemitismus. Punkt. Sie setzen also Judentum mit dem zionistischen Staat gleich, unterscheiden nicht – wie es unbedingt nötig wäre – zwischen Judentum, Zionismus und Israel, denn nicht alle Juden sind Zionisten, und nicht alle Zionisten sind Juden. Durch die Gleichsetzung der drei Entitäten können sie alle faktenbeladenen Gegenargumente mühelos abwehren, denn jede Nennung von Fakten (etwa die Unterdrückung der Palästinenser, die Besatzung und die Vertreibung der Angehörigen dieses Volkes) können sie so als „antisemitische Stereotype“ entlarven. Eine scheinbare Parallele aus der Geschichte des Antisemitismus findet sich immer.

Andere Beispiele: Hält man diesen Israel-Anhängern etwa vor, dass die israelische Armee in Gaza Tausende von Kindern ermordet hat, antworten sie mit der Ritualmordlegende (die Christen warfen im Mittelalter den Juden vor, christliche Kinder für ihre religiösen Rituale zu rauben); auf den Vorwurf, dass die Israelis den Menschen in Gaza kein Wasser lieferten, führen sie den Mythos der Brunnenvergiftung an (auch ein Vorwurf der Christen an die Juden im Mittelalter). Sie verweigern also jede Auseinandersetzung mit realen Fakten. Der Gipfelpunkt ihrer Argumentationskunst ist aber ihre Antwort auf die auch von israelischen bzw. jüdischen Holocaust-Historikern getroffenen Feststellung, dass Israels Armee in Gaza einen Genozid begangen habe. Dem halten sie entgegen: Mit dieser „Behauptung“ werde eine „Gelegenheitsstruktur“ für Antisemiten geschaffen, um unter dem „Deckmantel von Israel-Kritik“ ihren Antisemitismus ungehemmt ausleben zu können.

Anette Kahane, die Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung (eine ähnliche Antisemitismuswächter-Organisation wie RIAS) hat für die „Gelegenheitsstruktur“ sprachlich ein sehr „schönes“ Bild: „Sobald sich etwas Interessantes [etwa der Genozid in Gaza? A.Str.] regt, ein Skandal, dann gehen die Schachteln auf und die Antisemiten krabbeln ans Tageslicht.“ Eigentlich hätten die bedingungslosen Verteidiger Israels angesichts der Nachrichten aus dem Gazastreifen vor Scham im Boden versinken müssen, aber sie reagierten mit beispiellosem Zynismus. Deshalb fragte die jüdische Schriftstellerin Eva Menasse, ob diese Antisemitismus-Wächter jeden Anstand verloren hätten und langsam verrückt geworden seien.

Aber diese Antisemitismusjäger haben in Deutschland den politischen und medialen Mainstream hinter sich und können – und sei ihre Ideologie auch noch so absurd und realitätsfern – entsprechend mit großem (aber in Wirklichkeit falschem) Selbstbewusstsein auftreten. Sie vollziehen nur das, was offizielle deutsche Staatsräson ist: die völlige Identifizierung mit dem zionistischen Staat Israel. So glaubt die politische Elite in Deutschland seit Jahrzehnten, auf diese Weise die nationalsozialistischen Verbrechen aufarbeiten und Absolution erlangen zu können. Zu dieser politischen Haltung gehört untrennbar der „israelbezogene Antisemitismus“, dessen Funktion es ist, jede Kritik an Israel und seiner Politik abzuwehren und das Bild eines makellosen und moralisch sauberen, idealen „jüdischen Staates“ zu vermitteln.

Der israelische Holocaust-Historiker Daniel Blatman hat diesen Antisemitismus-Begriff schon vor Jahren als Produkt der israelischen Hasbara (Propaganda) entlarvt. Er lehrt an der Hebräischen Universität in Jerusalem (sein Fachgebiet ist der Holocaust) und er ist zugleich der Chefhistoriker des Warschauer Ghetto-Museums. Ein Mann also, den man wahrhaftig nicht unter Antisemitismus-Verdacht stellen kann. Er spricht in einem Aufsatz von der „Verzerrung des Antisemitismus“ besonders in Deutschland und einer „Hexenjagd“ auf alle, die den gängigen Antisemitismus-Begriff nicht akzeptieren und womöglich noch Israels Politik kritisieren.

Blatman nennt die Veränderung („Verzerrung“) des Antisemitismusbegriffs eine „Revolution“. Warum? Er setzt den traditionellen, vertrauten Antisemitismus, der durch Feindseligkeit, Hass und Dämonisierung gegenüber Juden und Judentum gekennzeichnet war und ist (es gibt ihn ja noch) und sich in Mythen und Stereotypen ausdrückt von dem neuen funktionalen Antisemitismus ab, der auf dem Prinzip beruht, dass jeder, den bestimmte Juden als antisemitisch definieren wollen, als solcher auch definiert wird.“

Was Blatman dann definitorisch ausführt, ist für das deutsches Mainstream-Verständnis ein solcher Tabubruch, dass man es wörtlich anführen muss: „Mit anderen Worten, es handelt sich [bei dem funktionalen Antisemitismus] nicht mehr um einen Antisemitismus, der zwischen Juden und Nichtjuden nach Kriterien wie Religion, Kultur, Nationalität oder Rasse unterscheidet – sondern um einen, der zwischen Antisemiten und Nicht-Antisemiten unterscheidet, nach Kriterien, die von der israelischen Regierung und von Juden und Nicht-Juden, die ihn unterstützen, in Deutschland und anderen Ländern aufgestellt werden.“

 

Und weiter: „Was hier geschieht ist nicht weniger als eine historische Revolution im Verständnis des Antisemitismus: Antisemitische Deutsche definieren nicht mehr, wer ein Jude ist, der aus der Gesellschaft verbannt werden muss, sondern bestimmte Juden definieren, wer ein Antisemit oder ein Philosemit ist, und die Deutschen nehmen ihre Meinung an.“ Diese Aussagen lassen sich bestens auf RIAS und die Amadeu Antonio Stiftung

anwenden.

Wahrscheinlich ist Blatman in den Augen der deutschen Antisemitismus-Wächter ein „Antisemit“ oder „selbsthassender Jude“. Aber Blatman weist darauf hin, worauf es ankommt: Es stellt sich immer dringender die Aufgabe, sich mit einer ideologie-kritischen Analyse dem „israel-bezogenen Antisemitismus“ entgegenzustellen und ihn als das zu entlarven, was er ist: ein „autoritärer Anti-Anti-Antisemitismus“. Der Antisemitismus-Forscher Peter Ullrich beschreibt ihn und die Gefahren, die von ihm ausgehen, so: „Gegenwärtig befinden wir uns in der verstörenden Situation, dass ein fortschrittliches, humanistisches, zutiefst unterstützenswertes Ziel, der Kampf gegen den Antisemitismus, in einer verunstalteten Form als ‚autoritärer Anti-Anti-Antisemitismus‘ zu einem Katalysator und Motor andauernder Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit und auf Grund- und Freiheitsrechte im Allgemeinen wird und damit massiv bestimmte Formen und Räume der Kritik erodiert.“

Und weiter: „Diese paradox erscheinende Konstellation lässt sich durch das Konzept ‚autoritärer Anti-Antisemitismus‘ fassen. Eine generelle ‚Versicherheitlichung‘ der Hochschulen, die Protest als Gefährdung einstuft und den universitären Raum politisch entleert, akademische Autonomie und Wissenschaftsfreiheit unterminiert, diskursive Räume verengt und dabei in einem regelrechten Kulturkampf bestimmte Forschungsansätze von rechts diffamiert – und damit prototypisch für den autoritären Anti-Antisemitismus.“

Bilanz: Die Dokumentation über den „Antisemitismus-Skandal“ in Bielefeld tritt mit ihren Beiträgen diesem „autoritären Anti-Antisemitismus“, der in Deutschland Staatsräson ist, couragiert und aufgeklärt entgegen und kann deshalb bestens als Lehrbeispiel für den so nötigen rational-kritischen Diskurs in der Gesellschaft empfohlen werden.

Antisemitismus oder Zensur? Eine Dokumentation. Sie kann bei Karin Wetterau für 10 Euro bestellt werden: karwet@gmx.de

PS. Der Referent in Bielefeld Andreas Stahl gehört wie oben angegeben der Organisation RIAS an. Der Autor Gerhard Hanloser hat dieser Organisation in seinem gerade erschienenen Buch „Linker Antisemitismus“. Zur Kritik eines Kampfbegriffes ein ganzes Kapitel gewidmet. Er führt aus: RIAS versteht sich als zivilgesellschaftliche Monitoring-Instanz, die vor allem den Formen des „israel-bezogenen Antisemitismus“ nachspürt. Die zweifelhaften Untersuchungsmethoden der Organisation beschreibt der Autor so: „RIAS zählt, wer ‚israelbezogenen Antisemitismus‘ äußert. Doch der Begriff ist so dehnbar, dass fast jede grundlegende Kritik an Israels Politik unter Verdacht gerät. Das Ergebnis: Eine Kategorie, die angeblich Hass gegen Juden misst, umfasst plötzlich auch Friedensdemonstrationen. Eine Parole gegen Bombardements in Gaza wird neben einem Übergriff auf einen Mann mit Kippa aufgelistet. Eine Formel wie ‚Israel begeht Völkermord‘ wird registriert, ohne dass jemand fragt: Ist das eine antisemitische Dämonisierung oder schlicht politische Übertreibung oder gar eine erschreckend realitätstaugliche Aussage?“

Kriterien für die Arbeit von RIAS sind nicht wissenschaftlich ermittelte Daten, sondern Meldungen und Aussagen von Betroffenen und Zeugen, also oft eher gefühlte Wahrheiten. Das Ergebnis ist dann eine verzerrte Realität: „Das System der Antisemitismus-Erfassung [von RIAS] produziert selbst eine verzerrte Realität – ein Zerrbild, das mehr über deutsche Befindlichkeiten erzählt als über den realen Hass, dem Jüdinnen und Juden begegnen.“

Auch der renommierte Antisemitismusforscher Peter Ullrich, den Hanloser zitiert, sieht die Organisation sehr kritisch. Er spricht von einem „autoritären Anti-Antisemitismus“, dessen Funktion es sei, Antisemitismus-Vorwürfe als Instrumente der Kontrolle und Disziplinierung zu verwenden. Die Schwelle zur Klassifizierung antisemitischer Vorfälle sei bewusst niedrig angesetzt und kollidiere so mit Grundrechten wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Menschen oder Gruppen würden durch die breite Erfassungspraxis vorverurteilt, ehe eine differenzierte Prüfung erfolgt sei.

Dazu kommt: RIAS muss, um seine Existenz und seine öffentliche Förderung zu rechtfertigen, möglichst hohe Fallzahlen oder medienwirksame Ereignisse liefern. Wie verfehlt Meldungen von RIAS sein können, belegt der Bericht über einen Vortrag des israelischen Historikers Moshe Zimmermann in Magdeburg. Er hatte über den Aufstieg der Nationalsozialisten referiert und mit dem Appell geendet, dass das „Nie wieder!“ universell verstanden werden müsse, also nicht nur auf Deutschland begrenzt sei, sondern natürlich auch für Israel gelte. RIAS registrierte diese Rede in seinem Jahresbericht für 2020 unter der Rubrik „Erinnerungsabwehr und Antisemitismus“.

Hanloser wirft der Organisation mit Recht denunziatorische Praktiken vor, weil sie jenseits von Faktenchecks diskursive Wahrheiten über „explodierenden Antisemitismus“ produziere. Sie bekämpfe mit solchen Methoden nicht Antisemitismus, sondern schaffe vor allem Effekte, die politisch opportun seien.

Aus: Gerhard Hanloser: „Linker Antisemitismus“. Zur Kritik eines Kampfbegriffes, Mandelbaum Verlag Wien, ISBN 978-3-99136-525-9, 18 Euro

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