Es gibt in Deutschland Kreise, die den 7. Oktober, den Tag also, an dem die Hamas aus ihrem Gefängnis ausbrach und Israel überfiel, zu einem Gedenktag machen wollen. Man will der Opfer dieses Blutbades gedenken – natürlich nur der israelischen. Was vor und nach dem 7. Oktober geschah, verschweigt man lieber. Die Hamas ist danach an allem schuld und Juden sind die Opfer, so der Tenor. Eine Gruppe jüdischer Demonstranten hielt dieser Tage ein Transparent hoch mit der Aufschrift: „Die Behauptung, dass in Gaza ein Völkermord stattgefunden hat, ist die Folge von Jahrtausende altem Judenhass!“
Was für eine Verfälschung der Geschichte! Natürlich gab es viel Jahrhunderte lang viel christlichen Judenhass. Er gipfelte dann, nachdem man ihn in eine pseudo-wissenschaftliche Weltanschauung (Antisemitismus genannt) verwandelt hatte, im Holocaust der Nazis. Niemand bestreitet das, aber was hat das mit dem 7. Oktober und seinen Folgen zu tun?
Menschen, die diesen Tag zum Gedenktag machen wollen, ignorieren die Vorgeschichte dieses Tages. Ja, sie leugnen die ganze Geschichte des Zionismus, der von seinen Anfängen an nur ein Ziel verfolgte, Palästina zu einem homogenen jüdischen Staat ohne Palästinenser zu machen. Vertreibung, ethnische Säuberung und auch äußerste Gewalt bis zu Eliminierung waren und sind die Mittel, diesen Staat (Groß-Israel) zu schaffen.
Es kann hier nicht die ganze Geschichte der zionistischen Unterdrückung der indigenen Bevölkerung Palästinas aufgeführt werden. Aber es sei wenigstens an die Geschichte des Gazastreifens seit 2006 erinnert. In jenem Jahr hatte die Hamas freie Wahlen (international kontrolliert) in den von besetzten Gebieten deutlich gewonnen. Sie wollte mit der Fatah eine Regierung der nationalen Einheit bilden. Israel und der Westen haben das Ergebnis der Wahlen nicht anerkannt, sondern Israel hat die gewählten Abgeordneten der Hamas verhaftet. Gemeinsam mit den westlichen Verbündeten stellte Israel unter der Führung eines amerikanischen Generals eine Truppe aus vornehmlich Fatah-Leuten auf, die die im Gazastreifen regierende Hamas stürzen sollte. Aber der Putsch misslang, die Hamas erwies sich als militärisch stärker.
Daraufhin riegelte Israel 2007 den Gazastreifen vollständig von der Außenwelt ab, baute Zäune und Mauern um das Gebiet, kontrollierte die Ein- und Ausgänge, ließ nur noch das Allernötigste hinein – die Menschen dort wurden im „größten Freiluftgefängnis der Welt“ zu einem Hunger- und Elendsdasein verurteilt. Kritiker dieser brutalen Belagerungspolitik wie der israelische Journalist Gideon Levy sprachen sogar von einem „Konzentrationslager“.
Um die Welt auf dieses schreiende Unrecht aufmerksam zu machen, schossen die Hamas oder andere islamische Gruppen selbstgebastelte Raketen auf Israel, die militärisch aber bedeutungslos waren und in Israel kaum Schaden anrichteten. Der zionistische Staat schlug furchtbar zurück: In fünf Kriegen flogen israelische Kampfflugzeuge Angriffe auf den Gazastreifen, töteten Tausende von Menschen und richteten furchtbare Zerstörungen an. Israel nannte die Angriffe zynisch „Rasenmähen“. Immer wieder vorgebrachte Waffenstillstands- oder Friedensangebote der Hamas wurden ignoriert.
Wenn man diese Vorgeschichte des Gazastreifens berücksichtigt (und natürlich auch die gesamte gewaltsame Geschichte des zionistischen Vorgehens gegen die Palästinenser), dann muss man den 7. Oktober anders beurteilen: Es war der explosive Ausbruch der Unterdrückten, Elenden und Geschundenen gegen eine furchtbare und gnadenlose Besatzung, die schon Jahrzehnte andauerte. Es war kein Aufstand gegen Juden, er hat mit Anstisemitismus nichts zu tun, er war ein Aufstand für die Befreiung eines Volkes aus schrecklicher Not. Wenn die Besatzer nicht Juden gewesen wären, sondern Angehörige eines anderen Volkes, hätte der Überfall genauso stattgefunden.
Dazu kommt etwas anderes: Wir wissen gar nicht, was an diesem Tag wirklich geschehen ist. Fakt ist, dass die Hamas nicht Juden töten wollte, sondern Zäune, Mauern und Militäranlagen (also die Bastionen ihrer Einkesselung) zerstören und gegen ihre militärischen Bewacher vorgehen wollte. Das israelische Militär, das von dem Angriff völlig überrascht wurde, griff verspätet vor allem mit Apache-Hubschraubern und Panzern ein, die auf alles schossen, was sich bewegte. Dabei wurde ganz offensichtlich die Hannibal-Doktrin angewandt, die besagt, dass man die eigenen Leute lieber tötet, als sie in die Hände der Feinde fallen zu lassen. Israel hat eine neutrale, von internationalen Experten durchgeführte Untersuchung des Geschehens stets abgelehnt. Wohl aus guten Gründen.
Mit diesen Zeilen soll nicht das Massaker gerechtfertigt werden. Massaker kann man nicht rechtfertigen, sie sind immer schrecklich und inhuman. Aber sie sind so gut wie immer das Ergebnis einer falschen, verfehlten Politik. Nicht der Hamas allein sind also Schuldvorwürfe zu machen, sondern vor allem Israels grausamer Okkupationspolitik, die das Lebensrecht und die Würde eines ganzen Volkes permanent unter seine brutalen Militärstiefel tritt. Besetzte Völker dürfen nach dem Völkerrecht – auch bewaffneten – Widerstand leisten, Zivilisten müssen dabei aber verschont werden.
Die Hauptschuld an dem Blutbad trägt deshalb Israel mit seiner Gewaltpolitik gegen ein ganzes Volk. Und eine solche Politik ist die Kernidee des Zionismus. Wer deshalb die Hoffnung auf die Änderung der israelischen Politik hegt, hängt Illusionen an – das gilt auch für die bevorstehenden Wahlen. Egal wer sie gewinnt, an Israel paranoischen Hass auf die Palästinenser wird sich nichts ändern.
Der 7. Oktober darf deshalb nicht ein Tag der einseitigen Schuldzuweisung und der Hetze gegen die Hamas sein, sondern des Nachdenkens und der Reflexion, wie man Geschehnisse dieser Art durch eine kluge und humane Politik verhindern kann. Dabei darf es keine Vorbehalte, falsche Rücksichten und Tabus geben. Und man muss dabei auch bedenken, was nach dem 7. Oktober geschah: ein Genozid an den Palästinensern, den zu begehen sich die Zionisten rechtfertigend sogar auf den Holocaust der Nazis beriefen!
5.10.2026